Konstantin Wecker ist der König der Zugaben

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.09.2009

Quelle

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Autor / Interwiever

Christiane Weinhold

Bad Berleburg. "Wenn die Leute nicht mehr klatschen", hatte Konstantin Wecker vor dem Konzert geantwortet auf die Frage, wie lange er wohl singen und Klavier spielen werde. Und die Gäste klatschten immer und immer wieder. Die Zugaben dauerten satte 45 Minuten.

Er eckt an, rüttelt wach, beschreibt sich selbst als niemals angepasst und hält Schweigen für Betrug. Konstantin Wecker, Liedermacher, Poet, Gipfelstürmer in Sachen politischer, gesellschaftskritischer Texte besuchte nach siebenjähriger Abstinenz mal wieder sein Berleburger Publikum als "Leben im Leben".

In Strömen drängten die Menschen in das Bürgerhaus, in das nicht nur einheimische Fans des Barden, auch hessischer Dialekt wurde vernommen und Autokennzeichen aus Frankfurt gesichtet, sich den Weg bahnten.

Er hat was, etwas Unbeschreibliches. Die Stimme, das Sonore, das Volumen und der Klang reißen hin, nicht nur die holde Weiblichkeit. Mit bizarren Liebesliedern und zeitkritischen Betrachtungen geht der bewegliche 62-Jährige gemeinsam mit Keyboarder Jo Barnikel die Ungereimtheiten der Gesellschaft an und verleiht dem übergewichtigen, leberkranken Familienvati eine zufriedene Stimme, gibt dem ordnungsliebenden Richter ein unordentliches, gewissenloses Doppelleben als Wochenend-Psychopath.

Nichts lässt Konny Wecker aus, warum auch? Er kann es sich leisten auf den Putz zu hauen und den Finger in offene Wunden zu legen. Wer sonst redet mit uns, mit dem geregelten, rechtschaffenen Volk Tacheles? Und das tut der Sänger in einer Art, die anstößig ist, verrucht bis ins Letzte, mit spitzer Zunge und bissigem Humor kommt er immer an. Weil Mensch sich vielleicht wiedererkennt in der Rechthaberei, heimlicher Betrügerei und die eigene linke Tour, die er mit ihm fährt, höchst amüsant finden.

Die Kehrseite des Allrounders, der seit 41 Jahren auf den Bühnen der Welt zu Hause ist, liegt in Sanftheit begründet. Der leise Goethe nimmt einen hohen Rang in Weckers Schaffenskraft ein. Paradiesisches, Liebenswertes, der Menschenfreund ist der Dominante dieser Medaillenseite. Der gebürtige Münchener streichelt übers Haupt und tröstet, ist glücklicher Vater und lässt alle Emotionalität fließen. Minderheiten bekommen Beachtung als Menschen. Abschaum ist für Wecker nur der, der wegschaut in sozialen Extremsituationen. Seine bewusste Provokation ist nach Jahren der Flaute und der selbstproduzierten Drogenskandale wieder auf hohem Publikumskurs. Seine Fans lieben ihn, verständlich, denn er macht mit herzergreifender Lyrik Licht, wo sonst nur Dunkel ist. Er greift uns an die Schulter und stößt uns mit der Nase auf die Wahrheit bis wir sagen: "Du hast Recht!"

Konstantin Wecker befindet sich "Wieder im Leben" ist wacher, ernüchternder und trotz alledem humorvoller denn je. Geläutert hat er sich selbst und gibt mit seinen Songs Wegbeschreibungen das innere Selbst und den Menschen in sich zu finden und zu wahren. In autobiografischen Anekdoten erzählte er in Berleburg aus seiner umtriebigen Zeit: Eine Autofahrt über den Brenner unterbrach er mit einer Rast in einer Gaststätte: "Da machte mich so ein Engländer an, der hat aber schnell meine Faust gerochen" Gästen im Lokal stieß die offensive Art Wecker sauer auf und mit hochnäsiger Art entgegneten sie: "Von ihana hätt´ ich des nit gedenkt, Herr Fendrich!" Wecker sah nur eine Alternative: "Herr Fendrich?! Ich hab dem Engländer noch Eine verpasst!" Konstantin Wecker geht stets gnadenlos vor, lässt nichts aus, was nicht der üblichen Gesellschaftsnorm entspricht.

Jo Barnikel macht dies alles fast wortlos mit. Sie sitzen sich an Flügel und Keyboard gegenüber kommunizieren seit 16 Jahren über den Blickkontakt. Es klappt reibungslos und verleiht der Musik Harmonie und unvergleichliche Einheit.

Sein gesamtes 40-jähriges Schaffen passierte Revue und sprengte den Rahmen mit 45 Minuten Zugaben aus allen bisherigen Alben des weisen Poeten. Die vom Applaudieren schmerzenden Hände werden die Zuhörer vergessen nur nicht die Einmaligkeit dieses wunderbaren Konzertes.