Reform, das kann ich nicht mehr hören

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.09.2005

Quelle

Neues Deutschland

Autor / Interwiever

Hans-Dieter Schütt

Konstantin Wecker über die Chance der Sozialdemokratie, Mitleid mit Stoiber und die Toskana

Konstantin Wecker, geboren 1947 in München, ist einer der besten, provokantesten Musiker und Musikanten des Landes. Er gehörte zu den wenigen Mutigen der Bundesrepublik, die konsequent und offen gegen den Irak-Krieg protestierten, lange ehe er begann. Wecker veröffentlichte jüngst seinen zweiten Roman, "Der Klang der ungespielten Töne".

ND: Konstantin Wecker, Sie sind auf dem Weg in die Toskana, Urlaub nach der Tournee; stellen Sie sich vor, Sie träfen Joschka Fischer. Was hätten Sie ihm (noch) zu sagen?
Wecker: Dass er damals mit seinem Auschwitz-Vergleich beim Kosovo-Krieg mit einem einzigen Schlag die gesamte Friedensbewegung lahm gelegt hat. Unverzeihlich.

Geht möglicherweise in diesen Tagen nicht nur eine Regierungskoalition zu Ende, sondern wahrlich ein politisches Projekt?
Zweiteres. Im Moment klingt ja Schröder, als wäre er ein wirklicher Sozialdemokrat. Nur man kann ihm nicht mehr glauben, sonst hätte er in den letzten sieben Jahren eine andere Politik gemacht.

Wer immer an der Macht ist: Er muss sich Bedingungen anpassen.
Keiner erwartet eine Umsetzung von Wahlprogrammen eins zu eins. Aber es ist schon erschreckend, wenn eine rot-grüne Koalition den Reichen in einer Offenheit Geschenke macht, wie es sich eine CDU-Regierung wahrscheinlich nicht getraut hätte.

Sie geben der SPD keine Chance mehr?
Doch, die größtmögliche: in der Opposition wieder Sozialdemokratie zu werden.

Gysi sagt, dieser Zustand schaffe irgendwann sogar Nähe zwischen Rot und Rot.
Die Hoffnung teile ich. Im Moment heißt Sozialdemokratie nur: Frau Merkel verhindern. Nur. Wie viel Merkel ist denn in Schröder schon drin?! Da kann er tausendmal vor den Kameras sagen, er liebe seine Frau.

Was würde sich mit einem Sieg Merkels in der politischen Kultur des Landes verändern?
Es wird wohl ein Anwachsen außerparlamentarisch wirkender Kräfte geben.

Eine Neuauflage der achtundsechziger APO?
Das nicht, aber viele basisdemokratische Sozialgruppen, Friedensgruppen werden etwas gegen die Lethargie tun. Der Zorn wächst.

Und die Lust auf Lautstärke?
Der Neoliberalismus versteckt sich hinter Sachzwängen, hinter verflucht lautlosen, anonymen Prozessen. Aber man möchte, dass sich die Verantwortlichen des Sozialabbaus kenntlich machen. Man möchte in Gesichter hinein schreien.

Es geht um Feindbilder?
Es geht um Feinde, das ist etwas anderes. Es geht um Feinde des Sozialen, des Solidarischen, die sich bekennen sollen. Bekenntnis gegen Bekenntnis.

Kampf.
Ja.

Sie haben vor einiger Zeit sogar das Wort "Revolution" gesagt.
In meinen Konzerten lese ich am Anfang den "Revoluzzer" von Erich Mühsam ...

Sie leben ja auch, wie er, in München-Schwabing.
Ein Ort der Komödianten und Anarchisten.

Bayern ist eben doch anders und mehr als Stoiber.
So ist es. Also Mühsams "Revoluzzer". Und dann sage ich, ich könne das Wort BBReformAB nicht mehr hören; das einzige, was jetzt helfen würde, wäre eine ordentliche Revolution. Dann lachen die Leute.

Revolution als Scherzartikel.
Nein, als Lob des Zweifels.

Bei Revolution denkt man an Laternenpfähle und Guillotinen.
Das meine ich aber selbstverständlich nicht. Ich bin in diesen Dingen nach wie vor der Ansicht Hermann Hesses: Wenn man jemanden wegen eine Idee tötet, dann tötet man immer den Falschen, selbst wenn es der Richtige ist. Ich habe mich der Gewaltfreiheit verschrieben. Nein, Revolution ist friedliche, aber trotzdem radikale Umgestaltung - der eigenen Lebensweise, der eigenen Gier. Was hat denn der Kapitalismus geschafft? Er hat die Alternativlosigkeit zum Allgemeingut erklärt. Möglicherweise ebbt die Wirkung dieser Schlaftablette nun ab.

Man könnte doch aber auch sagen: Die emanzipatorischen Ideale der Aufklärung wurden im Westen verwirklicht. Auch das schuf Ruhe.
Das kann man eben nicht sagen! Liberalisierung und Verwestlichung der Welt erbrachten die Degradierung des Bürgers zum Konsumenten und damit eine neue Unfreiheit.

Hat es Opposition heute einfacher als früher?
In einer Hinsicht vielleicht: Man hat so oft gehört, dass Leistungskürzungen, Arbeitsplatzabbau und Gebührenerhöhung auf der Tagesordnung stehen, dass schon die Propagierung des Gegenteils Applaus hervorruft. Jede Demokratie bedarf in Abständen einer Revision, und zwar durch aufmüpfige Bürger.

Revision?
Das ist doch ein wunderschönes Wort! Man muss es von seiner buchhalterischen Seite sehen - es aber zugleich davon befreien.

