Kraft der Stille und des Zorns - Stehende Ovationen für Konstantin Wecker

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.06.2009

Quelle

Pforzheimer Zeitung

Autor / Interwiever

Ralf Recklies

PFORZHEIM. "Manchmal bricht so ein Text einfach aus mir heraus", verrät Konstantin Wecker, bevor er gemeinsam mit seinem musikalischen Partner Johannes Barnikel mit "Schlendern" die sechste und letzte Zugabe anstimmt. Der Text sei für ihn etwas Besonderes, sei das Richtige, um einen solch schönen Abend zu beschließen.

Lange habe er die Idee für das Lied mit sich herumgetragen, bevor Worte und Noten den Weg aufs Papier gefunden hätten. Dies sei aber erst möglich gewesen, nachdem er "die Kraft und Notwendigkeit der Stille kennen- und schätzen gelernt" habe, gesteht der 1947 in München geborene Komponist, Liedermacher und Autor. Bei allem späten Genuss von Ruhe: Wecker möchte auch die stürmischen Zeiten seines Lebens nicht missen. Im Gegenteil, wie er bei seinem Konzert mit dem Programm "Leben im Leben" im Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld eindrucksvoll unterstreicht. Denn auch wenn Wecker inzwischen gerne mal ruhigere Töne anschlägt: Auch in seinem siebten Lebensjahrzehnt ist er noch immer ein schlitzohriger Rebell, der soziale Ungerechtigkeiten mit markanten Worten oder feiner Ironie anprangert und sich für die Schwachen in der Gesellschaft stark macht. Er kämpft verbal gegen Borniertheit und zieht mit mutigen Worten gegen Rassismus, Diskriminierung und die Auswüchse des Kapitalismus zu Felde. Nicht nur, dass die Gier und Kälte mancher Bankmanager zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise führen musste, war für Wecker längst abzusehen. Überraschend für ihn aber: Einige, die seine Kapitalismus anprangernden Titel einst geächtet haben, sehen in dem bayerischen Liedermacher heute einen Propheten. Er selbst nimmt sich indes weit weniger wichtig, verweist auf Kästner und Tucholsky, die mit ihren oft zeitlosen Texten die Zeichen der Zeit oft früh erkannt und Entwicklungen literarisch vorweg- genommen hätten.

Gelungen die Auswahl an Liedern, die Wecker in seinem mit Zugaben über zweieinhalbstündigen Programm serviert. Zärtliche Liebeslieder und zornige Positionen hat er gleichermaßen im Gepäck. Die Ausschnitte, mit denen Wecker seine 40-jährige Karriere mit allen Höhen und Tiefen Revue passieren lässt, machen deutlich: Wecker ist ein Philanthrop, der mit seiner Musik bis heute darauf hofft, einen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten. Und im Kleinen gelingt es ihm bei jedem Konzert. Denn er berührt die Menschen. Diese sagen dem ebenso stimmgewaltigen wie facettenreichen Sänger und versierten Pianisten am Ende stehend Dank für einen Abend voller Emotionalität und Tiefe abseits aller Plattitüden.

Wecker ist ebenso blitzgescheit wie einfühlsam, nie aber sentimental. Hintersinnig und mit ergreifender Lyrik besingt er in Erinnerung an seine frühen sado-poetischen Liebeslieder die Lüste mancher Herren im aufbrechenden Frühling, erweckt Richter mit exhibitionistischen Neigungen auf der Bühne zum Leben und prangert die soziale Kälte der Gesellschaft an, um nur Augenblicke später in feinster Poesie voller Leidenschaft die Liebe zu besingen. Auch erinnert er mit dem in den 80er-Jahren geschriebenen "Irgendwann" an seinen zwei Tage vor dem Pforzheimer Konzert verstorbenen Freund, den Jazzsaxofonisten Charly Mariano. "Wir hatten immer geglaubt, er sei unsterblich", gibt Wecker unumwunden zu. Und es war zu spüren: Manch Besucher des Osterfeld-Konzertes würde sich nach dem gelungenen Abend gleiches für Wecker wünschen.