Viel spannender als bei Anne Will

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.06.2009

Quelle

Freies Wort

Autor / Interwiever

Frank Hommel

Liedermacher Konstantin Wecker unterstützt ein ungewöhnliches Schlossprojekt in Südthüringen

Der Liedermacher Konstantin Wecker gibt am 10. Juli in Weitersroda ein Benefizkonzert. Der Erlös soll nötigen Sanierungsarbeiten am Schloss dienen, wo Wecker-Kumpel Florian Kirner ein Projekt für Kultur und alternatives Leben etabliert.

In Südthüringen macht seit einiger Zeit ein Schlossprojekt von sich reden. Der Liedermacher und Poet "Prinz Chaos II.", bürgerlich Florian Kirner, hat das marode Schloss Weitersroda bei Hildburghausen gekauft und will darin ein Kulturzentrum im weitesten Sinne etablieren. Dieses Projekt zu unterstützen, hat er Konstantin Wecker für ein Benefiz-Konzert gewonnen. Wir haben den bayerischen Liedermacher nach den Gründen seines Engagements gefragt.

Herr Wecker, am 10. Juli geben Sie ein Benefizkonzert für ein Projekt in Weitersroda, bei dem Florian Kirner alias "Prinz Chaos II." versucht, ein relativ heruntergekommenes Schloss herzurichten und mit Leben zu erfüllen. Wieso unterstützen Sie dieses Vorhaben?

Erstens bin ich mit dem Herrn Kirner befreundet. Ich kenne ihn seit Jahren und finde es toll, was er macht. Wir haben auch schon zusammengearbeitet. Bei meiner letzten CD hat er an ein, zwei Texten mitgeschrieben. Dann hat er ein Lied mit mir gesungen. Uns verbindet eine menschliche und eine künstlerische Freundschaft. Er gehört ja einer jüngeren Liedermachergeneration an, und ich finde es unterstützenswert, was er künstlerisch macht.

Und zweitens?

Na, und dann gefällt mir dieses Projekt. Er beweist Haltung in einer Gegend, in der er es zum Teil nicht immer ganz leicht hat mit seinem anarchistisch-royalistischen Grundkonzept, das er der Welt anbietet. Ich bin begeistert von dem Gedanken, dass sich junge Menschen neue Lebenswege suchen, raus aus dem üblichen Trott. Für mich ist das eine moderne Version der 68er Bewegung. Das ist unterstützenswert.

Sie haben das Schloss schon persönlich begutachtet?

Ich war dort. Es ist außerordentlich renovierungsbedürftig, besonders innen. Aber so wie die das angehen, es immer bewohnbarer zu machen, glaube ich, dass es funktioniert.

Aber Arbeit muss man schon viel hinein stecken.

Unglaublich viel. Aber nicht nur Arbeit, sondern auch Idealismus und Bereitschaft, etwas, ich sage mal, unbürgerlich zu leben.

Könnten Sie denn auch so leben?

Als ich jung war unbedingt. Heute könnte ich mir es nicht mehr so vorstellen, muss ich ehrlich sagen. Aber es ist ja etwas, womit sich die Jugend ein wenig leichter tut: Wenn´s sein muss auch mal ein Jahr in einem Schlafsack zu schlafen. Da hat man aber auch den Rücken dafür.

Bei dem Schlossprojekt geht es nicht nur um alternative Lebensform, sondern um ein Baudenkmal - und dann auch noch um Leben mitten im Dorf.

Genau das macht die Geschichte so spannend, weil man etwas entdecken kann, das im Großstadtleben längst verloren gegangen ist. Ich habe so etwas ähnliches erlebt, als ich in den 80er Jahren in die Toskana gegangen bin. Ich habe dort auch in einer Art Wohngemeinschaft gelebt. Wir haben ein bisschen Wein angebaut und Oliven geerntet, wenn auch nicht mit besonders großem Erfolg. Also ein perfekter Bauer bin ich nicht geworden.

Hippie-Kommunen sind oft gescheitert, weil trotz Love und Peace die Leute mit ihren Egos auf engem Raum aneinander gerasselt sind.

Durchaus. So etwas ist immer wieder versucht worden und immer wieder gescheitert. Aber es wird eben auch immer neu versucht werden. Denn so zu leben ist, wie ich finde, spannender als in der modernen Gesellschaft. Denn schauen Sie, die moderne Gesellschaft scheitert ja auch immer wieder. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts ist eine Geschichte des durchgehenden Scheiterns.

Nicht immer. Denken Sie an die Wende in der DDR.

Aber jetzt im neuen Jahrhundert zeigt uns die Krise doch auch, dass die jetzige Gesellschaftsform sich in den nächsten Jahren auffressen wird, dass sie sich überfressen wird an der Gier und am Egoismus. Da kann man es doch ruhig immer wieder auf liebevolle Weise im kleinen Rahmen versuchen.

Sie meinen dieses Scheitern, so klingt es jedenfalls, im wörtlichen Sinne. Glauben Sie wirklich an einen politischen Umbruch?

Natürlich wird es diesen Umbruch geben. Der Kapitalismus ist am Ende. Die Milliarden, die wir jetzt für die Krise berappen, das sind doch Gelder, die für eine vage Zukunft versprochen werden. Wer soll das alles bezahlen? Unsere Kinder. Die Verschuldung geht so ins unermessliche, dass das Ganze nie mehr Hand und Fuß haben wird. Niemand gibt das gerne zu. Und die Augenwischerei der Politiker funktioniert ja, sonst würden doch viele Leute nicht diejenigen wählen, die ihnen den ganzen Schlamassel eingebrockt haben.

Das widerspricht sich jetzt: Einerseits kommt der Umbruch, andererseits funktioniert die Augenwischerei. Wie passt das zusammen?

Verstehen Sie mich richtig: Man muss diesen Umbruch nicht herbei revolutionieren, er passiert automatisch. Und es gibt ja schon eine geistige Revolution, wenn ich nur an die Weltsozialforen denke. Oder an die globalisierungskritische Vereinigung Attac. Da gibt es viele kluge Antworten auf das Desaster in dem wir uns befinden. Da ist es auch viel spannender als in der Talkrunde von Anne Will.

Aber in Dörfern wie Weitersroda wird die Talk-Show von Anne Will sicher öfter verfolgt, als dass die Menschen sich Ideen von Attac zu Gemüte führen.

Keine Frage. Aber denken Sie zum Vergleich an meine Konzerte. Dort kommen ja auch keine Millionen, aber die, die kommen, bei denen kann man etwas bewirken. Und die können etwas bewirken.

Künstler haben eine Verantwortung für die Welt?

Das habe ich früher immer abgelehnt. Aber je älter ich werde, desto mehr akzeptiere ich das. Natürlich könnte ich mich jetzt zurückziehen und sagen, ich bin 62 Jahre alt, das geht mich alles nichts mehr an. Aber da würde ich fliehen vor dem, was die Leute von mir erwarten.

Etwas unerwartet sind Sie letztens als Schauspieler in einem Tatort aufgetreten. Ein einmaliger Auftritt?

Das kommt darauf an, ob mich die Drehbuchschreiber weiter einbauen. Lust hätte ich schon, das hat sehr viel Spaß gemacht. Das ist für mich so wie Urlaub.

Sie sollen vor der Wende schon einmal in Südthüringen gewesen sein, in Suhl, wie man hört. Erinnern Sie sich noch an den Besuch?

Die Konzerte in der damaligen DDR waren und sind ein unvergleichliches und unvergessenes Erlebnis. Nie mehr wird man wieder ein so aufmerksames und auf jede Nuance achtendes Publikum erleben können.