Keine schöngefärbten Fassaden

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.01.2008

Quelle

Westfälischen Nachrichten

Autor / Interwiever

Axel Engels

Keine schöngefärbten Fassaden

Greven. Konstantin Wecker hat noch viel zu sagen. Kraft und Ausstrahlung sind nach 40 Jahren Bühne ungebrochen, er ist einer der großen politischen Liedermacher. Mit seinem Konzert am Dienstagabend startete die KI ins neue Jahr. Einen hochkarätigeren Einstieg kann man sich kaum wünschen. Gronau und Münster lehnte er trotz lukrativer Angebote ab, gab Greven und der KI den Vorzug.

Zum Glück für die Besucher, die ein Konzert der Spitzenklasse im ausverkauften Ballenlager erlebten. Wecker zeigte von der ersten Minute Präsenz und charismatische Ausstrahlung. Mit dem Pianisten Jo Barnikel hatte er einen langjährigen Freund und Wegbegleiter mitgebracht, der künstlerisch genau zu ihm passte. Homogen und einfühlsam erklang beim Programm "Alles das und mehr" der Querschnitt der langjährigen Bühnenkarriere.

Wecker ist sich treu geblieben. Authentisch und ernsthaft widmet er sich den großen Themen, zeigt persönliche Betroffenheit und hintergründigen Humor. In einer Zeit, da kritisches Mundaufmachen nicht gerade mehr Mode ist, geht man gern ein Stück des Weges mit ihm. Er riskierte ein Verfahren, als er sich gegen die NPD solidarisierte. Doch vom bayrischen Justizministerium bekam er bescheinigt, dass "Zivilcourage und die Ausübung der Meinungsfreiheit nicht bestraft werden".

Konstantin Wecker begeistert mit Stimme und Tastenspiel.

Das ist schon ein "Gutes Gefühl", wenn er auf dem Bösendorfer seine einfühlsamen Balladen spielt. Er provoziert, lacht und erreicht die Herzen, seine Worte treffen mit unheimlicher Intensität.

Seine alten Lieder sind immer noch aktuell und frisch. Die Zeiten mögen sich geändert haben, die Probleme nicht. Mit unverwechselbarer Stimme dringt er in die Tiefe, vor seiner "Kunst des Scheitern" muss man den Hut ziehen. Sprachlich brillant rezitiert er aus seinem biographisch angelegten Buch, macht selbst vor seiner "weißen Weste" nicht halt.

Diese Art der Selbstkritik ist selten im Angesicht oft schöngefärbter Fassaden. Konstantin Wecker hat dies nicht nötig, das macht sein dreistündiges Konzert zu einem einzigartigen Erlebnis. Bei seinem "Tod eines Familienvaters" spürte jeder den Schrecken, die Verzweiflung und gleichzeitige Weitsicht.

Wecker spart nicht mit der Demonstration seines Könnens und seiner Vielseitigkeit. Vom Blues bis zu südamerikanischen Latino-Klängen geht es über den Jazz zur Klassik, seinen Tschaikowski hat er intus. Der Münchner Künstler kann vielleicht nicht die ganze Welt ändern, aber er zieht jeden in seinen Bann.