Solidarität mit den Studierenden

16.11.2009

Die Akademie der Bildenden Künste in Wien machte den Anfang. An der Akademie der Bildenden Künste in München ging es weiter. Studierende machen mobil gegen den neoliberalen Umbau der Hochschulen, gegen die Einführung des Master/Bachelor-Systems im sogenannten Bologna-Prozess und für ein Bildungssystem, das unabhängig vom Geldbeutel der Eltern gleiche Chancen anbietet.

Kurz entschlossen bestiegen deshalb am heutigen Dienstag Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. die Fahrräder und statteten den Münchner BesetzungskünstlerInnen einen Besuch ab. Ohne Presse und Blitzlichtgewitter ging es einfach nur darum, ins persönliche Gespräch zu kommen und Solidarität zu zeigen. Allerdings waren nicht nur die BesetzerInnen über Konstantins Besuch hocherfreut - der nämlich war seinerseits schwer begeistert.

"Das hat mich 1968 ja von Anfang an gestört, dass es diesen schrecklichen Dogmatismus gab und diese rigorose Härte im Zwischenmenschlichen. Wenn ich mir jetzt diese Besetzerszene anschau: das sind erfreulich uncoole Leute, will sagen, da wird ein liebevoller Umgang miteinander gepflegt. Das war richtig toll. Wenn das jetzt zusammen kommt mit einer klaren gesellschaftlichen Analyse, dann wird Veränderung möglich!" so Konstantin Wecker.

Und auch diese gesellschaftliche Analyse ist vorhanden! Über Konstantin Weckers Facebook-Account erreichte uns ein großartiges Positionspapier der BesetzerInnen der Münchner Kunstakademie. Konstantin: "Dieses Papier hat mir fast die Sprache verschlagen. Das ist eine sehr tiefgehende Analyse der neoliberalen Hintergründe der Bildungsmisere, eine Absage an den verstärkten Einfluss der Bundeswehr an den Hochschulen - und ein wunderbarer Aufruf für ein wirklich menschenwürdiges Bildungsideal und eine Demokratisierung der Hochschulen."


PS: Wie wir soeben erfahren, ist Konstantin doch nicht gelungen, von der Presse unbemerkt zu bleiben. Der Presse wiederum ist es nicht gelungen, auf einen ironischen Unterton und eine falsche Tatsachenbehauptung zu verzichten...
www.sueddeutsche.de/muenchen/678/494019/bilder/



Hier das Positionspapier der Münchner BesetzungskünstlerInnen in voller Länge:





+ + * + * . + * Positionspapier . * + . . * + * + . . * . + * . + *
der BesetzerInnen der Akademie der Bildenden Künste München







Allgemeine Positionen zur Bildungspolitik





Ökonomisierung der Bildung



Seit mehreren Jahren ist in allen Lebensbereichen ein neoliberales Wettbewerbs- und Verwertungsdenken Realität. In Alltag und Arbeitsleben manifestiert sich diese Ideologie beispielsweise in den Hartz-Gesetzen sowie in der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.

Ebenso wird der Bildungsbereich dieser Logik unterworfen. Bildung wird nicht als Baustein eines selbstbestimmten Lebens gesehen, sondern lediglich als eine Investition in die berufliche Zukunft. Nicht die Bildung steht als Grundrecht im Mittelpunkt, sondern die Verwertbarkeit des Menschen als Humankapital für Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Bezeichnend dafür sind das bayerische G8 und die im Rahmen des Bologna-Prozess stattfindende Umstellung von Magister/Diplom zum Bachelor und Master. Ziel beider Reformen ist unter anderem die Verkürzung der Ausbildungszeit, um die Lernenden schneller für den Arbeitsmarkt verfügbar zu machen.

Gleichzeitig steigt der Einfluss der Wirtschaft auf den Bildungsbetrieb, häufig auch in unverdächtiger Form als Stiftung oder Initiative. Exemplarisch seien hier die wirtschaftsnahe Bertelsmann-Stiftung und die arbeitgebernahe Initiative neue soziale Marktwirtschaft genannt, die ihre Propaganda in Form von Seminaren und Unterrichtsmaterialien den Lernenden nahebringen wollen. Die Einflussnahme ökonomischer Interessen auf den Bildungsbetrieb nimmt dabei sher oft bereits institutionelle Formen an, beispielsweise in den externen Hochschulräten.

