Willy V (Berlin 15.2.2003)

Erstveröffentlichung

Live in Berlin (2003)

Musik und Text

Konstantin Wecker
Konstantin Wecker

Abdruckrechte

Fanfare Musikverlag Edition

Hörbeispiel

Live in Berlin, 15.2.2003

Willy - die wievielte Fassung? - ist zum Teil improvisiert gewesen.
Das Lied hat sich ja vom 11.9. an immer wieder verändert.
Ich hatte mir eine Rede vorbereitet und mich dann einige Minuten vor dem Auftritt entschlossen, den Inhalt dieser Rede in das Lied einzubauen, und alles was mich bewegt wieder mal meinem Freund Willy zu erzählen. Das Ende des Liedes ist identisch mit der Fassung der CD "Vaterland live".


Willy
Es tut mir leid, Willy, dass ich dich noch einmal belästigen muss, in deiner wohlverdienten, ewigen Ruhe.
Aber Du solltest das jetzt unbedingt miterleben: Über 500 000 Menschen sind in Berlin, und Millionen weltweit auf der Straße, um gegen den geplanten Krieg zu demonstrieren.
Die Bevölkerung fast aller europäischen Staaten ist mit überwältigender Mehrheit gegen den Irak-Krieg und mit etwas Demokratieverständnis müssten die Herren Blair, Berlusconi und Aznar doch eigentlich jetzt zurücktreten.
Herr Aznar sollte sich vielleicht weniger um das Öl im Irak, als um das Öl vor der galizischen Küste kümmern.

Wir haben dazugelernt, Willy, wir wissen, wo und wie wir uns informieren müssen, und auch wenn uns nun manche verhöhnen, und als Gutmenschen abqualifizieren - sie verstehen nichts von Demokratie.
Gewaltfreier Protest , Ungehorsam und Zivilcourage sind nun mal die wirkungsvollste Waffe einer Demokratie und ihr unerlässliches Regulativ.
Das Niveau der Kriegspropaganda ist auf einem so tiefen Punkt angelangt, dass der Schwachsinn weh tut.
Noch nie war weltweit die Friedensbewegung bereits vor einem Krieg so motiviert wie heute. Noch nie waren den Menschen so die Augen geöffnet über die Hintergründe dieses Schmierentheaters, die verlogene Propaganda, die allen Kriegen vorausgeht. Auch wenn es einige unserer Politiker und Kommentatoren gebetsmühlenartig immer und immer wieder wiederholen : Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, dem Mutterland der Demokratie, verteidigt nicht die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte - sondern in weiten Teilen der Welt Diktatur, Sklaverei und menschliche Ausbeutung. Ob im Iran, in Vietnam, Chile, Nicaragua und anderen lateinamerikanischen Republiken - nach und nach haben sie die Repräsentanten des Volkes ausgetauscht, welche die Reichtümer ihres Landes unter ihrem Volk aufteilen wollten, und durch blutrünstige Tyrannen ersetzt.
Und sollte jetzt jemand mit der Antiamerikanismuskeule zuschlagen wollen - das stammt nicht von mir, sondern von Monsignore Robert Bowman, Bischof von Melbourne Beach, Florida.
U n s e r e amerikanischen Freunde brauchen unsere Hilfe. Sie hoffen auf unser bedingungsloses und konsequentes Nein zu diesem Krieg:
Stoppt die Kriegstransporte aus Deutschland in die Golfregion!

Eines der Argumente für die Unvermeidbarkeit des Irak-Krieges lautet erstaunlicherweise, bei dem Truppenaufmarsch von über 100000 Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika könne doch George W. Bush nicht mehr zurück, ohne sein Gesicht zu verlieren.
Ich frage Euch: in welcher Welt leben wir eigentlich, dass man sein Gesicht verliert, wenn man sich entschließt, keinen Massenmord zu begehen?
Statt Angst davor zu haben das Gesicht zu verlieren, sollte man den Menschen im Irak und ihrem Leid erst mal ein Gesicht verleihen.
Im Irak gibt es nämlich nicht nur den Diktator Hussein und strategische Ziele.
Dort leben Menschen! Menschen - seit dem zweiten Golfkrieg zurückgebombt in ein vorindustrielles Zeitalter.
Menschen - die seit zwölf Jahren vom härtesten Embargo aller Zeiten geschunden werden.
Jener Irak, in dem monatlich fast 5000 Kinder an den Folgen der Sanktionen und der Bombardierungen sterben.
Wie viele tote Kinder ist Ihnen Ihre neue Weltordnung wert - Herr Bush und all Ihr anderen Propagandisten des permanenten Krieges?
Wer einmal in die Augen dieser Kinder geschaut hat, spricht nicht mehr von einem "Preis, der es wert ist bezahlt zu werden", wie Frau Albright. Er möchte sie in den Arm nehmen und nicht mehr loslassen.
Er möchte sie beschützen vor diesen eiskalten Geschäftemachern mit dem humanitären Mäntelchen, vor den Waffenfabrikanten und ihren verlogenen Wohltätigkeitsveranstaltungen, der möchte diesen Barbaren auf ihren Empfängen das Champagnerglas aus der Hand schlagen, der möchte ihnen ihre Urangeschosse zum Dinner servieren und ihnen ihre Aktien zum Dessert vorsetzen.
Wenn jeder Bomberpilot jedem einzelnen seiner Opfer zum Abschied die Hand geben müsste - wie viele würden dann wohl noch zum Angriff fliegen?

Das was sich ändern hätte müssen, hat sich nicht geändert, Willy, seit dem 11. September.
Es sei denn, wir ändern uns.
Jeder von uns.
Es sei denn, jeder von uns erkennt, dass wir als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch zufällig leben, oder welcher Kultur wir zufällig angehören, voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich sind.
Wir haben durch unser tägliches Leben dazu beigetragen und sind Teil dieser monströsen Gesellschaft, mit ihren Kriegen, ihrer Brutalität und Gier, und nur wenn wir das klar erkennen - nicht intellektuell, sondern so, wie wir Hunger und Schmerz empfinden - nur wenn wir klar erkennen, dass Sie und Ich verantwortlich sind für die ganze Welt, werden wir endlich richtig handeln.
Frieden ist nicht der Zustand zwischen zwei Kriegen.
Frieden wird nicht durch Siege erkauft.
Frieden braucht Mut. Mut zur Wahrheit und den Mut, sich selbst zu verändern.

Gestern habns an Willy begrabn
Und er wird weiter und weiter und weiter daschlagn!

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