Der Blick zurück im Trotz

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

19.12.2006

Quelle

Fränkischer Tag

Autor / Interwiever

Carolin Herrmann

Der Liedermacher, Komponist und Autor Konstantin Wecker zog im Coburger Kongresshaus das Resümee von 35 wilden Jahren. Alte Lieder haben eine aktuelle Brisanz.

Coburg - "Ich bin noch eine ganze Menge Leben." Es klingt erstaunt, noch immer ein bisschen trotzig, selbstironisch, selbstzweifelnd. Das ist der Konstantin Wecker von bald sechzig Jahren. So steht er auf der Bühne des Coburger Kongresshauses und hält vor seiner großen Zuhörerschar Rückschau auf wilde 35 Jahre, ohne je rückwärts gewandt zu sein.
Er nennt die politischen Zustände noch immer unverblümt beim Namen, bleibt unversöhnlich in seinem Urteil. Heute ist es die als "notwendige Reformen" verbrämte, empörend steigende und auch von den Linken im Lande hingenommene Armut bei gleichzeitig explodierenden Profiten skrupelloser Wirtschaftsmanager, die Wecker beklagt. Wobei wir mit Erschrecken die aktuelle Brisanz des alten Vater-Sohn-Liedes von den braunen Umtrieben im Lande erkennen: "Und im Geist, da hört er sie marschieren. Und im Geist, da marschiert er schon mit."
Allerdings hat sich die philosophische Wehmut über das bisschen Leben, die schon immer in Weckers Liedern war, ausgebreitet in seinem riesigen Werk. Was nicht heißt, dass nicht nach wie vor die pure Lebensfreude in ihm jubelt. "All die unerhörten Klänge..."
Der wütende deutsche Dichter, Kabarettist, musikalische Revoluzzer ist ein nicht unbedeutendes Stück bundesrepublikanischer Geschichte. Ein kritischer Begleiter und Mahner seit den 70er Jahren, auch wenn er heute ironisch feststellen muss: "Die Welt wird zwar andauernd von irgendwelchen Idioten verändert, aber eindeutig nicht von mir." Trotzdem singt er weiter, wenn er auch gelegentlich verzweifelt nach dem Sinn sucht, selbstverständlich in einem musikalischen Spaß, für den er und sein Publikum jederzeit zu haben sind. Und das eben ist Konstantin Wecker: Seine Botschaften, seine kritischen Geschichten werden getragen von einer unverwechselbaren Stimme, der man nicht aufhören kann nachzulauschen wie einer machtvoll und doch geheimnisvoll unergründlich tönenden Glocke.
Drittens: Wecker präsentiert sich auch in seinem Coburger Konzert einmal mehr als vielseitiger faszinierender Komponist und Pianist, kongenial ergänzt von einem weiteren fantastischen Musiker, Jo Barnikel an Klavier und Synthesizer. Sich perfekt ergänzend, bringen sie das Kongresshaus zum Erbeben oder ganz im Gegenteil zum wehmütig leisen Träumen. Denn Wecker konnte und kann wie kein anderer Liebeslieder dichten und singen in nie bemühten Worten, in eingängigen Melodien über raffinierten, aber unaufdringlichen instrumentalen Arrangements, gerne im Blues. Er kann über Wolken gehen und sein Publikum mühelos mit sich nehmen. Er ist ein Bildzauberer.