Liebe - das wichtigste Thema

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

27.02.2010

Quelle

Südkurier Konstanz

Autor / Interwiever

Antje Luz

Herr Wecker, Sie haben vergangenen Monat den Bayrischen Filmpreis für die Filmmusik zu "Lippels Traum" gewonnen. Welcher ist Konstantins Traum?

Ein Teil eines Traumes von einer gerechteren Gesellschaft wurde jetzt gerade in Dresden erfüllt, wo wir es zusammen mit ganz vielen engagierten AntifaschistInnen wirklich geschafft haben, den Aufmarsch der Nazis zu verhindern (am 13. Februar 2010, Anm.d.Red.). Da hat man gesehen, dass es doch möglich ist, wenn viele Menschen den Mut haben, sich zu engagieren, dass sie auch etwas bewirken können.

Sie haben den Mut, den Mund aufzumachen und Ihr Herz auf der Zunge zu tragen. Hatten Sie niemals Konflikte mit der Vorsicht?

Doch, die hatte ich natürlich oft und ich weiss auch gar nicht, ob ich so wahnsinnig mutig bin. Manchmal ist mir erst später aufgefallen, dass das eigentlich mutig war, was ich vorher gesagt oder getan habe. Das ist ja etwas, das man sich nicht vorher überlegt, "Ich bin jetzt mutig". Ich hab das nie so als besonderen Mut empfunden und ich muss Ihnen sagen, eigentlich bin ich ja auch ein Feigling wie alle anderen. Ich hasse körperliche Gewalt und ich bin bestimmt einer, der eher davonläuft als sich sofort einer Gewaltsituation zu stellen. Wenn man in einer gefährlichen Situation feige ist, dann kann man das niemandem vorwerfen, das gehört zur Natur des Menschen. Aber man muss es nicht schon vorausschauend zu seinem Weltbild machen.

In Ihrer Musik sind die beiden Hauptthemen - stark vereinfacht ausgedrückt - Politik und Liebe. Sind das nicht Gegensätze?

Ich denke, dass das durchaus zusammen gehört. Ich glaube, dass sich überhaupt nur ein Mensch um Politik kümmern sollte, der erkannt hat, dass wir eine liebevolle Welt und Gesellschaft brauchen und dass wir das Lieben wieder erlernen müssen. Denn wenn ich nicht bereit bin, die Menschen zu lieben, dann habe ich auch kein Interesse an einer gerechteren Gesellschaft. Und Liebe ist natürlich das wichtigste Thema von allen, denn wir sind eine lieblose Gesellschaft und wir müssen wirklich lernen, aktiv zu lieben und das kann man nur, wenn man - vor allem als Mann - gelernt hat, dass "Liebe" nicht mit "Geliebt-werden-wollen" verwechselt werden sollte. Bei Frauen ist es natürlich in einem gewissen Maße auch so, aber ich habe manchmal das Gefühl, dass Frauen einen stärkeren Zugang zum Lieben haben.

Sie schreiben Lieder, Musicals, Filmmusiken und Bücher, wirken als Dozent, Künstlerischer Leiter und Schauspieler - was machen Sie am liebsten?

Am Allerliebsten von allem bin ich natürlich auf der Bühne. Das ist seit vierzig Jahren so, da passieren die Momente, wo man für einige Augenblicke rausgeschleudert wird aus Raum und Zeit und in einem Zustand der Gegenwart ist, wo man einfach da ist. Im Faust heisst es "Augenblick verweile doch, du bist so schön" - dieser Versuch, glücklich zu sein. Und zusammen mit dem Publikum ist das natürlich eine ungeheuer große Kraft, weil bei einem Konzert von den Menschen im Saal eine ungeheure Energie ausgeht und von mir auch. Und wenn sich diese Energien bündeln und vereinen, dann passieren ausgesprochen wunderbare Momente.

Ist das auch das, was Sie antreibt?

Ja, das treibt mich sicher auch an. Aber an sich ist es für mich die Suche nach dem, ich muss Goethe zitieren, "was die Welt im Innersten zusammen hält."

