Gewohnt Wütendes gegen Neonazis und Bonzentum

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.09.2006

Quelle

Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

Autor / Interwiever

Hans von Draminski

Ausnahmekünstler Konstantin Wecker bescherte zum Auftakt der KultTour eine rappelvolle Stadthalle - Altersweiser Guru

Zum "kleinen Jubiläum" gönnt "KultTour"-Macherin Ruth Kiefer dem Hilpoltsteiner Publikum und sich selber große Namen: Die 15. Spielzeit der "KultTour" startete am Wochenende in der rappelvollen Stadthalle mit dem schon legendären Münchner Liedermacher Konstantin "Conny" Wecker.

HILPOLTSTEIN - Er kann es immer noch. In einem Alter, in dem andere von der nahen Rente träumen oder sie bereits mit hochgelegten Beinen irgendwo an einem sonnigen Strand genießen, zieht es Conny Wecker immer noch zu seinen Fans, zu seinem Klavier, zur Bühne. Weil die ein Virus ist, den ein Vollblutkünstler halt nicht so locker los wird, wie einen lästigen Schnupfen.

Das aktuelle Wecker-Programm "Am Flussufer" ist eine Rückschau auf 30 Jahre, eine mal kritische, mal verklärte Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Und mit der Frage, was das Engagement als politischer Barde eigentlich geändert, was es bewegt hat - von einem, der das Getriebe der Welt längst von der spöttischen Warte eines altersweisen sozialistischen Gurus betrachtet.

Was einst provokante "linke" Attitüde war, ist bei Konstantin Wecker zu einem erheblich weiter gefassten Humanitätsbegriff gereift: Leben, andere leben lassen und dann die Stimme erheben, wenn die Missstände zu schmerzhaft sind, als dass sie verschwiegen werden könnten.

So singt Conny mit seinem unverwechselbar resonanten Tenor fast so vehement und wütend wie gewohnt gegen Neonazi-Tendenzen, Bonzentum und Borniertheit. Anders als einst ist allerdings eine riesige Portion Ironie mit im Spiel, geboren aus der Erkenntnis, nur einer jener steten Tropfen zu sein, die vielleicht einmal irgendwann in ferner Zukunft den Stein höhlen könnten.

Als Klavierpartner hat Wecker seinen wie immer fulminant agierenden Stammbegleiter Jo Barnikel dabei, der dem virtuosen Pianisten nicht nur kongenialer Widerpart ist, sondern mit Synthesizersounds und Trompetensoli manches Ungesagte verdeutlicht, treffsicher für genau die Farben und Kontraste sorgt, die manchen Song erst zu einer runden Sache machen.

Wichtigster "Klebstoff" ist allerdings die auffallend gute Laune, die Conny Wecker in jeder Konzertsekunde verströmt, wie den Schweiß, der ihm aus den Poren bricht. In dieser Weise kann nur ein Mensch durch sein eigenes Oeuvre toben und tollen, der völlig in sich ruht und sich seiner Sache sicher ist.

Wenn auch die nachdenklichen Töne, die anspruchsvollen Balladen nicht fehlen dürfen, ist doch das primäre Bestreben spürbar, das Publikum lachen zu machen, sei es mit scharf pointierter Lyrik, mit kabarettistischen Seitenhieben auf Staat und Gesellschaft oder auch mit der Lesung eigener Gedichte.

Konstantin Wecker hätte dieses Programm (wie viele davor) auch einfach "ich" nennen können, beleuchtet es doch nicht nur die Musik, sondern vor allem das Wesen eines Ausnahmekünstlers, der es sich leisten kann, Erwartungshaltungen nicht mehr zu bedienen, wenn ihm nicht danach ist.

Daher verlegt er "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" auch in die Zugaben und macht daraus eine apotheotische Hymne auf das Leben, mit rhythmischen Latin-Exkursen und Blues-Akkorden, so prall, satt und überwältigend, wie er selber ist.