Poet der Ehrlichkeit: Herbert Rosendorfers Laudatio

30.11.2009

Anlässlich der Verleihung des Poetentalers an Konstantin Wecker hielt Herbert Rosendorfer diese, hier im Wortlaut wiedergegebene, bemerkenswerte Rede:

LAUDATIO VON HERBERT ROSENDORFER:

Konstantin Wecker - ein Poet der Ehrlichkeit 

Es ist November, und der Sommer ist noch weit. Es ist also nicht das richtige Lied Konstantin Weckers für die Jahreszeit: „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist…“
Ich zitiere es trotzdem, denn gerade dieses Lied ist mir eingefallen bei der – manchem vielleicht unerwarteten Kombination des Namens Konstantin Wecker mit dem Begriff und der Ehrung Poetentaler.
Denn Konstantin Wecker ist – auch und vielleicht gar nicht in letzter Linie – ein Poet. Poet – das ist einer, der außerhalb der Wirklichkeit lebt – was auf Konstantin Wecker, den so ausgesprochen politischen Menschen, nicht zuzutreffen scheint. Ist aber so, und außerhalb der Wirklichkeit leben, heißt nicht, diese nicht zu erkennen. Manchmal sogar im Gegenteil, denn von außerhalb bildet sich eine ganz andere und oft weit stimmigere Ansicht dieser Wirklichkeit, die leider oft, zu oft, eine Un-Wirklichkeit ist, eine Heimsuchung und nicht selten Katastrophe, was Konstantin Wecker wie kein anderer nur zu genau verinnerlicht hat.
Poet ist aber auch einer, der sich sehnt, der träumt, der trauert – alles, was Sehnsucht weckt, das ist poetisch – damit muss man, wenn von Konstantin Wecker die Rede ist, nicht nur die Sehnsucht nach der Nachtigall meinen, die es ja dank der Ausdünstungen unserer Zivilisation schon fast gar nicht mehr gibt, von den rauschenden Mühlrädern ganz zu schweigen. Man muss auch an die Sehnsucht nach einer besseren Welt denken, einer Welt der Gerechtigkeit, des Friedens, der – ja man wagt es gar nicht mehr laut zu sagen – der Humanität, der Menschlichkeit. Das zu singen, ist Konstantin Wecker seit er zum ersten Mal den Mund aufgemacht hat, nicht müde geworden.
Spitzwegs Poet im Dachstübchen – das prägt nicht das Bild des Poeten. Konstantin Wecker ist ein zorniger Poet, ein Prophet, erinnert in manchen seiner Lieder an diese kompromißlosen Rufer in der Wüste, von denen die Bibel redet, der Schrei Gottes – das ist nicht zuviel gesagt – kommt aus ihrer Kehle, und ich unterdrücke diesen gewaltigen Vergleich nicht, auch wenn er pathetisch klingen mag: wenn Konstantin Wecker seinen „Willy“ singt oder „..sag nein!“ dann kommt dieses Wort Gottes aus seiner Kehle, nicht das Wort eines Gottes einer bestimmten Religion oder Konfession, viel eher eines ganz anderen Gottes, eines Gottes, den es gibt, weil sonst die Welt gottlos wäre, eines Menschengottes der Menschlichkeit. Konstantin Wecker ist ein Schreier! und er hat recht, wenn er schreit, aufschreit – es ist ja zum Aufschreien, wenn man mit wachem Sinn die heutige Welt betrachtet. Er ist ein Wacher – ein Wächter, wir tun gut daran, auf ihn zu hören.

1947 wurde Konstantin Wecker in München geboren, hat den gleichen – nicht denselben! – Geburtstag wie Marilyn Monroe und aber auch Ferdinand Raimund, der auch ein Poet war, einer der an der Welt verzweifelte. Er und die Monroe haben aus ihrer Verzweiflung die schlimmste Konsequenz gezogen, Konstantin Wecker singt sich die Verzweiflung von der Seele und ist dadurch – ich habe das Vergnügen ihn doch ganz gut zu kennen – auch noch dazu ein heiterer Mensch. Früh ist er mit Musik – der klassischen – in Berührung gekommen. Sein Vater war Sänger, Tenor – Konstantin Wecker hat ihm eins seiner anrührendsten, seiner – ja eben –poetischesten Gedichte gewidmet. Ich kenne kein anderes Beispiel eines so herzlichen Bekenntnisses eines Sohnes zu seinem Vater. Die 68-Bewegung riss Konstantin Wecker mit, wie nicht anders zu erwarten, sein politisches Engagement verließ ihn von da an nicht mehr – parteipolitisch ungebunden… nur ganz und gar un-gebunden zu allem, was rechts ist.
Gleichzeitig machte er als Musiker von sich reden, gründete eine Jazz-Band, tingelte mit Songs und Kleinkunst. 1977 gelang ihm mit „Genug ist nicht genug“ der endgültige Durchbruch. Sein „Willy“, für welches Lied der schon abgegriffenen Begriff Kult wohl angebracht ist, stammt aus diesem Album.
Ich will hier nicht alle Stationen von Konstantin Weckers Erfolgen herzählen:
Filmmusiken („Schtonk“), Musicals („Ludwig“), Theatermusiken zu nichts Geringerem als „Faust 1 und 2“, nicht zuletzt seine Bücher: „Uferlos“, „Der Klang der ungespielten Töne“ (ein höchst bemerkenswertes, ganz anderes Buch ) und viele, viele CDs, Lied auf Lied, Song auf Song, die alle – Poet, der er ist – immer auch Gedichte, Lyrik sind – und natürlich die unzähligen Auftritte, die ihn selber wie das Publikum hinreißen.

Seine zwei Söhne heißen Valentin und Tamino, das eine eine Huldigung an den großen Karl, das andere eine an Mozart - für beide hat Konstantin Wecker ein großes Faible. Volkssänger nannte man in München diese, zu Unrecht der Subkultur zugerechneten Künstler wie Karl Valentin, und ich zögere nicht, auch wenn man bei allem, was mit Volk anfängt oder gar völkisch, vorsichtig sein muß, Konstantin Wecker einen Volkssänger zu nennen, was ich als Ehrentitel verstehe.
Er verschweigt es nicht, er bekennt sich dazu, dass er einmal abgestürzt ist, und deswegen sei hier auch nicht schamhaft darüber hinweggehuscht. Drogen haben Konstantin Wecker zeitweise buchstäblich aus der Bahn geworfen, weit aus seiner Bahn. Er hat die tiefsten Niederungen und von innen kennenlernen müssen. Dass er sich aus diesem Schlamm mit eigener Kraft – auch mit Hilfe der Familie und der Freunde – herausgewunden hat, vollkommen wieder aufrecht stehen konnte, sich dieser Vergangenheit nicht schämt, sie bekennt, ist eine nicht genug bewundernswerte menschliche und männliche Tat. Allein dafür schon liebe ich ihn.
Ein Bekenner, ein Rufer, ein – ja auch, im besten Sinn – Prediger, einer der uns ins Gewissen redet. Und damit komme ich zum besten, was ich von ihm sagen zu können glaube: er ist kein Wegweiser, der stehenbleibt, nur zeigt, wo es hinzugehen hat: er geht selber mit. Er ist, und das ist der innerste Kern seines Wesens, er ist die Ehrlichkeit selber. Was er singt und sagt, meint er ehrlich und aufrecht.

Bleib aufrecht, lieber Konstantin, du Poet der Ehrlichkeit, bleib aufrecht, was auch immer an dir rüttelt.

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