Sie machen die Revolution!

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

09.10.2006

Quelle

Wormser Zeitung

Autor / Interwiever

Ulrike Schäfer

Konstantin Wecker kämpferisch wie eh und je

Von Ulrike Schäfer

Konstantin Wecker macht´s spannend. Ehe er selbst auf die Bühne kommt, lässt er seine zwei Pianisten, Ulrich Meinung und Damian Zydek, Meister ihres Fachs, vor samtrotem Vorhang auf edlen Flügeln präludieren. Das signalisiert Wertigkeit und Anspruch. Ein neuer Wecker? Nun, anspruchsvoll war er eigentlich immer, und als er endlich selbst auftaucht, von begeistertem Applaus empfangen, und spitzbübisch lächelnd über den Brillenrand ins Publikum späht, da ist er zwar ein bisschen älter geworden, ein bisschen grau an den Schläfen, was ihm gut steht, aber er ist derselbe geblieben. Gottseidank!
Er ist immer noch - wie vor 30 Jahren, als er seine Karriere begann - der Mensch, der das Leben leidenschaftlich liebt und die Ungerechtigkeit leidenschaftlich hasst und beides so gut vermitteln kann wie kaum ein zweiter. Eigentlich muss er gar nicht damit kokettieren, dass er sich durch die Auswahl der Texte in eine Reihe mit Heine, Büchner und Brecht stellt: er steht längst dort.
"Ich gestatte mir Revolte", heißt Konstantin Weckers Programm, und er stimmt das Publikum im Festhaus natürlich auch mit seinem Revoluzzer-Song ein, doch dann lässt er vor allem andere zu Wort kommen. Als erstes Erich Mühsam, der "revoluzzt und dabei Lampen putzt" - Wecker würzt das Gedicht mit ein paar Spitzen gegen den lähmenden Reformismus der Regierung - und bringt passend dazu sein frivoles Lied vom Börsianer, der sich schon mal aus dem Fenster stürzt, wenn der Dow Jones fällt. Brechts Gedicht "An die Nachgebornen" hallt noch nach, als der Auszug aus Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" besser als jede soziopsychologische Erhebung beschreibt, wie "der Mensch im Tyrannen auf ewig stirbt". Quasi zum Fast-Erholen gibt´s dann eine Geschichte von Oskar Maria Graf über den einst so gängigen Spruch "Viel Feind, viel Ehr". Es folgt das bewegende Wecker-Lied "Die weiße Rose".
Mit Gewalt lässt sich nichts verändern, sagt Konstantin Wecker an seinem Lesepult, und er lenkt den Blick aufs Innere. "Die qualitative Revolution findet immer im eigenen Herzen statt". Es geht um Charakterpflege, um die Erziehung zu "umsichtiger, tätiger Liebe", aber es gibt auch in diesem zweiten Teil des Abends den "Waffenhändlertango" und das ewig junge Kampflied "Sage nein". Für seine Fans hat er auch ein Liebeslied voller selbstvergessener Hingabe, das sprachlich virtuose "Wo ist der Sinn?" und seinen Hit "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", der die schönste Ode an die Freude seit Schiller ist.
Natürlich liest der Bayer auch aus seinem Buch "Der Klang der ungespielten Töne", und Stille, "schwereloses Versinken in den Weltengrund", ist auch das Thema seines letzten, sehr leisen Liedes "Am Flussufer". Seine Begleiter, die er auch als Ideengeber vorgestellt hat und die immer wieder mit Stücken von Poulenc, Rachmaninoff, Schostakowitsch, Chachaturjan und Gershwin "revolutionäre" Töne angestimmt haben, setzen sich zu ihm und spielen Bach, "Jesu, meine Freude." Ein starker Akzent, ein Bild, das noch lange nachklingen könnte, wenn Konstantin Wecker sich von seinem hingerissenen Publikum nicht verabschieden würde mit den Worten: "Und vergessen Sie nicht, Sie machen die Revolution!"