Die Größe und das Glück

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.04.2006

Quelle

Neues Deutschland

Autor / Interwiever

Hans-Dieter Schütt

Berliner Philharmonie: "WeckErlebnisse"

Von Hans-Dieter Schütt

Am Fuße des Klaviers ein Glas, nicht ganz so groß wie eine Maß, das typisch bayerische Bier-Gefäß. Und im Glas nur Wasser. Es assistiert Konstantin Wecker beim Singen und Spielen und Springen und Sprechen. Bavaria in Berlin: Wecker gab ein besonderes Konzert in der Berliner Philharmonie am Potsdamer Platz.

"WeckErlebnisse" hieß dieser Abend; Wecker, seine Musiker Norbert Nagel (Saxophon, Klarinette, Flöte), Jo Barnikel (Keyboards, Klavier), Heleen Joor (Sopran) sowie die Münchner Symphoniker unter Leitung von Manfred Knaak boten einen Kreuz- und Querschnitt durch des Sängers Werk. Von den Klassikern ("Im Namen des Wahnsinns", "Wenn die Börsianer tanzen", "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist") über Filmmusiken ("Die weiße Rose", "Schtonk", "Kir Royal") bis hin zu Musical-Melodien. Stationen eines konsequenten Einzelgängers mit Gemeinsinn, eines instinktiven Linken mit natürlicher "Ismus"- Phobie, eines Flaschenpost-Poeten, der an die Botschaften glaubt, die immer zu spät eintreffen. Die Münchner Symphoniker grooven sogar, und Knaak arbeitet so quick und raumgreifend am Taktstock, dass Wecker nur kommentieren kann, er sei wohl der beste Tänzer unter den Dirigenten.

Alles serviert mit einer selbstironischen Zwischentextur, die den versierten Entertainer Wecker offenbart. Der hat sich doch eine erstaunlich frische Freude darüber bewahrt, nach vielen Wechselbädern seines Lebens noch immer (endlich wieder?) solche gigantischen Räume wie die Berliner Philharmonie spielend zu füllen. Wenn ein Manko des Konzerts benannt werden soll, dann war in diesem Falle - zumindest von meinem Sitz-Block E aus - eine stellenweise missliche Übersteuerung des Tons zu beklagen. Wenn Wecker singt, muss man hören können, was er sagt!

Plötzlich kratzt Technik durch den verdunkelten Raum. Ein altes Tonbandgerät macht nun die Musik: Der zwölfjährige Konstantin, mit seinem Vater, beim Singen. La Traviata. Große Staatsoper, einst, im Münchner Wohnzimmer. Konstantins wichtiges Früherlebnis: in Arien diese Welt verlassen; die fortlaufende Zeit als Bedürfnis begreifen, dass nie Armut erlebt werden möge. Und Armut tritt ein, wenn Musik aufhört. Dieser Zwölfjährige: eine erschütternd reine, helle, hohe Stimme. Das Intime, Private dieser zufällig erhaltenen familienhistorischen Tonbandaufnahme, die Wecker dann kommentieren wird 96 es erzählt einmal mehr den gefühlsmutigen Künstler, dessen ungestüme Kraft sich schon immer gern an Emotionswellen brach. Andere drücken es direkter aus: Neigung zum Kitsch. Was aber ist Kitsch? Fliehendes Denken, welches das Leben im Wunsche überschreitet. Seelenruhe, die nicht müde wird, sich einer Realität zu verweigern, die dauernd nur Zerwürfnisse zu bieten hat. Kitsch - wenn schon das Wort genommen werden soll - ist die Intensivstation zur Rettung von Paradiesen. Vater und Sohn daheim in großer Oper, das ist so ein erinnertes Paradies. Glückliche Kindheit - aber zugleich, und davon wird Wecker jetzt erzählen, liegt in der kleinen, berührenden Tonbandszene ein Anlass für tragödisches Empfinden: Der Sohn denkt an seinen Vater, den Opernsänger, der vom Erfolg träumte, den der Junge haben würde. Wecker: "Du hattest Größe, ich hatte Glück." Ewig alte Geschichte der verkannten Künstler, die sich erst in ihren Nachkommen erfüllen dürfen.
Es ist ein Konzert, das von Minute zu Minute mehr an sich selbst verbrennt. Als wolle Wecker sich, gemeinsam mit seinen Musikern, geradezu rauschtönend auslöschen, aber in der jeweils letzten Erhitzung doch auch neu erfinden. Vielleicht so, wie ein Aufglühen, das wir am sternigen Himmel sehen, zunächst Unentschiedenheit beim Betrachter auslöst: Entsteht oder erlischt da etwas? Jede Zugabe - das Konzert ist längst in seiner vierten Stunde - gerät rauschhafter zum freien, improvisierenden Spiel, vor allem zwischen Wecker, Nagel und Barnikel. Fieber. Entfesselung (die den Autogrammjägern das Selbstbewusstsein einflößt, noch während des Auftritts die Bühne zu besteigen). Und schließlich: Blues auf Bayrisch - der so genannte Wehdam. Jene Gemütsbewegung, bei der man meint, dass statt der Elstern dicke Hunde durch die Luft fliegen, und der Mensch latscht "vollgepackt mit ungelösten Fragen" durch den Park. Er wird so irre an der normalen Welt, dass er plötzlich "überm Anzug gern Dessous" trägt.
Lebensgier, Unsinnslust, die reinste Melanch-Kolik, unter der sich das Konzert begeistert krümmt. Jetzt, da der Sänger noch einmal zum Glas Wasser greift und auf den Tasten nicht mehr nur die Hand liegt, sondern auch der Fuß steht, jetzt kann man sich besonders gut vorstellen, wie der schwitzende, schonungslose Kerl in früheren Rauschzuständen Säle zum Kochen brachte. Als wohl ganz anderer Stoff als bloß Wasser das jeweilige Erquickungsglas füllte ...

