Der Alt-68er wird leiser

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.07.2009

Quelle

Oberbayerisches Volksblatt

Autor / Interwiever

Josef Enzinger

Still wird Konstantin Wecker, als er im Haberkasten-Innenhof in Mühldorf schließlich die letzte Zugabe anstimmt. Zur wundervollen Ballade "Schlendern" bekennt er: "Meine Lieder waren immer klüger als ich."

40 Jahre steht Wecker nun schon auf der Bühne. Doch teilweise verstehe er erst heute, was er vor 30 Jahren gesungen habe.Seine aktuelle Tour "Leben im Leben" ist dann auch ein Streifzug seiner langen Schaffenskraft als Liedermacher, Poet, Lyriker. Und der 62-jährige Künstler aus München scheut sich nicht auf der Bühne mit seinem eigenen Leben aufzuräumen. Er, der Alt-68er, beschönigt nichts, bringt seine Emotionen musikalisch und lyrisch zu Gehör und besingt auch die dunklen Seiten seines Lebens. Vielleicht ein Grund, warum er so authentisch ist.

Er sei einst mit dem Vorsatz angetreten, mit seinen Liedern die Welt zu verbessern, bemerkt Wecker. Doch wenn er sich jetzt so umsehe, bleibe nur die Feststellung: "Ich war´s nicht". Und damit ist er mitten drin in seiner Gesellschaftskritik, die sich in Liedern und Gedichten widerspiegelt, welche auch nach Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Mit Ironie und Wortwitz besingt er die Unzulänglichkeiten der Gesellschaft, lässt seine tiefe, eindringliche Stimme erklingen, wenn er gegen Rassismus, Diskriminierung, Jugendwahn, CSU-Diktatur ("Die Tröge bleiben die gleichen, nur die Schweine wechseln") oder gegen den Kapitalismus ansingt.

Und doch stellt er sich dabei nicht als ewiger Besserwisser in den Vordergrund, sondern greift zur Brille, rezitiert Tucholsky und Kästner und hält vor Augen, wie diese beiden Literaten lange vor ihm Entwicklungen vorausgesehen haben.

Es ist nicht nur die fesselnde Stimmgewalt des ewig Mahnenden und sein furioses Klavierspiel in Konzelebration mit seinem Pianistenkollegen Jo Barnikel. Auch die literarischen Vorträge Weckers fesseln in Hörbuchformat, wenn er beispielsweise Exzerpte aus seinem Buch "Die Kunst des Scheiterns" vorliest. Wecker nimmt kein Blatt vor den Mund, erzählt über seine Anfänge und wie er es aus dem Feuilleton bis auf Seite eins geschafft habe. Wecker räumt rigoros auf mit seiner Vergangenheit, erheitert dabei das Publikum mit Auszügen seiner sado-poetischen Gesänge, die zu Beginn seiner Karriere entstanden sind: wenn er vom Lauscher hinterm Baum singt, den exhibitionistischen Richter anklagt oder aus Liebeskummer seinen linken Arm nach Paris schickt.

Markante, mahnende Worte auf der einen Seite, die Liebe, tiefste Einblicke in die Gefühlswelt des Konstantin Wecker auf der anderen, die der Romantiker in wunderschöne Balladen packt, stets ausgebreitet auf einem hervorragenden Klangteppich seines Klavierspiels. Wecker ist immer noch Revoluzzer, keine Frage. Doch mit dem Alter ist er ruhiger geworden.

Und trotzdem: Immer wieder lässt Wecker den Lausbuben raus. Nicht nur, dass er bereitwillig dem stehend applaudierenden Publikum eine Zugabe nach der anderen schenkt und dabei auch auf "So a saudummer Dog" nicht verzichtet. In ihrem facettenreichen Klavierspiel irgendwo zwischen Ballade und Boogie lassen sich Wecker und sein Alter-Ego Barnikel schließlich auch bei einem erfrischenden Ausflug in die Klassik ertappen.

Am Ende des Konzerts sinniert er: "Ich sing für alle, die mit mir noch auf der Suche sind nach einer Welt, die es vielleicht nie geben kann, die kein Gemälde sein wolln, sondern immer Skizze sind und unvollendet enden, irgendwann." Unvollendet enden? Bei Wecker kann sich das an diesem Abend niemand vorstellen.