Der alte Kaiser

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.06.2007

Quelle

Junge Welt

Autor / Interwiever

Flori Kirner

Bäume sind keine Verbrechen und die Kunst des Konstantin Wecker kein Kitsch: Glückwünsche zum sechzigsten Geburtstag

Von Flori Kirner

Konstantin Wecker und die Linke 96 das war über Jahrzehnte hinweg eine ebenso innige wie konfliktreiche Beziehung. Jetzt wird der Liedermacher 60, die hiermit gratulierende junge Welt ist bekanntlich auch in diesem Spätherbst der Jugendlichkeit angelangt - und die Beziehung Weckers zur Linken hält immer noch. Und mehr: Man hat sich zusammengerauft in den letzten Jahren. Dabei hatte ja alles so harmonisch begonnen. Weckers Durchbruchssong "Willy" und das Lied "Der alte Kaiser" von 1977 hatten auch bei kommunistischen Kampfgruppen und -grüppchen Beifall gefunden. Es ist eine neue Form der Agitation, mag man sich gedacht haben, aber wirkungsvoll, was ja doch die Hauptsache sei. Daß Wecker die gefühlsmäßige Seite der Lieder aber nicht nur als Mittel der Propaganda meinte, sondern allen Ernstes ernst - damit hatten die Polit-Aktivisten wohl nicht gerechnet. Als dann statt eines Konzertabends voller antifaschistischer Balladen und Revolutionspoetik vor allem lyrische Liebeslieder die Wecker-Konzerte ausmachten, wollte man dieses gruppenkommunistischerseits keineswegs akzeptieren. Wie zuvor ein wütender Mao-Mob die Festivals auf der Burg Waldeck aufgrund mangelnder Proletarität gesprengt und den feingeistigen Hanns-Dieter Hüsch konsequent von der Bühne gejagt hatte, wurden bald auch Weckers Konzerte heftig gestört. Liebeslieder wurden mit Zwischenrufen Marke "Aufhören!" und "Schluß mit dem Kitsch!" belegt - aber anders als der gehbehinderte Hüsch war der Kraftbayer Wecker körperlich in der Lage und mehr als einmal bereit, Störer eigenhändig aus dem Konzertsaal zu werfen. Wecker hat sich aber nicht aus der Linken herausschmeißen lassen oder den kulturfeindlichen Gestank vieler 150prozentiger-Revoluzzer als Vorwand für die eigene Versaftung genommen. Wecker ist immer beides geblieben, Romantiker und Rebell. Beides zu sein, ist wichtig, gerade jetzt. Die Herrschenden haben den Versuch, die Menschen ideologisch zu überzeugen, längst schon aufgegeben.

Geherrscht wird heute anders - mit der Giftwaffe der sozialen Angst. Anders als in den Zeiten Brechts, "als ein Gespräch über Bäume wie ein Verbrechen" erschien, weil es die Verbrechen zu verharmlosen drohte, ist heute jede helfende Hand, jeder aufmunternde Blick für einen weinenden Unbekannten bereits ein unmittelbar rebellischer Akt. Und nur jene Rebellionen sind wirklich fortschrittlich, die auch auf der Herzebene gegen die Grausamkeit der Weltordnung wirksam sind.Wecker hat sich immer wieder seine Auszeiten genommen von der Politik. Aber die rote Wut kam ebenso zuverlässig wieder angekrochen, und Wecker ließ sich regelmäßig und mit Lust von ihr überwältigen. Niemand singt so schön von der Liebe wie Konstantin Wecker - aber niemand beherrscht es auch wie er, zu zürnen, zu toben und zu wüten auf der Bühne, gegen Unrecht, Staat, Gier und Krieg. Und es kam eine Zeit, wo das langsam aber sicher auch dem letzten, romantik-feindlichen Hardcore-Aktivisten von ganz ganz besonders links auffallen musste - als Wecker sich nämlich ohne Wenn und Aber gegen die Abschaffung des Asylrechts, später dann gegen die gesammelten rot-grünen Regierungsverbrechen stellte. Keiner hat die verordnete Betroffenheit nach dem 11. September 2001 so offensiv attackiert, wie Konstantin Wecker. Überhaupt ist der Kampf gegen die schwarz-rot-grüne Militarisierung ein weckerisches Ruhmesblatt, und zwar ein großes, denn auch die Reise in den Irak vor Kriegsbeginn 2003, das Badgad-Kabul-Projekt mit arabischen Künstlern und Weckers Unterstützung der Aktionen gegen die Münchner "Sicherheitskonferenz" müssen darauf Platz finden. Wecker wird 60 und steht aufrecht in der Landschaft, aber er hat auch erlebt, was es heißt, grandios zu scheitern. Die Linke ebenfalls hatte ausgiebig Gelegenheit, das Scheitern zu erlernen. Und so versteht man sich, erfolgreich wieder auferstanden aus Ruinen, eben auch auf der Gefühlsebene ein bißchen besser...

Weckers neues Buch heißt "Die Kunst des Scheiterns" - in Wirklichkeit steht er durchaus als Sieger da - und als Beweis für die Möglichkeit politischer Kunst auf höchstem ästhetischen Niveau. Dabei hat Konstantin Wecker eine große und besonders wertvolle Fähigkeit: Er macht Menschen Hoffnung - und tut das hoffentlich noch sehr sehr lange, denn gerade diese Linke, wie wir sie in Deutschland nun einmal haben, braucht haargenau einen wie ihn.

Von Konstantin Wecker ist gerade erschienen: Die Kunst des Scheiterns. Tausend unmögliche Wege, das Glück zu finden. Piper Verlag, München 2007, 240 Seiten, 18 Euro