Er wird immer weitermachen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.07.2005

Quelle

Oberbayerisches Volksblatt

Autor / Interwiever

Margrit Jacobi

Er wird immer weitermachen

"In unserer Heimatstadt beim Konzert von Konstantin Wecker aufzutreten, das ist schon etwas Besonderes" freute sich Werner Schmidbauer mit seinem Partner Martin Kälberer.

Die beiden Musiker aus Bad Aibling stimmten die Besucher ein auf das Sommernachts-Openair im Kurpark von Bad Aibling. Mit "Pfeilgradaus" verschafften sie sich ein stimmiges Entree, setzten mit "Zeit der Deppen" noch eins drauf und ließen ihre Zuschauer den Refrain mitsingen. Martin Kälberer belegte seine Professionalität als Rhythmiker am Schlagzeug, der Tontrommel und zum Gaudium der Zuschauer zwischendurch auch an seinen Wangen, die er taktvoll beklopfte. Werner Schmidbauer an der Gitarre verfasste gemütvolle wie auch ironische Texte zu seinen Liedern, ein Bayer der seine Heimat liebt, dabei aber seine Kritikfähigkeit nicht verliert. Somit war der passende Übergang geschaffen zu einem, der dies alles kann und noch viel mehr, ein Meister eben. Wenn er pfeifend auf die Bühne kommt, so leger und selbstverständlich wie er es immer war und ist, erfasst er das Publikum mit seiner Präsenz und Ausstrahlung von der ersten Sekunde an und begeistert, berührt es bis zur letzten Minute des Konzertes.

Alten Liedern stellte Konstantin Wecker neue direkt gegenüber, macht den Sprung von damals, vor einem Vierteljahrhundert, bis heute und demonstriert das gleich mit seinem "A Revoluzzer müsst ma sein". Da bricht die Leidenschaft auf, da donnert der Flügel. Gleich drauf spricht Wecker zum hingetupften Tastenspiel Erich Mühsams Gedicht vom "Lampenputzer und Revoluzzer" und besingt anschließend ironisch "wenn Börsianer tanzen" deren Süffisanz.

Kongenial begleitet wurde Wecker von Jo Barnikel am Keyboard, dem Perkussionisten Hakim Ludin, auch hinreißend mit Wecker im Skatgesang, und wie seit 15 Jahren von Norbert Nagel, einem musikalischen Zaubermeister am Saxofon, der Klarinette und der Querflöte.

Traum und uneingeschränkte Fhantasie eines Kindes sind der gnadenlosen Armut in seiner Welt entgegengesetzt im Lied "Flaschenpost", und Weckers Lied weckt Assoziation zum "Erlkönig". Ungerechtigkeit, Rassismus, Kriege, Macht, Entmündigung sind seine zeitlosen Themen, Wecker hat sich immer engagiert dagegen. Als wichtigste Lieder der Welt befindet er Liebeslieder. Sein ganzes Gefühl liegt in "Was ich an dir mag" oder "Lass mich nie mehr los". Strahlend steigen die Töne des Saxofons in die Höhe. Inbrünstig und von wundervoller Poesie sind seine Gedichte, einschmeichelnd dazu die Musik.

Er ließ sich Zeit für sein neues Album "Am Flussufer", titelgebend für diese Tournee. "Lyrik und Liedtexte brauchen Zeit" sagt Wecker, Komponieren hingegen ist wie Meditation. Die ganze Bandbreite von mitreißender Rhythmik bis akzentuierter Tongebung und subtilen Facetten beherrscht dieser Liedermacher mit seiner Band.

Nach der Pause wurde das Konzert noch stringenter. Er rappte mit seinen Musikern über "die feine Gesellschaft", klagte über eine "Kindheit im Krieg", forderte leidenschaftlich Identität in "Steh auf und sage nein". Konstantin Wecker liebt das "ganze, schreckliche schöne Leben", denkt mit Wehmut an die Kindheit, wo die Welt noch nicht entzaubert war. Er weiß, dass das Leben nicht leichter, aber tiefer wird und sich der Tod an keine Statistik hält. Er fragte humorvoll im Schlusslied nach dem "Sinn" und er wird weitermachen, ob er nun etwas ändern kann oder nicht.

Am Ende kam Werner Schmidbauer noch tanzend zum Duett auf die Bühne und nachher gab´s etliche umjubelte Solozugaben, bis er seine Zuhörer mit einem wunderbar leisen "Wir lassen uns den Fluss hinunter treiben" still in die Nacht gehen ließ.