Nach 100 Jahren Wecker erstes Konzert in Stendal

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

01.03.2008

Publikum im Theater der Altmark feiert bayerischen Liedermacher

Von Edda Gehrmann

Stendal. " 60 Jahre alt, 40 Jahre Bühne, macht 100 Jahre Wecker " 96 schon Konstantin Weckers Begrüßung am Dienstagabend im Theater der Altmark offenbart die Basis seines Programms : Reife, Professionalität und Humor. Nach all der Zeit findet der Liedermacher aus Bayern zum ersten Mal den Weg nach Stendal. Doch, so lässt er im Eröffnungstitel hören, " es ist unglaublich gut, euch an meiner Seite zu wissen ".

An seiner Seite im Großen Haus des TdA mischen sich die Generationen : Das reicht von jenen, die schon in den 1970 er Jahren Weckers erste Platten hörten, bis zu ganz jungen Menschen, die den 60-Jährigen gerade für sich entdecken. Der Abend " Alles das und mehr " lässt keinen Zweifel daran, warum das so ist : Konstantin Wecker hat sich nie einem Zeitgeist ergeben.

Chronologisch spinnt er den Faden von seinem gefloppten musikalischen Erstling " Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker " ( 1973 ) bis zum jüngsten Buch " Die Kunst des Scheiterns " ( 2007 ). Nichts ist ihm mit den Jahren verlorengegangen : nicht diese starke Stimme, die flüstern und schreien kann, nicht diese völlige Hingabe mit zusammengekniffenem Gesicht, nicht der Stachel des Widerstands. Die Aktualität manches älteren Textes verblüfft und erschreckt zugleich. " Die alten Ängste, pittoresk gepflanzt, treiben sehr bunte neue Blüten. Die Bullen beißen wieder, und der Landtag tanzt. Endlich geschafft : ein Volk von Phagozyten *", charakterisiert Wecker in " Frieden im Land " den Zustand der Bundesrepublik Anfang der 1980 er Jahre. " Wenn man sich die heutige Situation anschaut, ist es schon erstaunlich, dass dieses Lied 25 Jahre alt ist ", sagt er in Stendal. Seine jüngeren Analysen sind nicht weniger schonungslos. " Erst bau92n wir Waffen, dann verkaufen wir sie weiter, dann wird ein Krieg geführt, natürlich ein gescheiter, dann stell92n wir uns auf irgendeine Seite, die and92re geht dann selbstverständlich pleite. Dann finden wir das Ganze ganz gemein und sammeln uns92re Waffen wieder ein " 96 Zitat aus dem " Waffenhändler-Tango " von 2002. Konstantin Wecker hat aber auch wunderbare Liebeslieder geschrieben, und er hätte sich wohl keine 40 Jahre auf der Bühne gehalten, wäre sein klarer Verstand nicht gepaart mit einer großen dichterischen und musikalischen Gabe, getragen von unbändiger Lebensfreude. All das manifestiert sich am Dienstagabend im perfekten Zusammenspiel mit dem Pianisten Jo Barnikel. Nach 15 gemeinsamen Bühnenjahren funktionieren die beiden wie ein altes Ehepaar : ein Blick genügt. Neben furiosen Klavierduetten hat so ein Begleiter auch den Vorteil, dass Konstantin Wecker sich nicht die ganze Zeit hinter dem Flügel " verstecken " muss. Mehrfach liest, scherzt und singt er am Bühnenrand, bevor es die Zuschauer zu rhythmischen Ovationen von den Stühlen reißt. Bei der ersten Zugabe, " Was für eine Nacht ", umrundet der Sänger das Publikum im Saal, und er bleibt auch nach fast drei Stunden Konzert ein Mensch " zum Anfassen ", als er im Foyer seine Bücher und CDs signiert.

(* Phagozyten : Fresszellen )

Nach fast drei Stunden Konzert kam der Sänger zum Signieren ins Foyer. Mehr als einmal hörte er den Satz: "Danke, dass es Sie gibt."