Utopie eines Phänomens

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

05.10.2005

Quelle

Märkische Allgemeine

Autor / Interwiever

Ann Brünink

Stehende Ovationen für Konstantin Wecker im Brandenburger Theater
ANN BRÜNINK

Wie beschreibt man ein Phänomen? So? 58 Jahre alt. Temperamentvoll. Salopp gekleidet in Jeans, das Hemd über der Hose getragen, dunkler Blazer. Pfeift eine kleine Melodie. Nicht allein im Wald, sondern im Großen Saal des Brandenburger Theaters. Montagabend, am Tag der Einheit. Und es spielt Klavier, das Phänomen. Virtuos! Konstantin Wecker ist ganz der alte und ewig jung. Jung im Geiste. Jung im Hoffen. Hoffen auf bessere Politik. Mehr Frieden in der Welt. Und nicht nur hoffen, sondern auch tun. Singen, schreiben, lesen, seit 25 Jahren. Menschen begeistern, egal ob im Irak - wohin Wecker im Januar 2003 eine zehntägige Reise gemacht hat - oder hier. Sie mitreißen für seine Utopie von der besseren Welt. Klarmachen, dass man sich dafür engagieren muss. 350 Zuhörer sind begeistert. Spenden stehende Ovationen.

Vielleicht liegt das Erfolgsgeheimnis des Konstantin Wecker in seiner Authentizität. Man glaubt ihm, was er singt. Egal, ob seine Lieder in zartester Lyrik von der Liebe handeln und ihren vielen Facetten. Oder melancholische Songs, die alles andere als kitschig wirken. Wie das Lied von dem mutlosen Arbeitslosen, den sein kleiner Sohn aufmuntern will mit Plänen von einer großen Reise in die unendliche Freiheit der Meere. Das Kind benötigt dafür nur wenig: ein paar leere Kanister als Schwimmkörper, einen alten Schlauch als Rettungsring, ein Segel und viele leere Flaschen, um die Botschaft zu verschicken: Wir kommen.

"Ich kann das Wort ´Reform´ einfach nicht mehr hören!" Am überzeugendsten ist Wecker in seinen politischen Aussagen. Da wirkt er unbestechlich. So scheut er sich nicht, die Sozialdemokratie anno 2005 mit einem Gedicht zu konfrontieren, das ihr der Dichter Erich Mühsam vor 100 Jahren widmete. Vom Lampenputzer handelt es, der ein Revoluzzer sein wollte, solange nur seinen Lampen nichts passiert. Aber die sanfte Revolution war damals noch nicht erfunden und so wendete er sich angewidert ab.

"Ja glaubt ihr denn wirklich, der Tod ist so dumm und hält sich an die Statistik", lässt er die Zuhörer mitsingen. Und fröhlich schmettern sie den Refrain. In der allgemeinen Euphorie kommt kaum jemand auf die Idee, dass es sich hierbei um eine Parodie handeln könnte. Dabei hat Wecker sein Vorbild offen benannt: Gotthilf Fischer und die Fischer Chöre. Doch da ist Weckers Konzertkonzept schon längst aufgegangen. Alte Erfolgstitel wie "Genug ist genug" hat er mit neuen Kompositionen, wie zum Beispiel "Am Flussufer", gemischt und damit das Publikum für sich gewonnen.