Ein Bayer spielt befreit auf

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

04.11.2008

Quelle

NRZ

Autor / Interwiever

Jörg Bartel

Essen. Konstantin Wecker, der Songpoet aus München, wurde in der Essener Philharmonie mit stehenden Ovationen gefeiert.

Er ist ein poetischer Triebtäter, er gibt Konzerte wie andere in Muckibuden gehen oder in die Kirche oder miteinander ins Bett. Und dabei glüht sein Herz so heiß, dass er keinen Koks braucht, um es zusätzlich zu heizen. 61 Jahre alt, ein Apostel des richtigen Lebens im falschen, ein Spinner, ein Spötter, ein toller Musiker, Backbuchautorinnengatte und Verfasser einer Biografie, die er "Die Kunst des Scheiterns" genannt hat. Er hat einiges an Lebenslauf zu bieten zwischen Knast und Kunst, zwischen frühen "sadopoetischen Gesängen" und "Unterm Dirndl wird gejodelt" und Weltretten. Und danach auch: zum Beispiel ein mitreißendes Konzert in der Essener Philharmonie, Station seiner großen Deutschlandtournee, die "Was keiner wagt" heißt. Der Wecker-Abend dauerte fast drei Stunden; er endete mit langen Standing Ovations und einem Wecker, der ganz begeistert war von der Begeisterung, die er bei den Preußen ausgelöst hatte.

Pose und Poesie trennen nur zwei Buchstaben. Einer, der noch so gut aussieht, kann vor einem Publikum, das so alt ist wie er selber, locker mit seinem Alter kokettieren. Kann Witze über sich selber machen und Blitze schleudern, und weil er musikalisch sowieso alles kann und von einen Topband begleitet wird, lässt er´s krachen und seufzen, wenn er´s grad braucht für seine alten, neuen und relaunchten Lieder. Politisch sieht sich der Bayer mit Toskana-Seele neuerdings obenauf. Gegen die CSU tritt sogar heftig nach: "Ich hab´ doch so lange drauf gewartet", sagt er, noch ganz benommen von der Befreiung des Freistaats vom Einparteiensystem. Einer, der so lange vorgetreten ist, darf nachtreten.

Wenn der Winter nicht mehr weit ist

Auch wenn´s ihn selber melancholisch macht, jetzt, wo der Winter nicht mehr weit ist und die "Anna, Anna, Anarchie" so nah. Nur dass er sie sich ganz anders vorgestellt hat, die Anarchie: lustiger, lustvoller, sinnlicher, persönlicher irgendwie - und nicht in Gestalt von smarten Typen in quergestreiften Schlipsen, die sich den Kapitalismus vom Steuerzahler und von China retten lassen.

Ein schamloser Romantiker und Ewigmorgiger, allerdings einer, von dem man befürchten müsste, dass er einem aufs Auge haut, würde man ihn als Gutmenschen denunzieren. Sein Tourmotto stammt aus einem weltfrommen Gedicht des Schweizer Pfarrers Lothar Zenetti: "Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Wo alles dunkel ist, macht Licht!" Das kann man beinahe mitsingen. Ansonsten ist "Singen mit Wecker" schwierig: Anders als sein alter Freund und Kader Wader, mit dessen Songs man heute noch Lagerfeuer löschen kann, hat er musikalisch und inhaltlich komplexe Lieder komponiert, die zwischen Klassik, Jazz, Rock und Blues mäandern, die voll sind von magisch-poetischen Bildern, aber auch voller voller Widerborsten und Widersprüche und - jenem Schuss Wecker, der ihn einzigartig macht.