Es geht ums Tun, nicht ums Siegen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

23.02.2006

Quelle

Hamburger Morgenpost

Autor / Interwiever

Christoph Forsthoff

Seinen Biss und seine Ironie hat er nicht verloren. Auch wenn Konstantin Wecker auf seiner aktuellen Tour ganz klassisch in Begleitung der Münchner Symphoniker kommt. Auch wenn er, statt sein "Sage nein" herauszuschleudern, fast poetisch "WeckErlebnisse" verspricht. Der Liedermacher hat die Klassik und das Pathos eben schon immer geliebt, und wenn sich dann mit 58 Jahren die Chance für solch einen Auftritt bietet.

Das Interview mit Konstantin Wecker führte der Kulturjournalist Christoph Forsthoff.
Copyright: Christoph Forsthoff, www.netzwerk-buero.de

Frage: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem Amtsantritt gefordert, mehr Freiheit zu wagen und an die Bundesbürger appelliert "Lassen Sie uns Deutschland überraschen" - da liegen ja Ihre "WeckErlebnnisse" ganz im Trend.

Wecker: Ja - obwohl ich damit nicht dem Ruf der Bundeskanzlerin gefolgt bin (lacht). Der Veranstalter hat schon seit zwei Jahren versucht, das Orchester und mich terminlich zusammenzubringen - jetzt war die Chance da, mit diesem herrlichen Klangkörper unterwegs zu sein und ich habe diese begeistert wahrgenommen. Eine einmalige Chance, für mich und auch fürs Publikum - und die kommt auch so schnell nicht wieder, denn normalerweise kann man sich das nicht leisten.

Frage: Nun wird ja mancher verwundert aufhorchen: Der Liedermacher und die Klassik - wie passt das zusammen?

Wecker: Das macht durchaus Sinn, schließlich ist die klassische Musik ja eigentlich meine Basis. Denn im Gegensatz zu vielen Kollegen, die mehr vom amerikanischen Folk und Blues kommen, bin ich mit der klassischen Musik groß geworden, nicht zuletzt auch mit der Oper, denn mein Vater sang dort als Tenor. Und so versuche ich nun in diesem Programm auf eine sehr leichte Weise, dem Publikum all das näher zu bringen, was mich mit dieser Musik verbindet - wobei natürlich auch Einlagen aus meinen Filmmusiken und meinen Musicals nicht fehlen werden.

Frage: Die musikalische Seite ist das eine, doch der Titel impliziert ja auch eine gewisse inhaltliche Erwartung - welche Weckerlebnisse wollen Sie dem Publikum denn bescheren?

Wecker: Laut Programm verspreche ich ja, dass ich über die Höhen und Tiefen meines Lebens erzähle, doch werde ich mich in erster Linie auf die Flops und Niederlagen beschränken. Denn ich habe festgestellt, dass man auch auf einer Leiter, deren Sprossen aus Niederlagen bestehen, nach oben klettern kann. Und überlegen Sie einmal: Wenn man in sich geht, dann fallen einem in erster Linie die eigenen Niederlagen ein - niemand geilt sich selbst an seinen Erfolgen auf, denn das bringt einen nicht weiter.

Frage: Niederlagen können also zu Weck-Erlebnissen führen?

Wecker: Wenn wir in einer gewissen Weise auch eine Kultur des Scheiterns und des Nicht-Siegens entwickeln und lernen, dass man vielleicht nur durch Krisen und Niederlagen sich selbst entdecken kann: Das kann schon zu einem WeckErlebnis führen. Und auch zu einer Begegnung mit sich selbst - was letztlich ja immer das Ziel meiner Lieder und Auftritte war: Dass das Publikum sich begegnet und diese Selbstbegegnung dann zu einem weiteren Schritt im eigenen Leben führt.

Frage: Angesichts des bekannten, sehr emotionalen Konstantin Wecker klingt das sehr theoretisch -

Wecker (lacht): - zu theoretisch mit Blick auf dieses satte und sinnliche Programm, aber ich wollte Ihnen die Antwort auf Ihre Frage geben. Natürlich ist es nicht so, dass ich jemals mit diesem rationalen Anspruch an ein Lied oder Gedicht heran gegangen wäre: Ich musste immer warten, bis sich die Texte in mir selbst geschrieben haben - und war dann oftmals sehr überrascht, denn manchmal wollte ich eine politische CD machen und entstanden ist ein extrem lyrisch-poetisches Album, da eine Stimme in mir klüger als ich selbst war. Oder wie Heiner Müller es so treffend formuliert hat: Die Metapher ist klüger als der Dichter.

