Mystik und Widerstand

11.02.2015

Mastermix Studio

Mystik und Widerstand

Ein Studiobesuch bei Konstantin Wecker, der derzeit an seiner neuen CD „Ohne Warum“ arbeitet

Ein Tag im Februar. Es ist kalt, fast eisig. Die Sonne hat zwar die meisten Wolken vertrieben, die hoch über dem Münchner Stadtteil Unterföhring weiterhin Winterwetter spielen möchten, doch noch hat sie nicht die Kraft, den Schnee auf den Straßen und auf den Feldern in Wasser zu verwandeln. Noch. Doch die Menschen können an diesem Tag schon ein erstes Mal erahnen, wie sich der nahende Frühling anfühlen wird.  
Auch an der Münchner Straße am Rande des Ortskerns entsteht in diesen Tagen Neues. Kraftvolles. Zartes. Aufwühlendes. Ja, Mystisches sogar. Konstantin Wecker arbeitet derzeit  mit seinem Produzenten Flo Moser und einigen seiner Musiker an einer neuen CD.  
Gitarren, Cello, Schlagzeug, die Flügelklänge - viele Instrumente wurden bereits eingespielt, von Wolfgang Gleixner, Fany Kammerlander oder Jo Barnikel, um nur einige zu nennen, die den Liedermacher auf seinem neuen Werk begleiten. Dieses wird im Juni auf den Markt kommen und den prägnanten Titel „Ohne Warum“ tragen.
Ohne Warum?

Konstantin Wecker sitzt im Regieraum und rezitiert als Antwort ein Gedicht von Angelus Silesius, der ihn zu diesem Titel inspiriert hat: „Die Ros ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“ Das Wortpaar „ohn Warum“ wurde vor über 300 Jahren von dem Lyriker und Theologen geprägt, erschaffen hat es der spätmittelalterliche Philosoph Meister Eckhart, der den Begriff „sunder warumbe“ als Ausdruck mystischen Denkens verstand.
Dies tut auch der Münchner Sänger, für den die Worte Eckharts und Silesius` auch nach vielen Jahrhunderten nichts an Zauber und Wahrheit verloren haben. Im Gegenteil, denn sie  bringen ihn dazu, sich immer intensiver und nun auch immer hörbarer mit dem Zugang zum Ewigen zu beschäftigen: „Für mich ist der Begriff ein Zeichen dafür, wie Kunst sein sollte. Ohne zu überlegen, was man dafür bekommt und ohne zu überlegen, ob es gefällt. Ohne Berechnung, vielleicht auch ohne Sinn. Im Grunde ist dieser Gedanke eine Weiterführung meines Liedes ?Ich singe, weil ich ein Lied hab?, das ich vor 40 Jahren geschrieben habe“.
Tatsächlich standen diese Zeilen wohl immer Pate für all die Songs, die der Musiker in den vergangenen vier Jahrzehnten komponiert hat. Bis heute. Und dennoch ist der Wecker des Jahres 2015 nicht mehr der Wecker des Jahres 1975. Er hat sich verändert und ist sich doch selbst stets treu geblieben. Auch die neuen Lieder tragen seine geliebte Handschrift, sind jedoch immer stärker beeinflusst von Wut und Zärtlichkeit, und nun ganz aktuell von Mystik und Widerstand.

Die Gedanken sind frei
Und so wundert es auch nicht, dass man an diesem Tag einen unsichtbaren Kinderchor das Lied „Die Gedanken sind frei“ singen hört. Auch dies ist eine wesentliche Botschaft, die der Liedermacher auf seinem neuen Werk auf fast schon ironische Art und Weise vertont hat. Nur wenn die Gedanken frei sind, können es auch die Menschen sein, die der Musiker nicht aufhören möchte zu lieben, aufzurütteln und zu umarmen. Dies tut er nun mit Liedern wie „Revolution“ oder „Traum von einer grenzenlosen Welt“, mit denen der Pazifist soziale Kälte, Unterdrückung oder Krieg anprangert.

Es geht dem Romantiker, der auf seiner neuen CD auch bedeutende Co-Autoren wie Novalis oder Hugo von Hofmannsthal zu Wort kommen lässt, ums Tun und nie ums Siegen. Um Gerechtigkeit. Ohne Warum.  
Für den 67-Jährigen liegt der Schlüssel für die Freiheit in der Veränderung, in der Kunst, in der Musik. Auch in seiner Musik. In seinen neuen Liedern: „Wenn man einmal erkannt hat, das alles zusammengehört, eins ist, Menschen, Tiere, die Erde, und wenn man sieht, wie wir mit unserer Welt umgehen, dann ist es eine Notwendigkeit, Widerstand zu leisten. In einer Gesellschaft, die so auf Leistung und Gewinn ausgerichtet ist, wird eine Rückbesinnung auf das Wesentliche eine unerlässliche Pflicht. Ob Lyriker, Poet, Maler oder Sänger, wir Künstler sind alle in der Verantwortung, etwas zu tun. Wir müssen es nicht immer tun, aber immer wieder.“ Deshalb ist Konstantin Wecker zurzeit auch wieder im Studio. Mit neuen Ideen und neuen Melodien. Und vor allem ohne Warum. 

Stefan Loeffler             

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