Linke im Notstandsgebiet

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.03.2006

Quelle

Junge Welt

Autor / Interwiever

Donna San Floriante

Man hätte sich das so vorstellen können: Ein Landrat, der Bürgermeister, die Vorsitzende der Volkshochschule und einige andere lokale Amts- und/oder Würdenträger in der ersten Reihe. Händeschütteln mit Konstantin Wecker vor der Linse des Lokalreporters. Menschenfreundliche Worte in den Notizblock desselben. Aber nein: In einigen Regionen dieser Republik ist jener Punkt bereits überschritten, bis zu dem man die Demonstration demokratischen Engagements als wohltuenden Ersatz für dasselbe und mithin als PR-Chance zu nutzen bereit wäre. Schon für einen simulierten Einsatz gegen rechts scheint der Vorrat an demokratischer Entschlossenheit mancherorts restlos erschöpft.

So geschehen in Halberstadt, Sachsen-Anhalt, angesichts eines als Antifa-Konzert angekündigten Auftritts. Nach langem Hin und Her zwischen den Verantwortlichen vor Ort und der Tourleitung - Konstantin Wecker und Heinz Ratz - kam ein für Mittwoch geplantes Konzert unter dem Motto "Nazis raus aus unserer Stadt" nicht zustande. Wie nicht nur die NPD auf ihren Internetseiten prahlt, sondern auch Vertreter der Gemeinde inzwischen zugeben, war es der Druck der Neonazis, deren unverhohlene Drohung mit physischer Gewalt, der letztlich zur Absage führte.

Zuvor war bereits der Veranstalter eines Tourkonzerts in Hoyerswerda abgesprungen. Sein Vorwand: In der Stadt gebe es keine Nazis mehr, das Motto der Tour sei damit hinfällig. Auf das Motto "Nazis raus aus den Köpfen" wollte sich dieser Veranstalter, mangelnder Kopfnazis wegen, ebenfalls nicht einlassen. Glückliches Hoyerswerda, Bollwerk demokratischer Gesinnung!

In Halberstadt wurde auf den aktuellen Landtagswahlkampf verwiesen, weshalb eine BBparteipolitische AussageAB in öffentlichen Gebäuden unzulässig sei. Es wurde der Vorschlag unterbreitet, das antifaschistische Motto auf den Plakaten zu schwärzen. Ratz und Wecker lehnten diese Selbstzensur ab. Vertreter der Stadt teilten daraufhin mit, man wolle sich BBvon einem Konzert nicht vergewaltigen lassenAB.

Wenn Stars vom Kaliber eines Konstantin Wecker, und zuvor bereits der DGB (!), massive Schwierigkeiten haben, Kulturveranstaltungen gegen den Druck von Neonazis durchzusetzen, ist es kein Alarmismus, den demokratischen Notstand auszurufen, sondern Realismus. NPD und neofaschistische Kameradschaften konnten in einigen Regionen Ostdeutschlands lange nahezu unangefochten Strukturen aufbauen. Sie haben mancherorts tiefe Wurzeln in Kultur und Gesellschaft schlagen können und ein veritables Bedrohungspotential gegen all ihre Feinde aufgebaut.

Fatal wäre es jedoch, im heftigen Medienecho auf die skandalösen Vorkommnisse im neuerdings nazifreien Hoyerswerda und im wahlkämpfenden Halberstadt untergehen zu lassen, daß der Osten nicht nur braun ist. Das anstelle von Halberstadt in den Tourplan aufgenommene Konzert im Anger-Gymnasium Jena hat gezeigt, daß vielerorts handlungsfähige fortschrittliche Strukturen bestehen. Diese brauchen praktische Unterstützung und keinen pseudoradikalen Fatalismus, mit dem der Osten als hoffnungsloser Fall abgeschrieben wird. Binnen acht Tagen wurde ein mit 300 Zuschauern ausverkauftes Konzert auf die Beine gestellt und die anspruchsvolle Technik einer Wecker-Tour 96 sein Flügel mußte in die Aula im zweiten Stock befördert werden 96 reibungslos bewältigt.

Dieses Konzert in Jena bewies wie tags zuvor der Auftritt in Neustadt an der Orla, welche Kraft progressive Kultur gerade unter schwierigen Umständen entfalten kann. Zwar nehmen die explizit politischen Lieder im Werk von Wecker einen durchaus überschaubaren Raum ein. Mit dem, was sich in 30 Jahren Liedermacherei allein zum Thema Neofaschismus angesammelt hat, läßt sich trotzdem ein Konzertabend fast komplett bestreiten.

Heinz Ratz steht noch am Anfang seiner Liedermacherkarriere, hat sich aber, vor allem mit seiner Formation Strom & Wasser, bereits eine ansehnliche Fangemeinde erspielt - man kann sich denken, daß seine ebenso kraft- wie gefühlvollen Auftritte gerade dort gut ankommen, wo Not an Mensch und Seele herrscht.

Im Gymnasium in Jena hatten sich eingefunden: das übliche, zum Teil von weither angereiste Wecker-Publikum, dazu die engagierten Demokraten, ein restlos begeisterter Schuldirektor, ein häuserkampfgeschulter Jugendpfarrer - und, fast gleich zahlreich: Punks, Rastas, Hippies und jugendliche "Normalos".

Man merkte im ersten Teil des Konzerts, daß sich die Zuhörer erst aneinander gewöhnen mußten. Aber der wunderbar hanseatische Peer Jensen, Gitarrist von Strom & Wasser, und Hakim Ludin, ein Hexer von einem Perkussionisten, standen Ratz und Wecker kongenial zur Seite - und am Ende war es einer jener magischen Abende, an dem ein Konzert Menschen verändert zurückläßt. Auch die drei coolen Jungs mit Baseballkäppis vorne in der Ecke hatten nach einigen Zugaben den Versuch aufgegeben, das Ganze irgendwie lächerlich zu finden.

Draußen verteilten diverse Antifa- Gruppen Flugblätter und Broschüren. Am Ende steht die Hoffnung. Was die Nazis in 15 Jahren aufgebaut haben, wird nicht von heute auf morgen plötzlich verschwinden, schon gar nicht aufgrund eines Konzertes. Vielleicht wird es eine ganze Generation dauern, diese verlorenen Jahre von links auszugleichen. Von der zentralen Rolle, die linke Kulturschaffende hierbei spielen können, aber muß jeder überzeugt sein, der die Antifa-Tour von Ratz und Wecker erleben durfte.


Von Donna San Floriante, Junge Welt, 10.3.2006