Rentner rufen zur Revolution

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

20.09.2005

Quelle

Taunus Zeitung

Autor / Interwiever

Andrea Rosenbaum

Von Andrea Rosenbaum

Oberursel. Konstantin Wecker liebt die Flüsse - und sein Publikum liebt ihn. Das zeigte sich bei seinem Konzert am Freitagabend in der Stadthalle. Die Behindertenhilfe des Internationalen Bundes (IB) hatte den bayrischen Liedermacher nach Oberursel geholt, wo er vor 15 Jahren schon einmal seine Zuschauer begeistert hatte.

Auch diesmal ist die Stadthalle ausverkauft, unter den Zuschauern sind viele Behinderte. Sie wollen den Mann sehen, der den IB bei seinem Vorhaben "Kulturcafé in Bommersheim" unterstützt. Sein dreistündiges Soloprogramm trägt den Namen "Am Flussufer" - mit seinem Fluss reißt der 58-Jahre alte Künstler die Menschen mit, durch seine Lieder denken sie nach, lachen, fühlen mit und singen sogar selbst.

Wie ein Lausbub grinsend, in Jeans und Turnschuhen, tritt er an den Rand der Bühne und spricht von der Revolution: "A Revoluzzer müsst ma sei", singt der Münchner und rezitiert das gleichnamige Gedicht des Sozialisten Erich Mühsam vom Lampenputzer, das er, wie er sagt, ausgesucht hat, weil der Autor es schon vor 100 Jahren der deutschen Sozialdemokratie gewidmet hat. Die Leute lachen. Wecker ist ein politischer Mensch und bringt dies gerne zum Ausdruck. Schon bearbeitet er den Flügel bei einem Dialog zwischen Vater und Sohn, dass einem angst und bange wird, ihm könnten die Tasten gleich um die Ohren fliegen 96 es geht um die Rückkehr der Nazis.

In seiner leidenschaftlichen Art trägt er dann ein Liebeslied vor: "Ohne dich geht diese Welt ganz sicherlich entzwei . . ." Nun greift er nach dem Schweißtuch, denn sein auf der Bühne gelebter Enthusiasmus bleibt nicht ohne Folgen. Wecker scheint seine Texte während seiner Auftritte zu durchleben. Mit den Worten "Das revolutionäre Potenzial liegt heutzutage bei den Rentnern" bringt er das Publikum erneut zum Lachen und leitet das Lied vom Rentneraufstand ein. Immer wieder steht er vom Klavierschemel auf und redet, den Schalk im Nacken, mit den Zuhörern. Dann springt er wieder zum Klavierstuhl, zappelt auf ihm herum wie ein Derwisch und ruft laut ins Mikrofon: "Stürmische Zeiten, mein Schatz!" Das Lied stammt von einer älteren CD und wird von vielen im Saal jubelnd wiedererkannt. Eine Pause, in der sich die Leute über den Sänger unterhalten, unterbricht den bayuwarischen Sturm .

Nach der Pause lässt der Liedermacher die etwa 1000 Zuhörer im Chor singen: "Ja, glaubt ihr denn wirklich, der Tod ist so dumm und hält sich an die Statistik" - eine Parodie auf die Mitsing-Tradition. Doch Wecker ist nicht nur ironisch; er gibt den Menschen Mut und Hoffnung mit seinen Liedern, aber er rüttelt sie auch auf und bewegt sie. Zwischendrin singt er immer wieder zarte, ruhige Lieder wie "Einfach wieder schlendern und am Flussufer stehen . . ." - ein Plädoyer, sich ab und an von aller Hektik loszusagen, sich im Gras niederzulassen und innere Ruhe zu finden.

Selbiges muss ihm gelungen sein, wenn er auch deshalb keineswegs leiser geworden ist, und das ist gut so. Wecker ist und bleibt ein Revoluzzer, wenn auch ein etwas gealterter und geläuterter. Er verabschiedet sich, nicht ohne vorher um Spenden für das Kulturcafé zu bitten, mit einem Zitat von Oscar Wilde: "Eine Landkarte, auf der Utopia nicht verzeichnet ist, ist keines Blickes wert."