Der Revoluzzer entdeckt die Stille "am Flussufer"

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.07.2005

Quelle

Rhein Neckar Zeitung

Autor / Interwiever

Peter Lahr

Konstantin Wecker präsentierte 700 Fans Lieder aus drei Jahrzehnten 96 Dreieinhalb Stunden zwischen Kammermusik und Chanson

Von Peter Lahr

Mosbach. Dreieinhalb Stunden ließ sich Konstantin Wecker am Freitagabend beim Open-Air-Konzert im Großen Elzpark Zeit, bis er "das wichtigste Lied des Abends" spielte. Nein, nicht eine neue Version des "Willy", wie ein Zwischenrufer anregte, sondern "Am Flussufer", das Lied, das der aktuellen Tour und CD den Namen schenkt.

Neue und alte Lieder aus über 25 Jahren Liedermacherleben hatte Wecker mit seiner dreiköpfigen Band den knapp 700 begeisterten Fans zuvor geboten. Statements gegen Rassismus und Militarismus, ein kurzes Bad in der Menge und gar ein Zwischenspiel auf Gotthilf Fischers Spuren hatten zuvor für Abwechslung gesorgt.

Auch wenn auf Weckers Frage niemand zugeben wollte, Deutschlehrer zu sein, im Publikum fanden sich etliche Pädagogen. Doch aus der Schülerzeit speiste sich bei vielen Zuhörern die erste Erinnerung an Konstantin Wecker 96 ein Held aus vergangenen Jugendtagen. Mit einem lang anhaltenden Applaus begrüßte das Mosbacher Publikum den Münchner Liedermacher, der pfeifend, in Blue Jeans und Sakko, auf die Bühne schlenderte. Einige Takte lang hatte ihm seine dreiköpfige Band mit Beckenklängen sowie verhaltenen Klarinetten- und Flügelsoli den musikalischen Teppich ausgerollt. Sichtbar angetan ob der Begrüßung erklärte Wecker gut gelaunt: "Des is so a Sache mit dem Pfeifen: wenn man lacht, funktioniert es nicht."

Selbstironisch kommentierte er auch seinen Konzertstart: "Ihr denkt jetzt, da schleicht er auf die Bühne, pfeift wahrscheinlich aus dem letzten Loch. Früher, war das alle einfacher, da war i der Revoluzzer und sprang auf die Bühne."

Sprach91s und mimte den jungen Wecker, der auf die Bühne springt, das Klavier erobert und mit ausladend, wild-pathetischem Spiel sang er den "Revoluzzer".

Als permanentes Wechselspiel zwischen den Zeiten, so gestaltete Wecker den Abend. 25 Jahre alte Lieder wurden neuen Kompositionen gegenüber gestellt. Bei seinen politischen Liedern, die heute wie gestern Neo-Nazismus, Rüstung und Sozialabbau anprangern, praktizierte er dasselbe Prinzip wie bei seinen Liebesliedern. Dichtete Wecker einst "es duftet nach Akazien, und dein Lächeln duftet auch", so klang "Was ich an dir mag" eher nach Soft-Pop. Norbert Nagel am Saxophon steuerte hierzu ein zuckersüß-sentimentales Solo bei.

Da ihm Männer mit Kindern und Familie, wie er heute einen repräsentiere, einst ziemlich suspekt vorgekommen seien, schob Wecker später "Stilles Glück, trautes Heim" nach, wo er die "Heile-Welt-Musik" anprangerte - mit einer bewusst parodierenden, eher dümmlichen Komödienstadl-Stimme.

Intellektuell gab sich Konstantin Wecker, der bei seinen Ansagen den Schriftsteller und Kämpfer der bayrischen Räteregierung 1918/19, Erich Mühsam, sowie Albert Einstein zitierte. Doch gleichzeitig machte sich der Liedermacher über akademisch-amorphe Sinnsucherei lustig: "Jetzt suchen wir alle mal den Sinn, irgend wo da drin muss er doch sein", forderte er zur Mithilfe auf.

Geradezu ideal gruppierten sich die drei Musiker um Weckers Gesang und sein Klavierspiel. Jo Barnikel am Keyboard legte Wecker robuste Sounds unter. Norbert Nagel an Klarinette, Saxophon und Querflöte verwickelte ihn in manchen musikalisch-lautmalerischen Dialog, musste sich aber auch immer wieder einordnen in das fast schon kammermusikalische Gesamtarrangement. Ruhender Pol - so man dies für einen Schlagzeuger sagen kann - war Hakim Ludin, der schon von seiner Statur und Ausstrahlung her Stabilität verkörperte. Immer neue Klänge zauberte er aus seinem schier endlosen Vorrat an exotischen Percussions-Instrumenten 96 bis hin zum Kuh-Muhen.

Stilistisch war die Begleitcombo fest in den Weiten der Weltmusik verankert. Bewegte sich Wecker gerne zwischen Jacques-Brel-Chansons und "Cabaret", so entführten die bekannten Brüche innerhalb seiner Lieder auch zu improvisierten Ausflügen in Klezmer-, Oriental-, Tango- und Buena-Vista-Social-Club-Gefilde. Immer wieder sorgten die drei Musiker für brillante Überraschungen und wendeten das musikalische Ruder in ungeahnte Richtungen.

Eine weitere Überraschung ereignete sich nach drei Stunden. "Eigentlich" wäre Konstantin Wecker hier am Ende des Programms gewesen. Deshalb wagten sich die ersten zehn Fans nach vorne, um direkt vor dem Bühnenrand zu stehen. "Was für eine Nacht", sang Wecker als erste Zugabe und verließ nun selbst für kurze Zeit die Bühne, um sich in den ersten Reihen von seinen Zuhörern mit Handys fotografieren zu lassen.

"Inwendig warm" wurde es nicht nur dem Sänger ob all des Applauses, sondern auch dem Publikum, das nun endlich in Scharen nach vorne strömte oder sich zumindest von den sowieso schon kühl werdenden Plastik-stühlen erhob. Toll fand es der Sänger, dass alle einfach so taten, als wäre dies eine unheimlich warme Sommernacht. Und dann zeigte Wecker, dass er auch mit Lesebrille noch reichlich Power hat und davon träumt, auf fremden Balkonen zu sitzen. "Politisch nicht ganz korrekt" nahm er irgendwann sogar die Zigarette mit an den Flügel.

Zum Schluss empfahl Konstantin Wecker, der während des Konzerts nicht davor gescheut hatte, auf Gotthilf Fischers Spuren zu wandeln und aus dem Publikum einen wohltönenden Chor arrangierte, ausgerechnet die Stille. "Diese Stille hat mein Leben verändert", beteuerte der Revoluzzer vom Anfang des Konzerts nun, beim "wichtigsten Lied des Abends". Doch er wäre nicht Konstantin Wecker, wenn er nicht noch einmal alle Register gezogen hätte, um "Am Flussufer" zu einer atmosphärischen Bombast-Ballade werden zu lassen.