Sie sprechen es mit besonderer Betonung: Re-Vision?
Ja. Die Vision wieder ins Recht setzen jenseits ihrer Verzwergung.
Die schon eintritt, wenn man Kirchhof zum Visionär erhebt?
Zum Beispiel. Walter Benjamin hat geschrieben, die Ästhetisierung des Politischen sei ein Kennzeichen des Faschismus. Ich habe den Eindruck, dass in unserer jetzigen Zeit das Ökonomische ästhetisiert wird.

Widerstand, Aufmüpfigkeit. Sie reden einer Hoffnung das Wort.
Die stirbt nicht nur zuletzt, die ist auch zuerst da. Natürlich sehe ich, dass wir nicht, vor lauter Aufstand, einer neuen Räte-Republik entgegen gehen.

Das wäre zu viel Bayern für Deutschland.
Das System hat eine unglaubliche Kraft, Menschen zu lähmen und ihnen dies als Charakter und Vernunft zu verkaufen.

Mit welchem Gefühl haben Sie registriert, als Gegner des Irak-Krieges beleidigt, verächtlich gemacht worden zu sein 96 um dann zu sehen, wie alle Welt in die gleiche Richtung einschwenkt?
Es verschafft keine große Befriedigung. Ich habe meine Meinung so unbeirrbar, dass ich es nicht als notwendig empfinde, die große Bestätigung zu bekommen.

War Schröders Kriegs-Veto eine Mogelpackung?
Ich glaube ihm, dass er gegen den Krieg war. Aber eine Mogelpackung war es insofern, als er den Alliierten Überflugrechte gab und Zwischenstopps für Truppentransporte genehmigte. Schon das war Bruch des Völkerrechts.

Sie sagen, Sie brauchten keine öffentliche Bestätigung, was Ihre Meinung betrifft ...
Gut, sagen wir so: Ein bisschen Befriedigung entsteht dadurch, dass wir bei jedem kommenden Militär-Akt der US-Amerikaner auf die Irak-Erfahrung verweisen dürfen. Wieder werden Lügen die Runden machen, aber diesmal werden einige Meinungsmacher der falschen Solidarität wohl etwas vorsichtiger sein.

Noch mal zur Wahl: Sie sympathisieren mit Gysi und Lafontaine.
Ganz offen, ja. Es geht um Stimmen, die sich im Bundestag für diejenigen stark machen, die in diesem Lande keine Lobby haben. Und es geht darum, dass sich Linke finden, nicht zerstreiten.

Kann man trotzdem sagen: Partei bleibt Partei?
Sie sprechen das Misstrauen an, dass man Parteien gegenüber grundsätzlich haben muss? Das teile ich. Offenbar geht jede Partei irgendwann, ich habe das ja bei den Grünen so deutlich gemerkt, ihren Weg in die Erstarrung.

Das heißt?
Erstarrung in Zwängen, Karrieren, in Besitzstandswahrung. Und deswegen wird es sicher keine "Ehe für immer" sein, die ich da eingehe. Aber jetzt ist es nötig 96 nicht Partei zu sein, aber Partei zu ergreifen.

Wie viel Mitleid haben Sie als Bayer mit Stoiber, dem Verlierer gegen Merkel?
Mitleid? Wut. Seine Ausfälle gegen die Ostdeutschen sind ungeheuerlich. Weil Ostdeutsche links wählen wollen, sind sie plötzlich keine Demokraten mehr. Seltsam, als sie 1990 Kohl wählten, waren sie noch Demokraten. Das hat doch sehr viel von den Gebaren eines Ein-Parteien-Systems.

Wie würden Sie Ihr Lebensgefühl beschreiben?
Es ist der fortgesetzte Versuch, Spiritualität und politisches Engagement zusammenzubringen. Manche Linke erschrecken ja schon, wenn man das Wort Spiritualität nur ausspricht.

Sie sind nicht der klassische Esoteriker.
Der will sich selbst erlösen, ich will mich an die Welt binden. Albert Schweitzer hat das so schön die "tätige Hingabe" genannt.

Ist das schon links?
Definitionen sind unwichtig, weil sie die Fülle des Lebens außer Acht lassen. Ich möchte mich einem gesellschaftlichen Konsens verweigern, der verhängnisvoll freimacht vom liebevollen Miteinander.

Klingt fortgesetzt pastoral.
Na und? Schauen Sie sich doch das widerliche Hickhack in der Politik an, wie sie aufeinander einschlagen. Mich macht sehr traurig, wie die SPD auf Lafontaine, überhaupt auf "Die Linke.PDS" drauf drischt, das hat nichts von Umgangskultur. Es ist die Unkultur einer Gesellschaft, in der jeder vor allem durch Kriegsführung auffällt. McCarthy grüßt.

Erklären Sie mir bitte, was die Linken so in die Toskana zog.
Die Toskana ist ein unglaubliches Kulturland, und das meine ich jetzt nicht nur im Hinblick auf die Renaissance, nein, ich meine die Kultiviertheit der Landschaft. Die Hügel sind hier zu vornehm, um zu einem schroffen Gebirge zu werden.

Das sagt einer aus Bayern!
Ich bin ein großer Fan der Bergwelt. Aber ich stehe bewundernd vorm wechselnden Licht der Toskana. Das ist reine Poesie.

Geht die Poesie kalten deutschen Zeiten entgegen?
Poesie kümmert sich nicht um Merkel, Schröder. Aber die Kultur geht kälteren Zeiten entgegen. Wo soziale Welten auseinanderdriften, entsteht ein immer größerer Riss zwischen denen, die Kultur bezahlen können, und denen, die immer weniger Voraussetzungen haben werden, gebildet zu leben. Das meint auch die Herzensbildung.