Hexeneinmaleins

Erstveröffentlichung

Eine ganze Menge Leben (1978)

Musik und Text

Konstantin Wecker
Konstantin Wecker

Abdruckrechte

Fanfare Musikverlag Edition

Hörbeispiel

Studio 1991

Studio 1978

Du mußt verstehn! Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß gehn, und Drei mach gleich,
so bist du reich. Verlier die Vier!
Aus fünf und sechs - so sagt die Hex -
Mach Sieben und Acht, so ist´s vollbracht:
Und Neun ist Eins, und Zehn ist keins.
Das ist das Hexeneinmaleins!

Als sie Giordano Bruno verbrannten
sandte sein Gott keine Blitze gegen das Unrecht
munter flackerte das Feuer
der Pöbel mußte manchmal husten zwischen zwei Lachern
so qualmte Giordano
oder Grandier
neben seinem Scheiterhaufen
sonnte sich Richelieu
vierzehn Nonnen
mit Klistierspritzen garniert
wälzten sich vor Wollust und Gier
und das christliche Abendland
sann befriedigt
nach weiteren guten Taten.
Was hat dieser Ketzer mit uns zu tun
flötet unser Jahrhundert
doch
dreihundert Jahre später
konnte ein gewisser Trotzki
angeklagt
der Unzucht mit der Freiheit

das Haupt vom Dogmenbeil schon gespalten
dreihundert Jahre später
konnte dieser Trotzki
die Menschheit nur noch um Vergebung bitten für seinen Henker.

Immer noch werden Hexen verbrannt
auf den Scheiten der Ideologien.
Irgendwer ist immer der Böse im Land
und dann kann man als Guter
und die Augen voll Sand
in die heiligen Kriege ziehn!

Sacco und Vanzetti
keiner rothaarig
nie mischten sie Zaubertränke um Mitternacht
auch des Nachbarn Kühe gediehen vortrefflich
trotzdem wurden sie niedergemetzelt
von den Sklaven der freien Welt.
Oder
sechs Millionen Juden
eine Heerschar von Hexen
zum Aderlaß geprügelt für
die Reinheit des Blutes.
Schrecklich, schrecklich
und die Mönche der Demokratie
wedeln Verzeihung heischend mit der Rute
und siehe:
Der Freigeist geht um.
Alle sind aufgeklärt
doch wer weiß Bescheid
heute haßt man modern

die Angst ist die Flamme unserer Zeit
und die wird fleißig geschürt.
Sie verbrennen dich mit ihren Zungen und ihrer Ignoranz
dicke freundliche Herren
bitten per Television zur Jagd.
Tausende
zum Feindbild verdammt
halten sich fürs Exil bereit.

Die Schlupfwinkel werden knapp, Freunde.

Höchste Zeit
aufzustehn!

Du mußt verstehn! Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß gehn, und Drei mach gleich,
so bist du reich. Verlier die Vier!
Aus fünf und sechs - so sagt die Hex -
Mach Sieben und Acht, so ist´s vollbracht:
Und Neun ist Eins, und Zehn ist keins.
Das ist das Hexeneinmaleins!

Immer noch werden Hexen verbrannt
auf den Scheiten der Ideologien.
Irgendwer ist immer der Böse im Land
und dann kann man als Guter
und die Augen voll Sand
in die heiligen Kriege ziehn!



Aktualisierte Fassung (Golfkrieg 1991):

(Anfang wie oben,
statt
"Sacco und Vanzetti"
folgt)

Gerechter Krieg,
heiliger Krieg.
Nur zum Teufel:
Welcher Gott ist denn nun der richtige?
Der glitzernde Gott der Börsianer vielleicht?
Und welcher Gott hat den Giftgasverkäufern
die Absolution erteilt?

Gibt es ein gerechtes Gas,
und wird es erst böse, wenn es uns treffen könnte?

Gerechter Krieg,
heiliger Krieg.
In erster Linie ist es ein männlicher Krieg,
einer Wirtshausschlägerei nicht unähnlich.

Man spricht von Waffengang
und meint Verstümmelung,
sie verfehlen militärische Objekte
und meinen Tausende,
vielleicht sogar hunderttausende von Toten.
Man nennt alles rücksichtsvoll "Szenario"
und verschweigt den Massenmord.

Heimtückische Sprache,
die verschleiern soll,
daß es um Menschen geht.
Menschen mit Hoffnungen und Nöten,
keine Nationen und Bündnisse und Armeen,
sondern einzelne, verwundbare Menschen.

Aber laßt uns doch jetzt einmal
die Möglichkeit ergreifen,
alles ganz anders zu versuchen,
wie einer,
der kurz vor dem Tod noch das Leben
erleben und durchleben möchte,
ohne Rücksicht auf das Gequassel der
Zyniker und Drübersteher.
Laßt uns doch jetzt mal alles das versuchen,
was wir uns noch nie so richtig zugetraut haben.

Laßt uns freundlich sein,
wo wir feindlich sein sollten.
Laßt uns kindlich sein,
wo wir erwachsen sein sollten.

Laßt uns herzlich sein,
wo wir logisch sein sollten.
Laßt uns fraulich sein,
wo wir männlich sein sollten.

Daß diese Welt nie ende -
nur dafür laßt uns leben!

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