Lieder voller Kraft und Poesie

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.01.2008

Quelle

Rhein-Zeitung

Autor / Interwiever

Elmar Hering

Hachenburg: Lieder voller Kraft und Poesie

Erst vor wenigen Wochen war der bayerische Liedermacher Konstantin Wecker in Montabaur zu Gast.
Jetzt legte er in Hachenburg nach - noch dichter, noch intimer. Auf kurze Distanz gewinnt seine Poesie noch mehr an Gewicht.

HACHENBURG. Um es vorweg zu nehmen: Es würde etwas fehlen, wenn dieser Mann mit seinen 60 Jahren in den verdienten Ruhestand ginge. Konstantin Wecker predigt wie kaum ein anderer deutschsprachiger Künstler die Macht des freien Geistes. Seine Lieder sind beseelt von der immerwährenden Suche nach Wahrhaftigkeit - in der Liebe, in der Politik, im Alltag, im eigenen Selbst. Für diese Haltung, auch nach 40 durchlebten Bühnenjahren, lieben ihn seine Fans. Eine innige Beziehung, ungeschminkt und ohne Pomp, wie beim Konzert in der ausverkauften Hachenburger Stadthalle.

Hautnah, fast in behaglicher Clubatmosphäre, erlebten die Konzertbesucher einen gut aufgelegten Konstantin Wecker, begleitet von seinem Tasten-Partner und Freund Jo Barnikel. Mehr als drei Stunden lang blätterte der vielseitige Künstler in seinem Lebenswerk, von den "sadopoetischen Gesängen des Wolfgang Amadeus Wecker" (1973) bis zu seiner Autobiografie "Die Kunst des Scheiterns" (2007). Diese Essenz unter dem Titel "Alles das und mehr" präsentierte die Hachenburger KulturZeit mit Unterstützung durch die Firma Schuster aus Gehlert.

Konstantin Wecker kokettiert mit seinem Alter und seiner überwundenen Drogensucht. Unbefangen greift die "Göttergestalt" zur Lesebrille, scherzt über Senioren mit Nordic-Walking-Stöcken und damalige Schwierigkeiten am Zoll. Doch das sind Ausnahmen, lieber gießt er seine Gedanken in "unerhörte Klänge" und "zärtliche Worte". Weckers Poesie ist so frei und reich an Bildern wie ehedem. Gepaart mit seiner genialen Musikalität erwächst daraus die Kraft, über den Deckel des Flügels hinauszuschauen. Mit kräftiger Stimme stemmt er sich gegen gesellschaftliche Schieflagen, ruft zum Widerstand ("Sage Nein") und die Senioren zur Revolte auf, reißt nicht nur im "Waffenhändler-Tango" Fassaden ein.

Gerne teilt man mit ihm die Ergriffenheit, wenn er das Gedicht des Schweizer Pfarrers Lothar Zenetti vertont: "Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Wo alles dunkel ist, macht Licht!" Jazzige Segmente in seinen Klassikern "Genug ist nicht genug" und "Frieden im Land" machen dem Publikum das Mitklatschen schwer. Und so bleiben die Zuhörer weitgehend andächtig, freuen sich über musikalische Ausflüge nach Afrika und Lateinamerika, über jede erheiternde Zeile, von der Bundeswehrmusterung bis zum Gernhardt-Gedicht "Der Weinreinbringer". Vielleicht einen Tick zu lange verfängt sich der Mann in Turnschuhen und schwarzem Anzug in der besinnlichen Innenbetrachtung. Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn ihn heute mehr Fragen bedrängen als früher, doch die Rolle des alternden Mannes mag man ihm noch nicht so ganz zugestehen.

Deshalb sticht das "Questa nova realtà" aus den Zugaben so heraus. Weckers Tempo, Kraft und Freude zeigen, wie sich Angst in Mut verwandeln lässt. Schön, dass er die Hoffnung auf viele weitere Bühnenjahre nährt.