Ein Liedermacher mit Liebe zur klassischen Musik

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.02.2006

Quelle

Nürnberger Nachrichten

Autor / Interwiever

Steffen Radlmaier

Wunderbare "WeckErlebnisse": Konstantin Wecker und die Münchner Symphoniker in Nürnberg

Vielleicht war ja alles ein Missverständnis und Konstantin Wecker nie der politische Liedermacher, für den man ihn früher gehalten hat, sondern immer schon ein moderner Klassiker. Nie hat er Lieder zur Gitarre geklampft, sondern seit je den Konzertflügel bevorzugt. Wer genauer hinhörte, hat allerdings auch schon früher bemerkt, dass dieser Sänger der Poesie und Fantasie mehr vertraut als griffigen Parolen. Wecker hat sich nie vereinnahmen lassen, auch wenn das viele immer wieder versucht haben. Er ist ein Mann der Widersprüche und zum Glück künstlerisch unberechenbar - und damit eine zuverlässige Größe geblieben.
Jetzt hat sich der Münchner Musiker einen Traum erfüllt und gibt eine Handvoll Konzerte mit großem Orchester. Seine alten Ideale hat er deswegen nicht aufgegeben, das beweist sein Solidaritätsauftritt vor den streikenden AEG-Arbeitern am Nachmittag vor seinem Gastspiel in der Nürnberger Meistersingerhalle. Beim Konzert am Abend verliert er darüber kein Wort, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, sich damit beim Publikum anzubiedern. Stattdessen setzt er an den Anfang seines Programms die politischen Lieder "Im Namen des Wahnsinns" und "Das macht mir Mut".
Als musikalischer Mutmacher ist Konstantin Wecker in Zeiten wie diesen bitter nötig. Allerdings wäre es fatal, den 59-Jährigen auf diese Rolle zu beschränken. Das beweist die aktuelle, sehr persönliche Werkschau mit so vielen Facetten wie nie: Von den frühen sado-poetischen Liedern bis zum altersweisen Album "Am Flussufer". Sie zeigt den Brecht-Interpreten ebenso wie den Musical-Komponisten, den Sänger und Pianisten sowieso, aber auch den Schriftsteller. Erstaunlich, was dieser Mann im Laufe der vergangenen dreißig Jahre alles an- und fertiggestellt hat.
Um den Verdacht einer selbstgefälligen Nabelschau zu zerstreuen, erklärt Wecker seine wechselvolle Karriere etwas kokett als Kette von Niederlagen - das Leben ist eine einzige Katastrophe, aber von dieser Einsicht darf man sich nicht entmutigen lassen. Überstehen ist alles. Unverzichtbar sind die Nürnberger Langzeit-Spielgefährten und Klangzauberer Jo Barnikel (Keyboards) und Norbert Nagel (Saxophone, Klarinette). Neben dieser musikalischen Kerntruppe wird Wecker diesmal von den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Manfred Knaak begleitet.
Der erste Teil des Konzerts ist eher kammermusikalisch, im zweiten trumpft dann das inspirierte Orchester in voller Stärke auf. Zu hören sind melodieselige Ausschnitte aus Weckers symphonischer Filmmusik und Songs aus Musicals wie "Hundertwasser" und "Ludwig II".
Der Revoluzzer von einst traut heute am ehesten noch den Rentnern revolutionäres Potenzial zu. Sein Publikum wird ja auch nicht jünger! Aber es muss einiges aushalten: Weit über drei Stunden dauern die wunderbaren "WeckErlebnisse". Es lebe die Revolution der Alten!

STEFFEN RADLMAIER

Zur Lektüre: Konstantin Wecker, "Schon Schweigen ist Betrug - Die kompletten Liedtexte". Palmyra-Verlag. 424 S., 24,90 Euro.