Laudatio von Christian Schwandt auf Konstantin Wecker zum Erich-Mühsam-Preis – Musik- und Kongresshalle Lübeck, 14.10.2016

21.10.2016

Lieber Konstantin Wecker,

lieber Lienhard Böhning,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist eine Grundregel des Theaters, keine Reden vor dem Konzert oder der Premiere zu halten. Gute Künstler sind bis zum Zerreißen angespannt und das Publikum möchte viel lieber wissen, was jetzt auf der Bühne passiert, als eine oder mehrere Reden zu hören. Die Dramaturgie des Erich-Mühsam-Preises erlaubt uns heute nicht, dieser Regel zu folgen. Drei Reden vor dem Konzert. Deshalb wurde mir die Aufgabe gestellt: „Erich-Mühsam-Preis für Konstantin Wecker in acht Minuten“.

Erich Mühsam ist von den drei Lübecker Bürgersöhnen, die Ende des 19. Jahrhunderts die Stadt ohne Schulabschluss verließen, aus denen dann aber in der literarischen Welt doch noch etwas wurde, sicher nicht der berühmteste. Aber er ist der aktuellste. Wenn das politische System wackelt, so wie es in der Bundesrepublik dieser Tage seit 1968 das erste Mal wieder der Fall ist, ist es ratsam, sich wieder intensiver mit Erich Mühsam zu beschäftigen. Kaum jemand hat die Brüche und Fragilitäten der Weimarer Republik, die Ungerechtigkeiten, ja Verbrechen der sie regierenden Parteien schärfer beobachtet und origineller beschrieben als Erich Mühsam.

Der Erich-Mühsam-Preis will dieses Andenken lebendig erhalten und der Lübecker Galerist Frank-Thomas Gaulin, der ja, wie wir alle wissen, in großen Zusammenhängen und Zeiträumen denkt, hat diesen Preis gestiftet.

Die Parallelen zwischen Konstantin Wecker und Erich Mühsam springen so ins Auge, dass man sich im Grunde wundert, dass die Erich-Mühsam-Gesellschaft nicht schon viel früher ihren Preis an Konstantin Wecker vergeben hat. Bezwingend ist Weckers künstlerische Qualität. Man tritt den anderen Preisträgern sicherlich nicht zu nahe, wenn man feststellt: Sie, Herr Wecker, sind der künstlerischste der bisherigen Mühsam-Preisträger und sicherlich auch der, der die Höhen und Tiefen der Münchner Bohème am intensivsten ausgekostet hat. Als Liedermacher, Poet, aber auch als Roman-Autor, politischer Schriftsteller, Schauspieler und Komponist.

Aber es gibt noch andere schöne Gemeinsamkeiten:

  • Sie und Erich Mühsam sind beide Künstler und Lebemänner, die in ihrer Jugend mehr oder weniger kalkulierte Grenzüberschreitungen eingingen, nicht nur – aber auch – um sich von dominanten bürgerlichen Elternhäusern abzusetzen.

 

  • Dann die Liebe zu südlichen Seen, das zeitweilige Leben in Italien. Erich Mühsam streifte in den Jahren 1904 bis 1907 durch die italienische Schweiz und Norditalien, um seine, wie er selber in den Tagebüchern sagt, „Lebenswildheit auszutoben“. Sie, Konstantin Wecker, entdeckten mit 20, 21 den Gardasee. Italien war Ihr erstes Abenteuer, der Gardasee die erste Liebe, die zweite war dann Rom. Mit 23 Jahren haben Sie das Lied „Sommer war’s“ geschrieben. Es ist auf Ihrer allerersten Platte erschienen.

 

  • Eine weitere wichtige Parallele ist natürlich das Wirken in, eigentlich das Gestalten der Münchener Bohème und Kleinkunstszene. Erich Mühsam ließ sich 1909 in München nieder. Schlug sich mit Honoraren für Kabarettaufträge und Zeitschriftenbeiträge durch. Doch das Geld reichte nie. Mühsams Freigiebigkeit war sagenumwoben. Die Kette der Schnorrer riss nie ab. Er half verarmten Dichtern, löste verschuldete Schauspielerinnen aus, kümmerte sich liebevoll um entlaufene Dienstmädchen. Theater, Kabarett, Literatur, Politik prägen sein Leben bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. In seinem wunderbaren Tagebuch protokolliert Mühsam die Kneipenabende, Geldsorgen und Frauengeschichten.