Der voranschreitende Rückzug des Staates aus der Finanzierung der Bildungspolitik wird vor allem durch private Initiative ausgeglichen. Das dahinterstehende Leitbild ist das der 84unternehmerischen (Hoch-) Schule93. Dies ist abzulehnen, da ein Unternehmen zwangsweise an Profit orientiert ist, aber eine Bildungseinrichtung nicht nach kapitalistischen Kriterien geführt werden darf.





Allgemeiner freier Zugang zu Bildung



Bildung ist ein Grundrecht. Sie ist der Schlüssel für die freie Entfaltung und Entwicklung eines Menschen. Bildung fördert einen kritischen Umgang mit politischen und gesellschaftlichen Vorgängen. Bildung muss kostenfrei sein 96 und zwar ein Leben lang! Die Möglichkeit zum Lernen und zur Weiterbildung sollte jedem Menschen jederzeit ohne Einschränkung gegeben sein. Der geringe Anteil von Menschen aus benachteiligten sozialen und wirtschaftlichen Situationen (wie z. B. Migrationshintergrund oder nicht-akademischem Elternhaus) unter GymnasiastInnen und Studierenden zeigt, dass diese Forderungen noch nicht verwirklicht sind. Im Gegenteil: Diese Ungleichbehandlung wird durch die Erhebung von Studiengebühren noch weiter verschärft.

Wir fordern deshalb vorläufig, bis sich die Gegebenheiten des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems geändert haben, die Einführung eines Lernendengehalts, das Kredite und Stipendien hinfällig macht. Dieses soll ausreichen, damit die Lernenden nicht auf Lohnarbeit angewiesen sind und ihnen genügend Spielraum für soziales, politisches und gesellschaftliches Engagement, Weiterbildung über das Studium hinaus sowie sonstige Aktivitäten bleibt, und nicht nur den bloßen Grundbedarf sichern.





Demokratisierung des Bildungssystems


Das derzeitige Bildungssystem ist hierarchisch und autoritär strukturiert. Ministerien bestimmen über DirektorInnen, DirektorInnen über die Lehrenden, der Lehrkörper über die Lernenden. Staat, Wirtschaft und Kirchen üben erheblichen Einfluss auf die Bildungsanstalten aus, beispielsweise in Form von Lehrplänen, Workshops oder Konkordatslehrstühlen.

Wir lehnen diese hierarchische und fremdbestimmte Struktur des derzeitigen Bildungssystems ab. Statt dessen fordern wir eine umfangreiche Demokratisierung des Bildungswesens in Form basisdemokratischer Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Lernende, Lehrende, Angestellte und MitarbeiterInnen vom Reinigungspersonal bis zum akademischen Mittelbau (DozentInnen etc.) sollen gleichberechtigt teilhaben können. Unsere Forderungen beinhalten die demokratische Bestimmung über Lerninhalte durch Lernende und Lehrende, sowie die Verwendung finanzieller Mittel (z. B. für Löhne und Gehälter), und die Gestaltung des öffentlichen Raumes der Lehranstalten und der Informationsmittel (SchülerInnen- und Studierendenzeitungen etc.). Jegliche Form von Repression z. B. in Form von Verweisen, Disziplinarstrafen, Kopfnoten etc. ist abzuschaffen. Darüber hinaus fordern wir eine umfassende demokratische Teilhabe über das Bildungswesen hinaus in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Wirtschaft und Politik.





