Poesie muß über Politik siegen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.03.2006

Quelle

Junge Welt

Autor / Interwiever

Markus Bernhardt

Konstantin Wecker wurde am 1. Juni 1947 in München geboren. Der Musiker, Komponist und Autor gilt als Deutschlands beliebtester Liedermacher. Er veröffentlichte Dutzende CDs und Bücher und spielte in mehreren Fernsehproduktionen mit. 1995 wurde er für sein Engagement gegen Rassismus und Fremdenhaß mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet.


- Sie haben in den vergangenen zwei Wochen gemeinsam mit der Band Strom & Wasser des Liedermachers Heinz Ratz insgesamt vier Konzerte im Osten Deutschlands veranstaltet. Diese standen unter dem Motto "Nazis raus aus dieser Stadt". Was hat Sie bewogen, diese antifaschistische Konzerttour durchzuführen?

Mein Freund Heinz Ratz hatte mir berichtet, daß er wiederholt Probleme mit Neonazis hatte, die seine Konzerte gestört haben. Auch erzählte er mir, daß die zur Hilfe gerufene Polizei meist nicht Willens war, die Neonazis von den Konzerten fern zu halten und deren ungestörten Ablauf zu garantieren. Heinz und ich kamen dann überein, einmal gemeinsam auf Tour zu gehen, um uns dieser Problematik zusammen zu stellen.

- Am 8. März wollten Sie in einem Gymnasium im sachsen-anhaltinischen Halberstadt auftreten. Da die neofaschistische NPD jedoch ihre "aktive Teilnahme" an dem Konzert ankündigte, untersagte das Halberstadter Landratsamt Ihnen im vorauseilenden Gehorsam den Auftritt. Hat die Politik bereits vor den Neofaschisten kapituliert?

In manchen Kommunen scheint das der Fall zu sein. Nachdem unser Konzert in Halberstadt de facto verboten wurde, habe ich mehrere E-Mails von Menschen erhalten, die ein derartiges Vorgehen der Behörden schön öfter erlebt haben. Für mich war es das erste Mal in meinem ganzen Leben, daß ein Konzert von mir aus politischen Gründen nicht stattfinden konnte. Ich kann persönliche Feigheit durchaus verstehen. Was ich jedoch nicht verstehe und wogegen ich ankämpfe, ist diese vorauseilende Feigheit. Jeder Mensch hat alleine aus einem gewissen Überlebenstrieb heraus schon das Recht, feige zu sein. Wenn jemand jedoch schon feige agiert, bevor überhaupt etwas passiert ist, stellt das wie in diesem Fall eine ernstzunehmende politische Gefahr dar.

- Könnte der Grund für die Absage Ihres Konzert nicht auch an der klammheimlichen Sympathie liegen, die so mancher etablierter Politiker bezüglich der Neofaschisten hegt?

Das kann sein. Ich will das jedoch nicht dem Landrat von Halberstadt unterstellen, den ich persönlich nicht einmal kenne. Klar ist jedoch, daß man vor allem im Rahmen von Protesten gegen Aufmärsche von Neonazis deutlich spürt, wo die Sympathien der Polizei und der Justiz liegen. Bei der politischen Linken liegen sie jedenfalls nicht.

- Aufgrund der Absage des Konzertes in Halberstadt ist es auch im Bundestag zu einer Debatte über Ihre Antifa-Tour gekommen.

Das stimmt. Ich habe die Beiträge der Politiker auch verfolgt. Besonders hat mich der Auftritt des CSU-Abgeordneten Alois Karl verärgert. Er nutzte die Diskussion, um die so notwendige Arbeit der Antifa-Gruppen zu diskreditieren und die engagierten jungen Menschen mit den Neonazis auf eine Stufe zu stellen. Auch Kristina Köhler, Abgeordnete der CDU, tat ihm das gleich. In mir steigt immer mehr die Wut hoch, wenn ich beobachte, wie manche Politiker die Aktivitäten dieser neofaschistischen Banden verharmlosen und gleichzeitig zur Hatz auf Antifaschisten blasen.

- Die NPD will am 22. April durch Halberstadt marschieren. Auf diversen neofaschistischen Internetseiten finden sich zudem Beschimpfungen und Drohungen gegen Ihre Person. Schüchtert Sie das ein, oder weckt es eher Ihren Kampfgeist?

Ich lasse mich von diesen Haßtiraden nicht einschüchtern und mein Kampfgeist muß nicht geweckt werden. Den habe ich in den letzten Jahren immer stärker verspürt. Ich habe das Gefühl, daß ich heutzutage politisierter bin, als ich es in den 70er Jahren war. Während mein Wirken damals eher von Emotionen bestimmt wurde, beschäftige ich mich jetzt intensiver mit polit ischen Zusammenhängen. Es geht diesbezüglich auch nicht nur um eine Auseinandersetzung mit den Neonazis, sondern vor allem darum, den Einzug des Neoliberalismus ins gesamte System zu verhindern und dem ganzen Privatisierungswahn etwas entgegenzusetzen.

- Welche Rolle kann die Kultur im Kampf gegen den neoliberalen Zeitgeist spielen? Was können Sie als Künstler tun?