Einen Streifzug durch die "Kultur des Scheiterns" hatte Wecker die Dramaturgie dieses Konzertes genannt. Er spielt als Moderator seiner selbst lässig-kokett mit den Mühen und Misserfolgen seiner Laufbahn. Als er noch Platten produzierte, "hochgelobt, aber kaum gekauft". Stiftet einen Kanon an ("je älter ich werde, desto mehr entdecke ich in mir so was Gotthilf-Fischerisches aus dem Mutantenstadl"). Bedauert die traurige Lage, dass er mit seinen Liedern seit über dreißig Jahren die Welt verändern will und die sich tatsächlich änderte 96 "aber stets nur durch irgendwelche Idioten, nie durch mich". Spricht sogar augenzwinkernd von Heidegger, so, wie nur ein Sänger von höchster, tiefster Philosophie sprechen kann: Ja, Angst und Tod müssen beschworen werden, und eine der klügsten Verszeilen des Abends lautet: "Erfahrung macht nicht klug."
Aber in allem schwingt doch Freiheit mit - die dann entsteht, wenn durch Illusion und Poesie die Bedrängungen des Lebens flach gehalten werden können. Leben heißt auch: unsere Mangelhaftigkeit heiter oder schwermütig verklären zu dürfen - durch exemplarische, gleichnishafte Vorführung unserer Mängel. "Ja, jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn!" wird zum ausgelassenen Stimmungslied wider die schier unbezwingliche deutsche Grübelschwere.

Wecker wäre nicht Wecker, lebte in seinen Gesängen nicht stets auch ein Querulantentum gegen sich selbst, eine hartnäckige Lust zum Kontrast. Dem Grellen folgt Dunkles. Erst laut, dann leise. Und so endet der Abend, wie es der Nacht geziemt: mit einer Hymne an die Stille, an die Wege aus der lauten Mitte; es ist ein Singen all dessen, was der Dichter Peter Handke einmal den "Ehrgeiz rückwärts" nannte - die Lebensart der Randständigkeit, stets dort zu finden, wo nicht pausenlos die leistungsjagende Angleichung aller an alle stattfindet.
Die Symphoniker am Ende auf ihren Stühlen, als würden sie, zwar sitzend, doch ebenfalls den Blues haben. Die Geiger klacken mit dem Bogen gegen das Instrument. Applaus. Glücklich Erschöpfte ringsum. Im gesamten Saal. Man war in die Philharmonie gegangen, und das Haus schien sich verwandelt zu haben in eine Vielharmonie.