lerne ich nie

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

01.06.2007

Quelle

Neues Deutschland

Autor / Interwiever

Hans-Dieter Schütt

Konstantin Wecker wird 60 - Notiz zu einer Außenseiterschaft

Er ist kein Idol im Sinne des Pop. Denn Pop wäre eine Einladung zur Selbstvergessenheit. Dieser Sänger dagegen lädt ein, das eigene Ich einer Prüfung auszusetzen, bei der man zu sich selber finden möge; das ist die Qualität übrigens, die jede gute Prüfung ausmacht: Man lernt nicht vorher, sondern während sie stattfindet. (Das Beste zur Erziehung freilich sagte Peter Handke: "Nur dem Lehrer glaub´, der gar nicht prüft.") Wecker nimmt keine Rücksicht. Nicht auf sich und nicht auf andere. Er besetzt Räume mit seiner Stimme, seiner Energie. Er ist äußerst freigiebig - in seinen Liedern, seinen Meinungen, freigiebig mit Lust, Zorn; er ist ständig auf der Suche nach jenem Ton, der sich durch sein Leben zieht. Also bleibt er auch freigiebig in seinen Geständnissen, unfertig, unsicher, suchend zu sein ... Weckers Leben ist gelebter Widerspruch - zwischen vehementer Freundlichkeit dem Dasein gegenüber und einer ebenso vehement gefühlten Getroffenheit von den politischen, sozialen Verwerfungen, in die alles Wohlempfinden eingelagert bleibt.
Wer ihn am Klavier sah, weiß, warum dieses Instrument so fest gebaut ist. Da wird - spielend! - etwas Ungestümes ausgelebt, das doch nur die Umhüllung einer tiefen männlichen Zartheit bildet. Wecker wurde inmitten seiner Dynamik einer der leisesten Sänger dieses Landes, und auch seine politischen Engagements (in Liedern wie "Willy", "Waffenhändler-Tango", "Vaterland", "Sage nein!" und, und, und) folgen weniger einer rationalen Gewissheit des Durchdachten, sondern weit mehr den Gefühlskräften einer naiven, verletzlichen Seele, die kein Blatt vor den Mund nimmt, aber 96 vervielfachter Siegfried 96 mit lauter Lindenblättern bekleidet scheint. Lauter Lindenblätter, lauter Wunden, lauter Narben. "Manchen gelingt es/ Sich zu entfalten/ Daß sie sich immer/ Die Unschuld erhalten./ Die warten im Schatten/ Um besser zu sehen/ Können ohne Applaus/ Der Angst widerstehen./ Die schreiben nie Lieder./ Die sind Melodie./ So aufrecht zu gehen/ Lerne ich nie."
Womit gesagt wäre, dass dieser Künstler stets unvorsichtig gegenüber dem eigenen Ruhm agiert. Er hat offenen Augs und klaren Blicks hingenommen, dass seine Erfahrung mit Drogen, sein schweißüberströmter Absturz in den Kokain-Rausch noch lange nach Umkehr und Einkehr gehässiges Medienthema bleiben würde. Zum Beispiel, als er im Jahre 2003 mit der Gesellschaft "Kultur des Friedens", Tübingen, zu einer Reise in den Irak aufbrach. Diese Gesellschaft war unter anderem von Mikis Theodorakis, Christa Wolf und Tschingis Aitmatow gegründet worden, aber dem Münchner Sänger schwappte ein deutscher Unmut entgegen, als agiere er im Auftrage Saddam Husseins. Wecker hatte zunächst nur einen Satz über seine Reiseabsicht gesagt: "Ich möchte mit den Menschen in Bagdad sprechen." Er sprach mit den Menschen - und er nannte Bush einen Kriegstreiber, er wagte die Metapher des "zweiten Vietnam". Das zu einer Zeit, da der deutsche Großjournalismus noch wie ein folgsamer Dackel der US-amerikanischen Propaganda hinterherzockelte. Man müsste den Kommentatoren heute, da jedem das politische und militärische US-Debakel wie eine niemals anders gesehene Selbstverständlichkeit aus dem Maul purzelt, die alten Bänder vorspielen, die alten Zeitungen vorlegen 96 wie weise sie mit der Zeit geworden sind, eine billige Weisheit, die sie nichts kostete, als es die Meinung vieler Beobachter war. Als Charaktere wie Konstantin Wecker diese Wahrheit sagten und sangen, wurde er 96 etwa in der "Süddeutschen Zeitung" - an Matthias Claudius´ "Kriegslied" erinnert, so ein "großes, stilles Gedicht" sei "einer kleinlich-lauten PR-Nummer" vorzuziehen. Ach, wäre die PR-Nummer der Pro-Amerikanisten damals nur etwas kleinlicher ausgefallen, es müssten sich heute nicht so viele Journalisten ob ihrer eiligen Stromlinienförmigkeit schämen.
