Konstantin Weckers Liebe zum prallen Leben

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.04.2009

Quelle

Nürnberger Nachrichten

Autor / Interwiever

Peter Gruner

NÜRNBERG - "Liebesflug" heißt das aktuelle Programm von Konstantin Wecker, das er im restlos ausverkauften Nürnberger Opernhaus präsentierte.

"Die Liebe und das Wecker´sche Pathos, da besteht natürlich große Sülz-Gefahr", erklärt Wecker zu Beginn seines Programms mit entwaffnender Selbstironie und schiebt hinterher, dass er verstehen könne, wenn die Kritiker jetzt schon die Messer wetzten.

Nun, lassen wir die Mordwerkzeuge stecken! Zwar bleibt sich der Münchner Liedermacher bei seinem Hang zu Extremen auch in Liebesangelegenheiten treu, aber Grund für ernsthafte Boshaftigkeiten liefert er an diesem Abend keinesfalls.

Im Gegenteil: Schon die Wahl seiner Begleiter ist ein absoluter Glücksgriff. Die vier zotteligen Herren vom "Spring String Quartett" sind mit ihren sensiblen wie kraftvollen, rhythmisch akzentuierten wie humorvoll kommentierenden Streicherparts weit mehr als süßlicher Zuckerguss auf Weckers Liedkunst. Vielmehr gestalten sie das Programm auch mit einigen äußerst witzigen und virtuosen Instrumentalnummern entscheidend mit. Und mit seinem Nürnberger Langzeitpartner Jo Barnikel am zweiten Flügel und Keyboard versteht sich der bestens aufgelegte Sänger und Pianist sowieso blind.

Wenn Wecker also von der Liebe singt, dann ist schnell klar, dass er damit keinesfalls nur auf die romantische Liebe abzielt. Um das klarzustellen, widmet er gleich zu Beginn dem Ur-Antrieb allen menschlichen Tuns, der Wollust, einen kleinen Lyrik-Teil, in dem Dichter-Götter wie Rilke oder Brecht schweinigeln, dass es den Stuck-Engelchen über der Bühne die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Da schmatzt das pralle Leben genauso genießerisch wie in den Wecker-Klassikern "Ich liebe diese Hure" oder "Heit schaugn die Madln wia Äpfel aus", in denen stets die Liebe zum nackten Leben, zum Sich-selbst-fühlen viel präsenter ist, als die Zuneigung zu einer bestimmten Frau.

"Genug ist nicht genug" liefert ihm dann eine prima Steilvorlage zum Abwatschen der Geld-Junkies, "deren Beschaffungs-Kriminalität ja viel schlimmere Folgen hat, als die von herkömmlichen Suchtkranken". Der politische Wecker bleibt auch beim Liebesflug nicht außen vor und lässt an anderer Stelle auch wieder seine gefürchtete Polemik aufblitzen. Etwa wenn er das Nato-Jubiläum pauschal als "Sechzig Jahre Mord und Totschlag" tituliert.

Aber ein Konzertsaal ist eben kein Ort für differenzierte politische Analysen, sondern ein Ort, an dem ein Künstler seine Seele öffnet, um andere Seelen zu bereichern. Und das tut Konstantin Wecker in seinen persönlichsten Liedern mit furchtloser Offenheit, etwa in der Liebeserklärung an den eigenen Vater, oder der abschließenden Annäherung an den Tod als "etwas, was dich ganz sacht auffängt".

Stehende Ovationen für einen genauso widersprüchlichen wie wahrhaftigen Künstler, dessen Liebes- und Lebensverständnis viel zu groß ist für romantische Klischees.

Am 19. November gibt Konstantin Wecker ein Zusatzkonzert im Nürnberger Opernhaus.