Ich habe schon früher gesagt, daß die Poesie über die Politik siegen muß. Und nicht die Politik über die Poesie. Es ist die Aufgabe des Künstlers, die Poesie unter die Menschen zu bringen. Die Poesie hat gegenüber der Politik den Vorteil, daß sie vielschichtiger ist und die Weltbilder auch einmal verrückt. Sie gibt uns also die Möglichkeit, die Welt auch einmal aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Außerdem stehe ich natürlich im Blick der Öffentlichkeit und habe so Möglichkeiten, wahrnehmbarer als andere zu verschiedenen politischen Themen Stellung zu beziehen.

- Andere Künstler, wie etwa Sven Regener, sprechen sich dafür aus, Politik und Kultur strikt zu trennen. "Musizieren für den Frieden ist ebenso idiotisch wie Biertrinken gegen den Krieg. Ich bin nicht bereit, das eine Überbauphänomen, nämlich die Kultur, dem anderen, der Politik, unterzuordnen", sagte der Sänger der Berliner Band Element of Crime in einem Interview einmal. Können Sie das nachvollziehen?

Das muß jeder für sich selbst entscheiden. Ich möchte auch nicht in erster Linie als politischer Sänger gelten. Ich glaube, daß ich eigentlich in erster Linie sehr viele schöne Liebeslieder geschrieben habe. Das werden auch die Lieder sein, die die Zeit überdauern. Ich muß jedoch auch sagen, daß ein Liebeslied durchaus auch ein Politikum sein kann. Insgesamt ist es jedoch schade, daß sich das Gros der Künstler und Intellektuellen in den letzten zehn bis 15 Jahren überhaupt nicht mehr politisch engagiert hat. Das Engagement wurde in der Postmoderne sogar eher verunglimpft. Als engagierter Mensch wurde man mit der Verbalinjurie des "Gutmenschen" belegt und in die Spinnerecke gestellt. Ich hätte mir schon gewünscht, daß sich mehr Künstler, die auch über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügen, politisch etwas aus dem Fenster gelehnt hätten. Anlässe gab es schließlich zu genüge. Als ich Anfang 2003 in den Irak reiste, um gegen den sich abzeichnenden völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der USA gegen das Land zu protestieren, hatte sich noch kaum ein bekannter Künstler öffentlich gegen die widerwärtige Aggression ausgesprochen.

Im Übrigen: Obwohl ich damals Recht damit hatte, daß die Kriegspropaganda der USA gegen den Irak nur aus Lügen und Fälschungen bestand, hat sich bis heute kein einziger der Journalisten, die damals so engagiert gegen mich hetzten, bei mir entschuldigt.

- Inwiefern hat die Politik Ihr Schaffen als Künstler beeinflußt?

Ich habe nie meine Texte von der Politik beeinflussen lassen. Es gab jedoch einige politische Aufschreie in manchen meiner Lieder. Viele meiner politisch anmutenden Songs, wie beispielsweise "Frieden im Land", kann ich heutzutage noch genauso singen, wie schon vor 30 Jahren. Es waren also eher zeitlose Lieder, die die allgemeine politische Situation betrachtet haben und nicht spezielle, von der Alltagspolitik bestimmte Songs.

- In einer Zeit, in der die Kultur einzig von Marktwerten und Verkaufsquoten bestimmt wird, ist es doch ohnehin schwierig, sich öffentlich und fernab der Mehrheitsmeinung politisch zu positionieren.

Ja. Leute wie ich gelten in den Augen vieler Menschen entweder als Spinner oder als "Alt-Linke". Wobei mich der letzte Begriff noch mehr erzürnt. Wahrscheinlich wurde er in irgendeinem neokonservativen Think Tank erfunden, um alles, was politisch links zu verorten ist, mit dem Begriff "alt" in Verbindung zu bringen. Was soll dieser Quatsch? Ich lasse mich aber dadurch nicht weiter beirren. Da ich ein Publikum habe, das sich über die letzten 30 Jahre gebildet hat, habe ich Möglichkeiten, etwas zu bewirken. Natürlich verändere ich politisch nichts, aber ich habe auch als 18jähriger nicht geglaubt, mit Liedern die Bundesrepublik zu verändern. Ich kann jedoch bei einzelnen Menschen etwas bewegen. Sie haben aber nicht unrecht. Ich kenne genügend junge Liedermacher wie den schon erwähnten Heinz Ratz, die es umgehend verdient hätten, im Radio gespielt zu werden. Werden sie aber nicht, weil sie in den Augen der Meinungsmacher nicht profitabel genug ist.

- Ist das Liedermachertum denn nicht ein aussterbendes Genre?

Überhaupt nicht. Es gibt genügend Liedermacher. Ich interessiere mich auch für deren Wirken und versuche, sie zu unterstützen. In Zeiten wie diesen fallen junge, neue Künstler jedoch kaum noch auf. Zudem ist es den Herrschenden gelungen, die Bevölkerung durch Gehirnwäsche-ähnliche Werbung zu manipulieren.