Ich denke, des Geburtstages wegen, an den anachronistischen Sänger Wecker, den einstigen Knabensopran, der mit dem Vater am Klavier Opern-Arien sang, und der heute im gleichsam erdfettigen Pathos baden kann, als sei der Spatz und die Welt eine wunderbar dreckige, aber große Pfütze, und ich denke an seine schwungstarken, hymnisch hochgreifenden, farbdick schmetternden, kabarettspitzen Lieder; er kann ja alles weghämmern mit seinen Tönen, und er kann doch auch singen, dass ein Kerzenlicht, dicht vor seinen Mund gestellt, nicht verlöschen würde. Darüber kann an so einem Tag wie dem heutigen geschrieben werden, darüber ist auch viel schon geschrieben worden; und bekannt ist seine Hinwendung zum Spirituellen, da hat ein Mensch sich Zugang verschafft zu den Ahnungen dessen, was uns übersteigt, er ist dabei freier geworden in einer Liebe zu sich selbst, die das Gegenteil von Selbstliebe bedeutet. Aber gerade jetzt, vor Heiligendamm, denke ich vor allem noch einmal an jene erwähnte Außenseiterschaft zu Beginn des Irak-Krieges. Wecker war damals allein, von Häme umspült, und so sah man deutlicher die übrige Welt und die neue Dekadenz, die wohl heute nicht geringer ist: Wir schlaffen immer weiter ab. Die allgemeine Inflation und daher Verbrauchtheit des Meinungsgeschäfts hat einerseits die Hysteriker des Schlagzeilengewerbes hervorgebracht und auf der anderen Seite jene, die nur alle paar Jahre ein sehr bedeutsames "Aber ..." hervorhauchen. Um nicht zu politisch zu wirken im allgemeinen Verfall des moralischen Einmischens. Der deutsche kritische Mensch: inzwischen oft nichts weiter als der Speck des betroffen gesenkten Doppelkinns. Angesichts dieser Wahrnehmungstechniken nur "ein großes stilles Gedicht" beschwören? Das ist Weckers Sache nicht.
So hauten sie drauf auf den Sänger - der mit seiner Friedensaktion nicht aufgefallen wäre, wäre diese schon Teil umfassenden Protestes gegen Bush gewesen. Über das lange Ausbleiben solcher Gesinnungsentschiedenheiten muss (heute noch, heute wieder) nachgedacht werden. Der tonangebende Feuilletonismus 96 er ist so, wie es Botho Strauß beschreibt: "ohne die geringste Erschütterung, fast teilnahmslos. Die Förmlichkeit der Diskurse schirmt den Erkenntnismenschen ab gegen ein wilderes Bewusstsein von sich selbst ... Wir müssten auf eine unbekannte Sprache stoßen, die erst wieder u n s eröffnet." - Weckers Lieder wollen eine solche Sprache sein. Eine Kunst-Sprache gegen den Krieg, den der Essayist Friedrich Dieckmann den "trügerischen Ruhestifter der Furchtsamen" nennt, so wie er einprägsam Frieden definiert, indem er anmahnt, "Unruhe auszuhalten, ohne Bedrohung zu empfinden." Das ist die Baustelle, auf der dieser Schwabinger Zivilanarchist Konstantin Wecker arbeitet 96 schwärmend, schwankungsfrei, baggerschwer, federleicht; ein Romantiker des verbesserlichen Menschen.

Hans-Dieter Schütt

Der Autor ist Herausgeber des Buches "Konstantin Wecker - Tobe, zürne, misch dich ein!. Widerreden und Fürsprachen". (Eulenspiegel Verlag, 224 S., brosch., 12,90 EUR.