Möglicherweise erinnert Sie, Herr Wecker, das an Ihre eigene Vergangenheit auf kleinen Münchener Bühnen der 70er und 80er Jahre, aber auch bei der Lach- und Schießgesellschaft. Was für Erich Mühsam die Zusammenarbeit mit Franziska Reventlow, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Frank Wedekind war, ist für Sie die Arbeit mit Sammy Drechsel, Dieter Hildebrandt, Helmut Dietl oder Maria Mayer. Bühnen

Bühnen, wie das Song Parnass  oder Ihr Kaffee Giesing waren Wohnzimmer, Begegnungszentren, politische Plätze und sind jetzt ebenso Teil der Münchener, ja der deutschen Kulturgeschichte wie einst das Café Stefanie.

  • Desweiteren – ich will es nicht unterschlagen: Intime Erfahrungen mit Bayerischen Justizvollzugsanstalten, die sich auch in der literarischen und poetischen Produktion niedergeschlagen haben.

 

  • Dann natürlich das Bekenntnis zum Anarchismus. Künstler sind wahrscheinlich häufiger Anarchisten als wir Mitglieder der normalen Bevölkerung. Von Ihnen, Herr Wecker, stammt das schöne Zitat „Henry Miller sagte mal, im Grunde seines Herzens muss jeder Künstler Anarchist sein. Und das habe ich auch immer ernst genommen.“

 

  • Erich Mühsam ist ebenso wie Ihnen oft Naivität vorgeworfen worden. Nicht nur, während seines Agierens in der Münchener Räterepublik. Die Naivität des Künstlers haben Sie, Konstantin Wecker, immer verteidigt. Als Sie 2003 kurz vor dem Irak-Krieg nach Teheran gefahren sind, haben Sie darauf bestanden, sich ein eigenes Bild vor Ort zu machen. Naivität sei etwas ganz Positives, wenn man dadurch in die Gedankenwelt eines Kindes wieder eintreten kann und sich fragt, warum das so sei.

 

  • Ein weiteres schönes Zitat von Ihnen, Herr Wecker: „Man muss sich täuschen dürfen. Es gibt keine Biographie ohne Niederlage. Das gibt es nur in gefälschten Biographien von Wirtschaftsbossen.“ Das könnte natürlich auch von Mühsam stammen. Auch er vertrat das Scheitern als Grundprinzip des Fortschritts und des Fortkommens.

 

 

Immer wieder lugt eine profunde literarische und musikalische Bildung bei Konstantin Wecker hervor. Hier ein bisschen Goethe, dort ein bisschen Georg Trakl, ein Zitat von Schiller, eine Hommage an Kurt Tucholsky. Gerade die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, bis zum Ende der Weimarer Republik, scheint es Ihnen, Herr Wecker, angetan zu haben. Deshalb liegen wir mit dem Erich-Mühsam-Preis an Sie wahrscheinlich goldrichtig.

Ich möchte diese Laudatio mit einem Tabubruch beenden. Nicht nur Erich Mühsam, sondern auch Sie, Konstantin Wecker, haben eine Eigenschaft, die in den bisherigen Würdigungen und der doch recht umfangreichen Sekundärliteratur nicht vorkommt und die man mit genuin linken Künstlern eher selten in Verbindung bringt. Sie sind beide nicht nur auf hohem Niveau kreativ, sondern Sie sind auch ausgesprochen fleißig. Sie und Erich Mühsam haben Abend für Abend vor großem und manchmal auch vor kleinerem Publikum die Probe gemacht, dass mit Ihren Werken etwas anzufangen ist. Die Zahl Ihrer Bühnenprogramme, Ihrer Filmmusiken, Ihrer Musicals und Bücher ist Legion und in einer solchen Rede nur annähernd zu würdigen.

Erich Mühsam definiert in dem Memoirenband „Unpolitische Erinnerungen“ den Künstler: „Was ihn ausmacht, ist, neben der angeborenen Veranlagung, Gesehenes, Erdachtes und Erlebtes zu formen: Gesinnung, Fleiß und das Streben nach einem Weltbild.“

In diesem Sinne hat niemand den Erich-Mühsam-Preis mehr verdient als Sie, Konstantin Wecker!

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