Ein mitreißender Agitator mit Herz

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

23.06.2008

Quelle

Wümme Zeitung

Konstantin Wecker begeisterte seine Fans in der Music Hall
Von unserer Mitarbeiterin
Undine Zeidler

WORPSWEDE. Einhundert Prozent Konstantin Wecker bekamen die Zuschauer in der ausverkauften Music Hall. Drei Stunden gab der Münchner Sänger alles und wurde dafür begeistert gefeiert. Erst nach mehreren Zugaben ließen ihn seine Fans endgültig gegen Mitternacht von der Bühne.

Die Stühle im Saal waren bis auf den letzten Platz belegt. Altersmäßig waren die Zuhörer anscheinend schon länger Wecker-Anhänger. Das war auch an den Wiedererkennungseffekten bei einzelnen Liedern zu bemerken. Passend zur Clubatmosphäre trat Wecker mit sparsamer Instrumentierung auf. Zwei Flügel nahmen den Raum der Bühne in Anspruch. Auf einem spielte Wecker meist selbst, brillant und leichthändig. Sein "musikalisches alter Ego" Jo Barnikel begleitete und unterstützte ihn auf dem zweiten Instrument. Gelegentlich griff Barnikel auch noch zur Trompete. Augenzwinkernd bemerkte Wecker zwischendurch, dass es doch schade sei, dass sein Freund nicht beides gleichzeitig spielen könne. Die warme, kernige Stimme des Sängers füllte den ganzen Abend über mit Leichtigkeit die Music Hall aus. Man merkte ihm an, er ist Liedermacher durch und durch. Egal ob leise, leidenschaftliche oder schlüpfrige Texte, er gab jeder Stimmung den passenden Ausdruck. Dazu glitten seine Finger mal sanft über die Tasten des Flügels oder griffen mit aller Wucht hinein. Am Ende arbeitete er sich beim Lied über die Anarchie derart in die Musik hinein, dass selbst sein Stuhl umkippte und er noch mit dem Fuß auf die Tastatur hub. Weckers Flügel muss offenbar einiges abkönnen.

Die Lieder des Künstlers sind sehr privat. Er meinte dazu, er schreibt seine Lieder "so, dass sie passieren" und dass er sich von seinen Texten überraschen lässt. Manchmal schreibe er sie auch im Voraus und sie erfüllen sich dann. Deshalb hatte er den Abend auch autobiografisch, chronologisch aufgebaut. Bei 60 Lebensjahren und 40 Jahren Bühne seien dass immerhin 100 Jahre Wecker, meinte er zu Beginn. Grund genug, um ein "Best Of"-Programm zu präsentieren. Dass die Lieder aus seinem tiefsten Empfinden heraus entstanden waren, konnten die Zuschauer mit Ohren und Augen bei jedem Titel aufs Neue spüren.

Nach der Begrüßung mit dem Lied "Gutes Gefühl" ging es so richtig los mit einem seiner ersten Lieder "Der dumme Bub". Der Sänger erzählte, dass er damit seine Karriere begonnen hatte, auch wenn sie zunächst nicht so erfolgreich verlaufen sei, wie er es sich als junger Mann vorgestellt habe. Zwischen den Liedern erzählte er mit viel Selbstironie und Augenzwinkern aus seinem Leben. Selbst seine Kokain-Phase hatte er kokett und humorvoll ins Programm integriert. Der Abend war ein nahtloses Hin und Her Gleiten zwischen Musik, Geschichten und Rezitationen von ihm geliebter Gedichte. "Ich und Goethe" war eine Hommage an den von ihm hoch verehrten Dichter. Beim Lesen schielte er spitzbübisch über seine Lesebrille und die Zuschauer bekamen viel Amüsantes zu hören. Während der Lieder sprach seine Mimik Bände. Egal ob Wecker die Augen bei Balladen versunken geschlossen hielt oder sie bei den frechen Texten jungenhaft aufblitzten. Überhaupt, mit seiner ganzen Art und in seinem Karo-Hemd wirkte er echt. Deshalb sprang der Funkte auch schon mit den ersten Takten sofort von der Bühne ins Publikum über. Schließlich hieß es schon im ersten Lied: "Ja, es ist schon ein gutes Gefühl, euch an meiner Seite zu wissen."

Die Lieder Weckers waren auch eine Chronologie der deutschen Geschichte. Sein Gedicht "Deutscher Herbst", eine skurrile Mischung aus Politikkritik und Erotik, leitete über zum Song: "Der alte Kaiser". Ein sehnsuchtsvoll melancholisches Lied, unterbrochen vom pochenden Refrain. Das war Kraft pur, die ganz nebenbei auch noch Weckers Liebe zum Jazz freien Lauf lies.

Ein besonderer Höhepunkt an dem Abend war offensichtlich auch "Frieden im Land". Ein dramatisches Lied über die Situation in Deutschland, das unter die Haut ging. Wecker meinte anschließend zum Text: "Man möchte es nicht glauben, dass das Lied 25 Jahre alt ist." Nach drei intensiven Konzertstunden bedankte sich Konstantin Wecker bei seinem Publikum für den schönen Abend in dem wunderbaren Club und versprach wiederzukommen.