Frage: Aber anknüpfend an Ihre WeckErlebnisse: Geht nicht durch wohlklingende Orchesterarrangements eine gewisse Schärfe verloren, die Ihren Lieder ja sonst durchaus innewohnt?

Wecker: Genau diese Gefahr besteht, doch verhindern wir dies, indem wir den ganzen ersten Teil in Kammerorchester-Besetzung und mit sehr pfiffigen, an Eisler erinnernden Arrangements spielen. Allein in den Filmmusiken darf das Orchester romantisch schwelgen - und da passt das auch. Als ich vor 15 Jahren schon einmal eine Tournee mit Orchester gemacht habe, war anschließend in der Süddeutschen zu lesen: "Wecker sinfonisch aufgeweicht" - und mit diesem Gedanken soll diesmal keiner nach Hause gehen. Keine Angst, ich bleibe hart (lacht).

Frage: Und auch der alte Revoluzzer? Jüngst hat Sie eine Münchner Zeitung als ein Muster geplatzter Privatrevolte bezeichnet ...

Wecker: Die Revolte beschäftigt mich in meinen Programmen nach wie vor - und eben dies kann auch zu einer wirklichen Revolution führen. Denn was ist eine Revolution? Es ist eine Umwälzung im eigenen Denken, die ehrliche Beschäftigung mit sich selbst und den eigenen Niederlagen, die dazu führt, dass man erstarrte Weltbilder einreißt - und vielleicht erst dann sieht, wie man in manchen Punkten zu sehr gegen Windmühlen angerannt ist.

Frage: Eine Definition, die dann aber doch eher auf den Umsturz im Privaten zu zielen scheint als in der Gesellschaft.

Wecker: Nein, denn natürlich sind Revolutionen nicht nur im privaten Sinn notwendig: Wir haben weltweit die Situation einer so himmelschreienden Ungerechtigkeit im sozialen Bereich, dass ich gar keinen anderen Weg sehe als Revolutionen. Und nachdem das Wort Reformen so entwertet wurde - denn Reformen dienen ja heute nicht mehr dazu, den gesellschaftlich Schwächeren zu helfen, sondern die Reformen der letzten Jahre scheinen vor allem für die Reichen gemacht worden zu sein - greife ich hier auch ganz bewusst wieder auf das gute alte Wort Revolution zurück.

Frage: Der alte Revoluzzergeist lebt also noch immer in Ihnen?

Wecker: Der ist nach wie vor vorhanden - ja, ich denke heute politisch sogar noch etwas radikaler als früher, da sich die Situation so sehr verändert hat. Irgendwann am Schluss meines Programms sage ich zwar, "Jetzt wollte ich seit 25 Jahren die Welt mit meinen Liedern verändern und muss feststellen: Sie ist von allen möglichen Idioten verändert worden aber eindeutig nicht von mir" - aber das ist kein Grund nicht weiterzumachen.

Frage: Keine Frustrationen also auf Ihrer Seite?

Wecker: Nein - denn wer glaubt, er könnte mit einem Lied eine weltpolitische Situation verändern, der muss wirklich sehr arm im Geist sein. Andererseits habe ich in den letzten 30 Jahren immer gespürt, dass ich etwas verändern kann, indem ich Menschen Mut gemacht habe, die sich vielleicht mit ihrer Meinung ganz allein fühlten und dann in meinen Konzerten sahen: Da gibt es ja noch mehr, die so denken.

Frage: Was ja schön sein mag - aber bringen Sie und Ihr Publikum solch musikalisch reizvolle Rückblicke auf Ihr Schaffen wirklich weiter?

Wecker: Die Beschäftigung mit den eigenen Niederlagen bedeutet ja schon, dass ich auf etwas ganz anderes hinaus will als bei einem Rückblick auf Erfolge - dann würde ich wahrscheinlich zum Stillstand kommen. Wenn ich mich aber mit all dem beschäftige, was ich nicht im Griff hatte und an Utopien verfehlt habe, zwingt mich das, weiterzumachen und weiter an mir zu arbeiten: Ein Rückblick also, der mit einem Ausblick endet - und das ist ein großer Unterschied.

