Dieser Mann tut mir einfach so gut

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.12.2011

Quelle

Der Bund

Autor / Interwiever

Alexander Sury

Drei Stunden dauerte das Berner Konzert von Konstantin Wecker: Ein glückseliges Publikum erlebte pathetische Predigten, Ausflüge ins schräge Musikantenstadl und frivole Kabarettnummern.
Alexander Sury
Mit gespielter Strenge ermahnt er das Publikum und zitiert, den Zeigefinger erhoben, einen Ausspruch von Karl Valentin: «Merken Sie sich, Sie sind nicht auf mich angewiesen, ich aber bin auf Sie angewiesen.» Genug kann nie genügen bei einem Renaissance-Menschen wie Konstantin Wecker. Er steht an der Rampe im Theater National und verbeugt sich nach der, vielleicht, achten Zugabe.
Soeben sind die letzten Klänge von «A Tropferl im Meer» verklungen, dem letzten Lied auf seiner neuen CD «Wut und Zärtlichkeit». Er sitzt ganz allein am Flügel - Wecker unplugged sozusagen -, ganz versunken in sich, und spürt seiner eigenen Vergänglichkeit nach, dem Aufgehen in der Natur, dem Mysterium des Glücks: «Und i schenk mi her / bin ois und nemands mehr / nur a Tropferl / im Meer.» Und das Publikum will ihn einfach nicht gehen lassen, diesen belebenden Kraftstoff einer derart vitalen Tankstelle möchte man noch lange anzapfen. Weckers Kokainsucht und der Absturz Mitte der 90er-Jahre sind weit weg. Seine exzellente Band mit dem Pianisten Jo Barnikel, dem Peel-Steel-Virtuosen Nils Tuxen und dem Gitarristen und Perkussionisten Jens Fischer hat er mit fast väterlicher Zärtlichkeit um sich geschart. Und ja, er schwitzt nicht mehr so sturzbachartig wie in jüngeren Jahren. Dieses entspannte Mannsbild präsentiert sich in blendender Verfassung. Da steht er, mittlerweile reife 64-jährig, dunkles Hemd über einer Jeans-Hose, grau meliertes Haar, noch immer von kräftiger Statur, und im schön gealterten Gesicht ist er nach wie vor heimisch, dieser jungenhafte Schalk. Unheimlich lebendig wirkt er und hellwach.
«Wutbürger» und Weiser
«Der Mann tut mir einfach so gut», ruft ein klatschender, stapfender Zuschauer seiner Begleiterin zu. Den Applaus des euphorisierten Publikums - viele davon zeigen alle Anzeichen langjähriger Wegbegleiter - saugt er in sich auf, diese Standing Ovations nach einem dreistündigen Konzert, das von allem etwas bot: die politische Predigt eines altersradikalen «Wutbürgers» und die Seelenmassage eines kindlichen Weisen, verspielte kabarettistische Einlagen, charmant-sentimental anmoderierte Rückblenden in die eigene musikalische Vergangenheit («Bleib nicht liegen»), dann wieder überbordend-anarchische Ausflüge in ein bayrisch grundiertes Reaggae-Musikantenstadl.
Nach sechs Jahren hat der Münchner Liedermacher wieder ein Studioalbum eingespielt. Höchst produktiv war er in den vergangenen Jahre gleichwohl: Er komponierte Filmmusiken, vertonte Brecht-Gedichte und schrieb Kindermusicals, er agierte als bärbeissiger Kommissar in einer Fernsehserie und gibt seit acht Jahren die von ihm finanzierte Website Hinter-den-Schlagzeilen.de heraus, mit der er Gegenöffentlichkeit abseits der Mainstream-Medien herstellen will.
Liebesblöd vernarrt in Angie
Auch wenn ihn die Musen, wie er kürzlich kokett beklagte, im Alter nicht mehr so leidenschaftlich küssen, auf sein toskanisches Refugium scheint immer noch Verlass: Die 14 Lieder entstanden innerhalb von drei Wochen in Weckers italienischer Wahlheimat - und reichen von pathetischen Polithymnen wie «Empört euch!» bis zur zärtlichen Liebeserklärung an seine Frau («Buonanotte Fiorellino»). Wer an den Zuständen manchmal schier zu verzweifeln droht, dem bleiben - unter anderem - auch die Waffen der Ironie und des beissenden Spottes. In «Absurdistan» fleht er darum, endlich aufgenommen zu werden in diese gute Gesellschaft, er wolle auch alles toll finden, von Hartz IV bis zu deutschen Exporten in Kriegsgebiete, und sich auch brav bei «Deutschland sucht den Superstar» bewerben. Oder er überwältigt Angie, die höchste politische Repräsentantin seines Landes, kurzerhand mit einer grotesken Liebeserklärung zu überdrehter Schunkelmusik. In einem Zustand galoppierender Liebesblödigkeit gesteht er schmachtend: «Das Lächeln meiner Kanzlerin, das raubt mir den Verstand.» Mehr noch, ein Blick in ihr Dekolleté erscheint ihm als Vorschein des Himmelreichs. Könnte er nur einmal «in dieser Brust versinken, ich wählte nie mehr, ich schwörs, die Linken.»
Für die verbalen Zwischenspiele nimmt Wecker gerne auf einem Barhocker Platz und erzählt etwa, dass er nach dem Rücktritt des «adligen Plagiators» ein Lied über Guttenberg aus dem Programm habe nehmen müssen. Die Kanzlerin im Visier, fügt er schelmisch an: «Vorsicht, ich kann Politiker wegsingen.» Und da ist auch diese heitere Selbstironie nicht weit: Als er «Wenn der Sommer nicht mehr weit ist» intoniert, einen seiner Klassiker, verwickelt ihn sein Co-Pianist Jo Barnikel in ein virtuoses Zitier-Duell mit Melodien zwischen Ludwig van Beethoven und Richard Clayderman. Ach, weckerscher Augenblick, so verweile doch.