So ein sauguter Abend

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

26.05.2009

Quelle

Schwäbische Zeitung

Autor / Interwiever

Rolf Schneider

RAVENSBURG - Der Liedermacher Konstantin Wecker ist ein Zwischending zwischen Relikt und unverwüstlichem Revoluzzer. Am Donnerstagabend gab der 62-Jährige in der gut gefüllten Ravensburger Oberschwabenhalle mit seiner vierköpfigen Band einen Liederabend, den wohl alle Zuhörer in Erinnerung behalten werden; in sehr guter Erinnerung.

"Ein traumhafter Abend", sagt Frau Nachbarin nach der Pause, "ein sagenhafter Wecker. Bloß - eine andere Hose hätte er sich anziehen können." Wo frau recht hat, hat sie recht. Konstantin Wecker, der Unverwüstliche, der zwar nicht immer Erfolg, aber immer eine Botschaft hat, tritt in einem Beinkleid auf, das stark an einen Clown erinnert, der sich nach dem Kindergeburtstag umzog, aber dabei die Hose zu wechseln vergessen hat. Das ist aber auch das einzige klitzekleine Quäntchen, das man an seinem Auftritt bemäkeln konnte: Der Rest: Ein Fest fürs Leben, für jenes Leben, das der unvergleichliche bairische Barde als Alpha und Omega seines Konzertes thematisiert: "lch sing´ für alle, die wie ich noch auf der Suche sind, nach der Welt, die es vielleicht nie gibt."

Gibt es Jung-68er?

An der Welt, wie sie es gibt, reibt sich der 62-Jährige immer noch. Doch wo er früher manchmal gar zu verbissen ernsthaft agitierte, quasi das Programm der Linkspartei mit Noten füllte, da hat er nun zu ironischer, augenzwinkernder Distanz gefunden. Gleich als zweites Lied gibt er den "Revoluzzer" {"Aber wer macht sich scho die Plog - und revoluzzt den ganzen Dog") und sein Publikum ist hin und weg. Altersmäßig großteils auf Weckers Niveau und erfahrungsmäßig auch, hat es ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass die Plage des Aufbegehrens bloß sehr viel Ärger und sehr wenig Effekte bringt. Aber so ganz vergessen haben sies nicht, die Kinder der wilderen Jahre. "Die Siebziger", schwelgt Wecker in Erinnerungen. "Die Zeit der Alt-68er. Die Alt-68er. Aber was heißt hier Alt? Gibt es vielleicht Jung-68er?" Die grauen Panther lachen lauthals. So wird aus Wehmut Wonne.

Wecker hat wieder Lust und Spaß gefunden, am Singen und Klavierspielen sowieso, am Leben auch und am Revoluzzen immer noch. Nostalgisch-sentimentale Erinnerungen an Frühwerke wie "Ich lebe immer am Strand" bricht er immer wieder mit höchst aktuellen Schwenks, wie jenem, als er sich als Prophet der Hypo-Real-Estate-Zeit bezeichnet und die nun den Bankern gewidmete Hymne "Genug ist nicht genug" anstimmt. Was heißt hier anstimmt? Seine brillante Viermann-Band macht daraus phasenweise ein Rockstück, in das sie mühelos "Smoke on the Water" von Deep Purple einbaut, ehe der nimmermüde Warner ein bitterböses Fazit zieht: "Vor 40 Jahren bin ich angetreten, um die Welt zu verändern. Und. wenn ich mir die Welt jetzt so anschau... Ich kann bloß sagen: I war´s net!"

Dafür ist er derjenige, der den Abend zu einem wahren Erlebnis macht. Ein gar facettenreiches Erlebnis: ein Hölderlin-Gedicht, ein vertontes Erich-Kästner-Poem wider die gierigen Millionäre, ein augenzwinkernder Song über das Münchner Gefängnis Stadelheim ("Ich hab da eine gewisse fachliche Kompetenz"), der alte, nun zeitgemäße Song "Wenn die Börsianer tanzen", ein süperbes Klavierduell mit Jo Barnikel zu "Wenn der Sommer nicht.mehr weit ist" und alles garniert mit Wecker-Prosa. "Der Untergang des Kapitalismus - dass ich das noch erleben darf! Verstaatlichung, Kommunismus - das heißt, Kommunismus ist es ja net, es werden ja bloß die Verluste verstaatlicht. Das Geld bleibt bei denen, die es haben" - das Publikum klatscht sich die Hände wund.

Am Schluss seines dreistündigen Auftritts - wo Wecker draufsteht ist prinzipiell die doppelte Portion eines herkömmlichen Konzerts drin - prasselt Starkregen auf das Dach der Oberschwabenhalle. Die Wecker-Fans genießen das Kontrastprogramm: Sonne im Herzen und Wolkenfreiheit im Kopf. Als eine seiner Zugaben gibt er das alte "So a saudummer Dog" - das krottenfalsche Motto. Am Donnerstag müsste es: "So ein sauguter Abend" heißen. Nach diesem Weckerleuchten hat sich an seiner Hose gewisslich niemand mehr gestört.