Kritischer Träumer mit viel Selbstironie

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

05.12.2005

Quelle

Memminger Zeitung

Autor / Interwiever

Manfred Jörg

Grandioses Konzert von Konstantin Wecker in der Stadthalle

Von Manfred Jörg

Die Ja-Sager dieser Welt haben es doch einfach: Sie müssen nur ihren eigenen Verstand an der Garderobe abgeben und dann das abnicken und ausführen, was sich Vorgesetzte für sie ausgedacht haben. So richten sie sich schön behaglich und bequem ihr Leben ein und glauben, damit allen Sorgen und Problemen aus dem Weg gehen zu können. Dass das nicht (auf-)richtig sein kann, davon ist einer wie Konstantin Wecker überzeugt.

Gut dreißig Jahre zieht der Liedermacher nun schon durch die Lande und kämpft dabei gegen Kriegstreiber und Rassisten, Duckmäuser und Aufschneider, stets beflügelt von der Hoffnung auf eine friedlichere und menschlichere Zukunft. Dass diese Welt durch seine Lieder leider noch keinen Deut besser geworden sei, räumt der 58-Jährige selbstkritisch ein. Doch er ist deshalb nicht in tiefe Resignation verfallen - wie er bei seinem grandiosen Auftritt in der Stadthalle eindrucksvoll und mit einer gehörigen Portion Selbstironie unter Beweis stellt.

Das restlos begeisterte Publikum in der nur halb gefüllten Halle erlebt gut zweieinhalb Stunden lang einen Konstantin Wecker in absoluter Bestform. Er sprüht vor Energie und Lebensfreude, ist kritisch wie eh und je, zitiert Einstein und Shaw. Er stellt nicht nur vermeintliche gesellschaftliche Errungenschaften, sondern auch aufgezwinkernd sich selbst in Frage. Und watscht nebenbei die heutige SPD mit ihrem bald hundert Jahre alten Gedicht des revolutionären Dichters Erich Mühsam ab. Begleitet wird er von einem kongenialen Trio, das aus Jo Barnikel (Hammond-Orgel und Trompete), dem Multi-Instrumentalisten Norbert Nagel (Saxophone, Flöten und Klarinetten) und dem Afghanen Hakim Ludin (Percussion) besteht. Dieses extrem spielfreudige Quartett sorgt schon aus rein musikalischer Sicht für einen Abend der Extraklasse.

Das wahre Gewicht seiner Worte

Doch ein Wecker-Konzert ist mehr, viel mehr. Er haut nicht nur an seinem Flügel in die Tasten, dass es eine Freude ist, sondern bewegt sich auch virtuos auf der Klaviatur der Worte. Mal kabarettistisch, dann wieder mit gefühlvollen Texten wie im Klassiker "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" oder dem tief berührenden "Das ganze schrecklich schöne Leben" von der aktuellen CD "Am Flussufer" entführt er seine Fans in eine andere Wirklichkeit. Scheinbar leichte und luftige Liedzeilen entfalten dabei ihr wahres Gewicht manchmal erst später, wenn man sie auf die Waage seines eigenen Gefühls und Verstandes legt.

Der Vater von zwei kleinen Söhnen bietet seinen Zuhörern nicht nur lustbetontes und leidenschaftliches Träumen von einer besseren Welt an, sondern führt auch den Nachweis, dass frühere Lieder wie "Vaterland" oder "Sag nein" nichts an Aktualität eingebüßt haben und mit ihm als Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition weiter zu rechnen ist. Der engagierte Gesellschaftskritiker erhebt dabei nach wie vor keinen belehrenden Zeigefinger. Ganz im Gegenteil: Mit seinem Trio hat der aufgedrehte Wecker auf der Bühne einen Mordsspaß. Sie lachen, tanzen, scherzen. Und schenken ihrem Publikum damit eine Ahnung von der möglichen Leichtigkeit des Seins. Deswegen werden die Vier auch erst nach dem dritten Zugaben-Block entlassen.