- Sie gelten als Deutschlands beliebtester Liedermacher. Sehen Sie sich in der Tradition von Kurt Weill oder Hanns Eisler?

In gewisser Weise ja. Obwohl ich mich nie bewußt in diese Tradition gestellt habe. Ich habe eher erstaunlich untypische Vorbilder für einen Liedermacher: Beispielsweise den italienischen Komponisten Giacomo Puccini oder auch Wolfgang Amadeus Mozart. Natürlich ist mein Wirken aber auch von Leuten wie Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Georg Kreisler und Franz-Josef Degenhardt beeinflußt.

- Würden Sie sich als Arbeiterliedermacher bezeichnen?

Nein, das würde bei mir auch nicht stimmen. Bei meinem Freund und Kollegen Hannes Wader wäre das schon eher der Fall.

- Ihr Wirken ist also eher geprägt von einer gesunden Portion Humanismus und einem Schlag Revoluzzertum?

Das kann man so sagen, ja. Wenn ich auf meinen Konzerten sage, wir brauchen keine Reformen, sondern eine ordentliche Revolution, lachen die Leute meist. Obwohl ich das sehr ernst meine. Eine Revolution wäre das einzige, was uns aus dem ganzen politischen Dilemma heraushelfen würde. Es geht jedoch auch um eine innere Revolution; also eine Umwälzung der Herzen.

- Sehen Sie sich als Marxist?

Klassisch marxistisch habe ich eigentlich nie gedacht. Ich bin auch kein großer Kenner von Marx. In der 68er Zeit habe ich mich eher den Anarchisten nahegefühlt. Im Nachhinein muß ich sagen, daß es beispielsweise sehr klarsichtige Texte von Rudi Dutschke gibt, die auch heute noch ihre Geltung haben. Damals hat mich das jedoch noch nicht so deutlich interessiert wie heute. Als ich als Jugendlicher aus dem bürgerlichen Lager ausgebrochen bin, habe ich mich auch eine Zeit mit den Texten von Bakunin und Adorno beschäftigt.

- Tatsächlich haben Sie sich vielfach als "68er" bezeichnet. Während Sie sich gegen Kriege engagierten, haben andere 68er, wie der ehemalige Bundesaußenminister Joseph Fischer (Grüne) oder auch der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), völkerrechtswidrige Angriffskriege geführt.

In meinen Augen hat der Glanz der Macht Sozialdemokraten und Grüne gleichermaßen korrumpiert. Viele, die im Namen dieser Parteien Bomben auf andere Länder werfen ließen, wären auch heute meiner Meinung, wenn sie ein wenig politische Standfestigkeit besessen und ihre Ideale nicht an der Pforte des Parlamentes abgegeben hätten. Nun haben sie Blut an ihren Händen. Ich habe das Glück gehabt, Petra Kelly noch kennenzulernen. Ich glaube nicht, daß sie sich derart hätte verbiegen lassen. Vielleicht ist es ihr Glück, schon tot zu sein und die Entwicklung ihrer Partei nicht mehr miterleben zu müssen.

- Besteht nicht auch bei der Linkspartei.PDS die Gefahr, daß sie ähnlich korrupt wie seinerzeit die Grünen wird?

Natürlich, diese Gefahr besteht immer. Ich habe große Sympathien für die neue Linke, beobachte die Entwicklung der Partei jedoch mit einer gewissen Vorsicht.

Aber zurück: Im deutlichen Gegensatz zu vielen anderen 68ern war ich sowohl gegen die deutsche Beteiligung am Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 als auch gegen die deutschen Aktivitäten im Rahmen der Angriffskriege gegen Afghanistan und den Irak. Aktuell sollte unsere Aufgabe darin liegen, alles zu tun, daß ein Krieg gegen den Iran verhindert wird. Die Politik der Kriegspropaganda und Lügen muß umgehend gestoppt werden. Alleine im Irak sind beispielsweise 20000 bis 30000 private Söldner im Einsatz, über deren Wirken die Menschen nicht informiert werden. Niemand kann also kontrollieren, was diese Privatarmeen treiben und welche Verbrechen sie begehen. Dagegen muß schnellstmöglich etwas unternommen werden.

- Leider engagieren sich in der Bundesrepublik deutlich weniger Menschen gegen einen drohenden Krieg gegen den Iran oder für ein Ende der Besatzung des Iraks, als es notwendig wäre. Es scheint fast, als sei man von einer stumpfen Menschenmasse umgeben, die sich nicht einmal für die eigenen Belange und Rechte stark macht. Woraus schöpfen Sie die Kraft, trotz alledem immer wieder die Stimme zu erheben?

Es muß ein Trieb in mir sein, den ich immer schon hatte. Ich kann einfach nicht anders. Gerade, wenn es um Themen wie Krieg und Sozialabbau geht. Das werde ich im Übrigen auch tun, wenn ich am 7. April in Berlin unter dem Titel "WeckErlebnisse" mit meiner Band und den Münchener Symphonikern unter der Leitung von Manfred Knaak auftrete und die Besucher mit auf eine musikalische Reise durch mein Leben, meine Lieder und Musicals nehme.