Frage: Wobei dieser Ausblick Sie angesichts immer größerer, weltweiter sozialer und ökologischer Probleme eigentlich verzweifeln lassen müsste.

Wecker: Den politischen Entwicklungen stehe ich tatsächlich mit Verzweiflung gegenüber, weil ich knallhart sagen muss: Wir bewegen uns in einen Totalitarismus hinein, der von den Konzernen ausgeht und eines Tages das gesamte ökonomische Weltgeschehen auf eine gnadenlose Weise bestimmen wird. Da gäbe es mittlerweile genügend Reichtum, um alle Menschen zu ernähren, und doch sterben noch immer jedes Jahr hunderttausende an Unterernährung und ihren Folgen. Und das, weil sich dieser Reichtum und damit auch die Macht bei einigen Konzernen ballt - mit solch einer Machtansammlung aber kann kein Mensch umgehen.

Frage: Immerhin finden sich diese Konzerne in demokratischen Gesellschaften -

Wecker: - aber in diesen Konzernen geht es doch hierarchisch, ja diktatorisch und nicht demokratisch zu! Wir haben hier zwar eine Demokratie, in der wir aber die eigentlichen Herren - wie etwa den Chef der Deutschen Bank - nicht wählen dürfen. Das allein ist doch schon ein Widerspruch: eine Demokratie, die aber im Endeffekt gestaltet und bestimmt wird von einem absolut undemokratischen Apparat.

Frage: Aus Ihrer Sicht treten also zunehmend große Konzerne an die Stelle früherer Diktatoren?

Wecker: Wir laufen da in einen Totalitarismus hinein, der mich erschrecken lässt. Natürlich hängt das auch zusammen mit der Konzernisierung der Medien, durch die bestimmte Dinge in der Berichterstattung immer mehr ausgeklammert werden. Wenn Sie etwa in die USA schauen, wird es in der dortigen Medienwelt ja teilweise schon zappenduster in puncto Veröffentlichungsfreiheit. Hier ist es wichtig aufzuklären, solange es noch geht - dass ich damit auch nicht die Welt verändere, weiß ich, aber: Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.

Frage: Bei all dem Engagement: Gibt es bei Ihnen keine Sehnsucht, in Ihrem eigenen Leben anzukommen?

Wecker: Ich meditiere sehr viel und beschäftige mich sehr viel mit mir in der Stille - und dabei habe ich auch dieses Ankommen kennen gelernt. Manchmal sind es nur Minuten oder auch Sekunden, wo man merkt: Jetzt ist der Punkt da, wo du mit allem vereint bist. Das können etwa kleine Momente sein, wo man inmitten der Natur steht - und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder über die schöne Natur nachzudenken - in dem Moment ist das Glück, in der Natur zu sein, dann schon wieder verschwunden; oder aber man nutzt diese große Chance und denkt für ein paar Augenblicke überhaupt nichts - und dann ist man die Natur.

Frage: Ein Plädoyer gegen das ewig Rationale?

Wecker: In dem Moment, wo ich denke "Ach ist das schön", ist die wirkliche Schönheit des Erlebens schon wieder verloren. Denn das Sein ist nur im direkten Erleben zu erspüren, wie Heidegger so treffend sagt - im direkten Erleben, nicht im Nachdenken über das Erleben. Und so wichtig das Denken ist, ebenso wichtig ist es, dem Denken nicht solch übermäßigen Platz einzuräumen und diese Momente des Nicht-Denkens auch wahr werden zu lassen - als Musiker gelingt mir das immer wieder in Momenten der Improvisation.

Frage: Die Musik also nicht nur als Transportmittel für Gefühle und Botschaften, sondern auch als Weg in eine bessere Welt?

Wecker: Als 17-Jähriger dachte ich immer, ich würde alles für die Kunst machen. Doch irgendwann später habe ich dann gemerkt, dass die Kunst einem eigentlich hilft, sich selbst zu gestalten. Die Kunst ist ein wunderschönes Hilfsmittel, mich weiter zu entwickeln - speziell die Musik, da sie als nonrationale Sprache direkt in unser Herz gehen kann.

Info:
Laeiszhalle, 27. Februar, 20 Uhr, 17,60-56,10 Euro, Tel. 440298

Zitat:
"Ich denke heute politisch sogar noch radikaler als früher"

"Wir haben eine Demokratie, in der wir die eigentlichen Herren nicht wählen dürfen".