Das revolutionäre Potential liegt bei den Rentnern

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

05.07.2005

Quelle

Mittelbayerische Zeitung

Autor / Interwiever

Carolin Kober

Konstantin Wecker über "Das ganze schrecklich schöne Leben" / Gegen Krieg mit der Percussion aus Afghanistan

Von Carolin Kober, MZ
REGENSBURG. Von Journalisten werde er häufig gefragt - in Anspielung auf Kokainkonsum und Drogenprozess -, ob er sein Leben noch einmal leben wolle. "Klingt a bisserl nach Sarg, die Frage", denkt sich der Münchner dann und antwortet: "Ich habe mich damals geirrt." Die musikalische Antwort auf diese Frage gibt Konstantin Wecker seinen rund 500 Gästen am Mittwochabend beim Thurn & Taxis-Zeltfestival: "Ja", schmettert er voller Inbrunst ins Mikro. Er wolle es erleben, "Das ganze schrecklich schöne Leben", Schlusslied auf seiner neuen CD "Am Flussufer".
Der einstige Draufgänger ist gealtert und mit ihm sein Publikum. Er ist leiser und nachdenklicher geworden und mit ihm seine Zuhörer. Doch er hat nichts von seiner Kraft und Aussagekraft verloren. Konstantin Wecker lässt die Tasten des schwarzen Steinway-Flügels mit vollen Akkorden erzittern, stampft mit seinem linken Fuß auf den Holzboden der Bühne mit einer solchen Wucht, dass das Wasser im Glas überschwappt. Konzentriert kneift er die Augen zusammen, vertieft sich in jede einzelne Note. Er genießt es, auf der Bühne zu sein, die seit einem Vierteljahrhundert sein Zuhause ist, und blickt mit seinen Fans gern zurück.

Familienvater mit Selbstironie

Mit dem unverwechselbar gerolltem "R" singt er wie immer über die Liebe, den Sinn des Lebens und die Politik. Ein Thema ist allerdings dazugekommen: das Alter. Weil es ihn wohl mit 58 Jahren immer mehr beschäftigt. "Das revolutionäre Potenzial liegt heute nicht mehr bei der Jugend, sondern bei den Rentnern." Ein bisserl Revoluzzer will er noch sein, gerade soviel er seinem Stammpublikum schuldig ist. Doch eigentlich zieht es ihn - mit grauem Haar, vielen Falten, Lesebrille, Jeans und Jackett, das Hemd locker über der Hose - nicht mehr in die Stürme des Lebens. Er fühlt sich nach Jahren des Wandels "wieder im Leben" und ist mit diesem zufrieden. Voller Ironie singt er "Stilles Glück" und nimmt sich, einen braven Familienvater mit Frau und Kind, selbst auf den Arm. "Als ich das Lied geschrieben habe, waren mir solche Männer wie ich heute suspekt." Er lächelt verschmitzt.
Auf seiner neuen Platte - "Ich muss immer auf meine Texte warten, bis sie sich selbst in meinem Innern schreiben" - steht das Nachdenken über zwischenmenschliche Beziehungen im Vordergrund, vielleicht auch, weil "ich seit 25 Jahren gegen Krieg schreibe und sich die Welt doch nicht gebessert hat und die Drecksnazis immer unverschämter werden. Ich mach´ trotzdem weiter." So hat "Vaterland", das 1979 weit vor den Anschlägen von Neonazis auf Asylbewerberheime entstand, nichts an Brisanz verloren, und er spielt es bis heute voller Wut und leiser Verzweiflung. Seine politische Einstellung gegen Krieg ist die gleiche pazifistische geblieben: "Menschen werden zu Maschinen, wenn sie dich erst rekrutieren. Lass dich nicht auf sie ein, sag´ nein." Lautstark wird diese Aussage unterstützt von seinem Percussionisten aus Afghanistan, Hakim Ludin, mit dem er seit einigen Monaten zusammenarbeitet. Auch wenn er die Alleinpräsenz auf der Bühne durch einen zweiten Mann an seiner Seite nach der Pause verliert, seine Musik gewinnt dadurch nur. Ludin drängt sich nicht in den Vordergrund. Feinfühlig schüttelt er eine Rassel, streichelt mit dem Besen das Klangbecken, wenn es um Liebe und Gefühle geht, bearbeitet heftig die Trommel, wenn "Stürmische Zeiten" aufziehen. Die Percussion-Elemente stacheln Wecker an, geben ihm neue Kraft, neuen Schwung. Es tut ihm gut, einen Partner zu haben. "Lass mich einfach nicht mehr los", heißt es auch auf seiner neuen Platte. Instinktiv fasst eine Frau im Publikum die Hand ihres Mannes. Weckers Lieder sprechen aus den Herzen seiner Zuhörer. "Bleib bei mir, auch wenn du nicht mehr willst."

... der liebe Gott weint bitterlich

Nicht nur Percussion, sondern auch das kurze Rezitieren von eigenen Texten bringen im zweiten Teil Abwechslung. "Statistisch erwiesen hält sich der Tod nicht an die Statistik, auch wenn der Mensch heute gegen alles versichert ist, seine Ängste mit Pillen erstickt und alle Tränendrüsen wegoperiert sind. Nur die Tiere lieben und hassen, und der liebe Gott weint bitterlich." Ja, das ist der nachdenkliche Liedermacher, der über sich, die Zukunft seiner Kinder und das Leben sinnt. Doch nicht immer in trauriger Weise, sondern der neue Song "Vom Sinn" - "Jetzt suchen wir den Sinn, denn der Sinn steckt immer irgendwo drin" - ist heiter und beschwingt. Wecker mimt sogar den Spaßvogel auf der Bühne und bringt das Publikum zum Singen. Mit "Standing Ovations" dankt es ihm für den Abend. Er schmeißt sein Jackett auf die Bühne, gibt als Zugabe den "Wehdam", den bayerischen Blues, und mag am Ende gar nicht mehr aufhören. "Alles ist anders und doch wie es war" - mit Wecker.