Die Bundeswehr in den Bildungsstätten



Bildungsstätten werden mehr und mehr von der Bundeswehr instrumentalisiert, um Einfluss auf die Gesellschaft zu gewinnen. Durch gezielte Manipulation 96 in Form von Unterrichtsmaterialien, Seminaren oder Werbeveranstaltungen 96 sollen Lernende an militaristische Ideale gewöhnt werden. Außerdem wird versucht, mit Versprechen nach kostenfreien Studien- oder sicheren Arbeitsplätzen in gezielten Werbekampagnen junge Leute für die Verpflichtung bei der Bundeswehr zu gewinnen. Diese Form der Militarisierung der Zivilgesellschaft nutzt die schwierige und unsichere soziale Lage vieler junger Leute aus. Auf diesem Wege soll Akzeptanz in der Gesellschaft für Krieg als legitimes Mittel politischer Auseinandersetzung gefördert werden. Dies lehnen wir ab! Wir fordern statt dessen die Unabhängigkeit der Bildung von militärischen und nationalen Interessen.



Abschaffung von Genderdiskriminierung in den Bildungseinrichtungen



Auch an Schulen und Hochschulen ist die sozioökonomische Zuordnung von Menschen zu eindeutig definierten Geschlechterrollen weiterhin gelebte Praxis und diskursive Normalität. Dies beginnt bereits in Kinderkrippe, Kindergarten, Grundschule und setzt sich an den weiterführenden Schulen und Hochschulen fort. Bereits sehr früh werden Menschen anhand ihres konstruierten Geschlechtes sortiert. Die Genderbenachteiligung geht zu Lasten beider Seiten. So schaffen z. B. weniger Jungen als Mädchen den Übertritt aufs Gymnasium. Die patriarchale Konstruktion von Geschlechterverhältnissen trifft dabei später besonders Frauen, die z. B. als Lehr- und Forschungspersonal in den Hochschulen unterrepräsentiert sind. Dozentinnen und Professorinnen werden meistens schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Von der gesellschaftlichen Geschlechternorm abweichende Menschen, z. B. Homosexuelle, Transgender oder Intersexuelle werden in allen gesellschaftlichen Bereichen ausgegrenzt und diskriminiert. Die Bildungseinrichtungen stellen dabei keine Ausnahme dar.

Wir fordern deswegen die absolute Gleichstellung aller Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft ungeachtet von biologischem Geschlecht (sex), sozialem Geschlecht (gender) und individueller sexueller Orientierung. Eine Einteilung von Individuen in Mann und Frau steht der freien Entfaltung der Person im Wege. Zur Überwindung der patriarchalen Herrschaftsverhältnisse halten wir unter anderem eine gender-sensible LehrerInnenbildung für nötig. Eine konsequente Umsetzung von Quotenregelungen soll der Genderungleichheit strukturell entgegenwirken.

93Gender94 (engl.) = gesellschaftlich zugeschriebene Geschlechterrolle

Rassismus in den Bildungseinrichtungen

Auch die Ausgrenzung von Menschen anderer Herkunft ist an unseren Bildungseinrichtungen weiterhin gang und gäbe. So haben z. B. MigrantInnen, Flüchtlinge und Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund einen schlechteren oder gar keinen Zugang zum Bildungssystem. Dabei können bereits Aussehen und Sprache zu Benachteiligungen führen. Der einseitige Zwang zur Anpassung an eine vermeintliche deutsche Leitkultur untergräbt Mehrsprachigkeit und die freie Entfaltung der Person.

Wir fordern deshalb die Anerkennung und Gleichstellung aller Abschlüsse aus anderen Staaten. Darüber hinaus fordern wir einen freien Zugang aller sich in Deutschland befindenden Menschen zum Bildungssystem, egal ob StaatsbürgerInnen, MigrantInnen oder Flüchtlinge.

Solidaritätsbekundung

Mit unseren Forderungen für eine freie und gerechte Bildung sprechen wir vor allem für die Bewegung hier in München. Unsere Solidarität gilt aber allen SchülerInnen, Auszubildenden, Studierenden und weiteren Aktiven in Deutschland, Europa und überall auf der Welt, die so wie wir für das Ziel einer freien, solidarischen Gesellschaft kämpfen. Gleichzeitig erkennen wir auch, dass das Bildungssystem nur ein Teil unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist. Deswegen können und wollen wir unsere Forderungen nicht losgelöst von anderen derzeit weltweit stattfindenden sozialen und ökonomischen Kämpfen betrachten.

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