Am Flussufer gereifter Revoluzzer

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

27.09.2005

Quelle

Südthüringer Zeitung

Autor / Interwiever

Carola Scherzer

VIEL BEIFALL Konstantin Wecker begeisterte mit seinen Liedern aus 25 Jahren zu den Meininger Kleinkunsttagen

VON CAROLA SCHERZER

In Jeans, Jackett und Turnschuhen erscheint Konstantin Wecker auf der Bühne des Meininger Theaters. Schaut kurz in den Saal, ohne sich am Beifall des Publikums im seit langem ausverkauften Haus zu laben. Setzt sich an den Flügel - und pfeift.

MEININGEN - Keine erhobene Faust, wie noch vor zwei Jahren zum Auftritt in Gera, als er gegen den Irak-Krieg und die USA agitierte. Auch keine neue "Willy-Version, wie sie nach seinem Auftritten für die Linken im Bundestagswahlkampf denkbar gewesen wäre. Nicht mal ein Kommentar zu den Wahlergebnissen. Nur einmal hämische Freude über die süß-saure Inkarnation von Stoiber neben Merkel in der Wahlnacht.
Und doch ist er an diesem Abend ganz der Wecker, wie man ihn kennt. Einer, der, wie er sagt, als "Flußmensch" seit 25 Jahren unterwegs ist. Mit allen Sinnen, allem Verstand und aller Kraft. Wie ein Champion wischt er sich am Ende seines zweieinhalbstündigen Programms an der Bühnenrampe mit dem Handtuch den Schweiß aus dem Gesicht, reckt die Arme in die Höhe und winkt überglücklich dem Publikum zu. "Am Flußufer" nennt Konstantin Wecker sein Programm, das alte und neue Lieder seines aktuellen gleichnamigen Albums vereint. Es ist alles andere als Sammelsurium, sondern wohl durchdacht. Schon der Auftritt, den er selbstironisch kommentiert: "Ihr denkt jetzt, da schleicht er auf die Bühne, pfeift wahrscheinlich aus dem letzten Loch. Früher war er voller Energie, da war er der Revoluzzer und sprang auf die Bühne."

Kein Geschwächter

Mit griesgrämigem Gesicht mimt er den jungen wütenden Wecker, haut in die Tasten seines riesigen "Bösendorfer"-Flügels, den er später zu seinem "Weh-dem-Blues" noch mit dem Fuß massakrieren wird - er ist mit seinem eigenen Instrument unterwegs. Also kein geschwächter Wecker. Dafür ein kraftvoller, auch ein leiser, sensibler und ein gereifter Wecker. Im ständigen Wechselspiel der Gefühle zeigt er sich und macht deutlich, dass sein Anliegen stets das gleiche war. "Seit 25 Jahren bin ich bekennender Pazifist, singe gegen Rassismus und Intoleranz." Trotzdem sei die Welt nicht friedlicher geworden. Doch Wecker bleibt Realist, weiß, dass er mit seinen Liedern die Welt nicht verändern kann. Widerspricht aber auch allen Pessimisten, für die er satirisch nach dem "Sinn vom Sinn" sucht.
So singt Wecker in seinen politischen Liedern - den alten wie den neuen - weiter gegen Sozialabbau, Armut, Reichtum, Rüstung, Krieg und Neo-Nazis. Dem "Wenn die Börsianer tanzen" folgt "Flaschenpost". Ein Lied über einen arbeitslosen Vater, der ohne jeden Lebensmut am Flussufer sitzt, während sein kleiner Sohn neben ihm von einem besseren Leben träumt. Über ganz andere Träume singt Wecker in "Vaterland", einem Lied, das er vor 20 Jahren schrieb. Darin erzählt er über einen Vater, einem alten Sozi, dessen Sohn von Recht und Ordnung träumt und mit den Neo-Nazis marschiert. Seine Aussagen artikuliert Wecker glasklar und zugleich berührend. Und er erfreut sich darauf von all dem Elend und all der Dummheit am "Duft der Akazien" und am Lächeln seiner Liebsten.

Rentner-Aufstand

Nach dem poesievollen und zarten Schwelgen in seinen Liebesliedern, fordert er schließlich im "Präposthum" zum Aufstand der Rentner - "dem einzigen revolutionären Potenzial" - auf. Gelangweilt vom Alltag, plündert ein Rentner sein Konto, vergnügt sich im Bordell und verschenkt sein Geld. Zum Entsetzen der Familie, die sich um ihr Erbe betrogen fühlt und den Alten ruhig stellen lässt. Überhaupt sind die Spießer Wecker immer noch ein Dorn im Auge, auch wenn er nach seinen Drogenexzessen längst im Schoß einer Familie mit junger Frau und zwei kleinen Kindern angekommen ist. Familie sei für ihn früher immer politisch suspekt gewesen. Heute grenzt er sich mit einem beißenden Spottlied übers "Stille Glück, traute Heim" von allzu großer Seligkeit und "Mutanten-Stadl" ab. Bis zur Ekstase singt er sich dagegen in "Wieder im Leben, wieder dabei" und macht sich zum wilden Spiel am Flügel Mut: "Leben ist Brückenschlagen, einfach nicht verzagen ... und widerstehen den Strömen, die vergehn".
Überraschend wechselt der Liedermacher zu Gotthilf Fischer. Arrangiert spontan einen Chor aus Baritonen, Bässen, Sopranistinnen und Altistinnen, lässt das Publikum intonieren zu: "Ja glaubt ihr denn wirklich der Tod ist so dumm und hält sich an die Statistik?" "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist, weiß ich, dass das meine Zeit ist" bekennt Wecker und kostet mit seiner Stimme das Gefühl aus. Auch an diesem Herbstabend ist seine Zeit. Ein Wecker in voller Reife beglückte das Publikum.