Goethe, Rilke und Benn sind Ihr literarisches Dreigestirn. Wer ist es musikalisch?

Da habe ich ein Fünfzehngestirn!, das wird a bisserl schwieriger (lacht). Ich liebe Puccini über alles und dann sage ich gleichzeitig Mozart, Gustav Mahler und Carl Orff, Schostakowitsch, Arvo Pärt... Und ohne Janis Joplin hätte sich mein musikalischer Werdegang wahrscheinlich völlig anders gestaltet.

Mit wem hätten Sie gerne einmal Klavier gespielt?

Mit Friedrich Gulda. Allerdings wäre ich vor Ehrfurcht so erstarrt, dass ich keinen Finger hätte krumm machen können (lacht).

Friedrich Nietzsche soll gesagt haben: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum." - Stimmen Sie zu?

Bedingungslos. Weil Musik eine irrationale Sprache ist, aber sie ist eben auch eine Sprache, in der man das Mysterium des Lebens erfahren kann. Und ich glaube, die innigsten Momente, die mir das Leben beschert hat, sind nur mit Hilfe der Musik zustande gekommen. Da muss man gar nicht aktiv Musik machen, das kann einem auch passieren, wenn man Musik hört. Und die Musik kann auch vielleicht noch stärker sogar als die Poesie sein, weil sich die Poesie eines rationalen Mittels, der Sprache, bedienen muss und versucht, das Unerklärbare gerade noch in Worte zu fassen, während die Sprache der Musik eben keine rationale Sprache ist.

Wenn Sie ein neues Lied schreiben, entsteht dann zuerst die Musik oder zuerst der Text?

Zuerst der Text. Das hat mit meiner Schulung über das klassische Lied zu tun. Ich habe als Knabe schon meinen Vater begleitet, wir haben Schubert-, Hugo Wolf-, Brahms- und Strauss-Lieder... gesungen. Das sind ja immer Komponisten gewesen, die vorhandene Lieder vertont haben. Ich hätte meine Gedichte auch sprechen können und dann habe ich mir gedacht, warum, ich bin ja Musiker, jetzt vertone ich sie!

Allem Unschönen im Leben zum Trotz sind Sie immer radikal lebensbejahend geblieben. Sind Sie so erzogen worden?

Ich glaube, das muss mit diesem Urvertrauen zu tun haben, das ich durch mein Elternhaus mitbekommen habe. Meine Mutter, die mich manchmal fast schon zu besitzergreifend geliebt hat und ein Vater, der so ein wunderbarer Freigeist war und ganz und gar nicht autoritär.

Haben Sie jemals über die Symbolik Ihres Namens nachgedacht?

Als Kind habe ich mich immer geschämt für meinen Namen, weil ich so ausgelacht wurde. Da hat man immer "Klingelingeling" zu mir gesagt (lacht). Erst später habe ich gedacht, dass es ja auch mit einem aktiven Aufwecken zu tun hat und dass es also auch etwas sein könnte, was vielleicht sogar symbolisch für das stehen könnte, was ich in den letzten dreißig, vierzig Jahren gemacht habe.

Wie kam es zur Tournee "Leben im Leben"?

Ich mache ja kaum richtige Tourneen, sondern spiele einfach das ganze Jahr über. Dabei bin ich wirklich sehr viel unterwegs und dann ergibt sich natürlich, dass ich Lust auf verschiedene Programme habe oder auf das Programm, das ich mit Jo Barnikel seit zehn Jahren mache. Da wollen wir natürlich nicht immer das gleiche machen und so haben wir uns entschieden, dass unser Duo-Programm "Leben im Leben" heissen soll, weil das eben ein relativ neues Lied ist und weil ich nicht nur die erste Zeile sondern das ganze Lied programmatisch fand, für das, was mich zur Zeit so umtreibt: "Ich sing für alle, die mit mir noch auf der Suche sind, nach einer Welt, die es vielleicht nie geben kann."