Damals, als ich Revoluzzer war

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

21.07.2005

Quelle

Reutlinger Nachrichten

Autor / Interwiever

Jürgen Spiess

KONZERT / Open Air im Reutlinger Kreuzeiche-Stadion
Liedermacher Konstantin Wecker stellt vor 1100 Fans sein neues Album vor: "Am Flussufer"

Ein entspannter Konstantin Wecker hielt im Reutlinger Kreuzeiche-Stadion vor rund 1100 Besuchern Rückschau - und präsentierte sein neues Programm "Am Flussufer". Mit Band bot er ein umjubeltes Konzert - die Fans feierten ihn am Ende sogar mit stehenden Ovationen.

JÜRGEN SPIESS

REUTLINGEN Er kommt pfeifend auf die Bühne, um dort seine neue CD vorzustellen, um zurückzublicken auf 30 Jahre Aufbegehren gegen Intoleranz und Fremdenhass. Konstantin Wecker ist bei sich angekommen.

Aufgeräumt wirkt er, dennoch gewohnt wortreich, moralisierend und stets mit einem lockeren Spruch auf den Lippen - über die skrupellosen Großkopfeten, über maßlose Politiker und überhaupt über das korrupte Establishment. "Am Flussufer" heißt seine aktuelle CD, eine Sammlung anspruchsvoller Chansons mit lyrischem Tiefgang. Der Poet am Klavier steigt gleich mit ein paar unbequemen Songs ein - und das Publikum im Kreuzeiche-Stadion steht in jeder Beziehung hinter ihm. Es hängt dem Münchner Liedermacher an den Lippen, jubelt ihm zu.

Leger gibt sich der Liedermacher aus München. Als hart geprüftes bayerisches Kraftwerk steht Wecker in Treue zu seinen kritischen Texten, in denen er stets nach so etwas wie einem utopischen Horizont zu suchen scheint.

Zum Anfassen nah

Da "ist der Mond zum Anfassen nah" und "das Leben fängt wieder an, richtig Spaß zu machen, wenn man nicht mehr funktioniert". Wecker verhehlt seine Verluste nicht. Ihm liegt die Rolle der ehrlichen Haut und des Vorkämpfers für ein gehaltvoll-selbstbestimmtes Leben ohne Militär, Krieg und Rassismus.

Da ist er wie immer der Alte. Aber Wecker passt sich in seinen Texten der aktuellen Lage an. Nostalgiker haben in seinem Programm höchstens eine Chance bei dem einen oder anderen Liebeslied. Unumwunden gibt der Künstler zum Besten, früher manches besser gewusst zu haben, damals, als "ich Revoluzzer war". Er zitiert Erich Mühsam, "unseren Rätedichter", mit seinem Reim vom Lampenputzer, der damals gezeigt habe, "wie man revoluzzt und dabei noch Lampen putzt". Wecker steht auch noch zu Bernard Shaw und zu einer abgrundtiefen Verachtung für Börsianer, die er in dem Song "Wenn die Börsianer tanzen" verkohlt: "Manchmal springen sie aus Fenstern, wenn der Dow Jones kräftig fällt." Ein Sound wie aus einem Varieté in den 20er Jahren kleidet das Lied ein.

Produziert wird diese hervorragende Musik von Jo Barnikel (Keyboard), einem magischen Hakim Ludin (Percussion) und dem an Saxofon und Querflöte überwältigenden Norbert Nagel. Wenn es so etwas wie maskuline Lieblichkeit geben sollte, dann ließe sie sich als Attribut Wecker zuschreiben. Er reibt sich schon so lang an der Gesellschaft und er hat seinen Überschüssen schon so viele Bewährungen auferlegt. Nun sieht er "das einzige revolutionäre Potenzial bei den Rentnern". Man hält ihm nicht gern etwas vor, auch nicht, dass er ein Sozialromantiker reinsten Wassers ist und ein Seelenfischer dazu. Vor allem ist er Urgestein - und Überzeugungstäter.

Dazu klingt die Band wie ein Klezmertrio. Sie ist überhaupt sehr wandlungsfähig und manchmal wie losgelassen in ihrer Spielfreude. Dann ist er so weit, dass Reutlingen mit ihm singen darf: "Glaubt ihr wirklich, der Tod ist so dumm und hält sich an die Statistik" - und das Stadionpublikum singt im Chor: "Glaubt ihr wirklich . . ."

Sag Nein

Doch Wecker kramt auch alte Songs hervor, die ihm wieder wichtig und aktuell scheinen, wie etwa der Titel "Vaterland" oder "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist". Im "Waffenhändler-Tango" bringt er effektvoll die Mathematik des Krieges auf den Punkt, bevor er zu seinem Schluss-Credo "Sag Nein" anhebt.

Doch das Konzert ist noch lange nicht zu Ende. Frenetisch fordern die Fans mit stehenden Ovationen Zugaben. Und da spielt er gerührt noch ein 25-minütiges Set. So ist er halt, der Wecker.

Erscheinungsdatum: Dienstag 19.07.2005