Brillanter Börsianer-Tango

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.10.2005

Quelle

Dresdner Neueste Nachrichten

Autor / Interwiever

Michael Ernst

Konstantin Wecker hat mit seinem neuen Album "Am Flussufer" vor den Toren Dresdens angelegt und das Publikum in der Börse Coswig begeistert. Hier singt ein Freund. Er meint es ehrlich. Da ist nichts aufgesetzt, weder der professionell künstlerische Vortrag noch die Inhalte des Programms. Er predigt geradezu die längst ausstehende Revolution, weil er um die bestehenden Realitäten Bescheid weiß. Der da singt, das ist ein Realist mit Idealen.
Er kokettiert anfänglich mit den mehr als 25 Jahren Bühnenlaufbahn. Indem er Neues präsentiert, verweist er auf seine Wurzeln und Entwicklungslinien von den Anfängen bis heute. Alt sei er geworden - so die Behauptung, die gleich darauf mit bajuwarischem Elan in Frage gestellt wird. Allzu gern zeigt sich der Barde doch als ewig jungen Revoluzzer, der seine Vergeblichkeit ahnt, ohne ihretwegen zu resignieren.
Da werden die alten Lieder mit denen verbunden, die jetzt auf der CD "Am Flussufer" erschienen sind. Es tun sich geradezu bekenntnishaft Linien von musikalischer und inhaltlicher Kontinuität auf. Hier ist sich jemand treu geblieben, auch wenn er dafür mitunter Schelte einstecken musste. Seine Anhängerschaft liebt ihn genau dafür.
"Am Flussufer" ist das gewiss poetischste Album seit langem. Lieder wie "Das ganze schrecklich schöne Leben" verankern Individualität im Weltgeschehen; das tut nicht weh, aber die Hörer erkennen sich wieder. Bissiger ist der Humor (freilich nie zynisch!) in Sittengemälden wie "Stilles Glück, trautes Heim" und verbreitet ansteckend Amüsement. Gänzlich zupackend schließlich die kräftigen Einmischungen ins Zeitgeschehen, wobei sich Wecker in seiner Treue zum eigenen Werk auch stets wandelbar zeigt: Er geht mit der Zeit, wenn der Kraftschrei "Sag nein!" heute mit verändertem Text als Antikriegslied erklingt.
Natürlich weiß Wecker sich mit seinem Publikum einig, selbst wenn sich der Eindruck aufdrängt, dass der "Westkünstler" aus Bayern der sächsischen Provinz noch ungehörte Novitäten zu bringen hat. Es wird verhalten reagiert, artig mitgeklatscht, aber immer mit großer Sympathie für den vitalen Meister der Dreieinigkeit von Wort, Gesang und Klavier. Weckers brillante Fingerfertigkeit löst einen expressiven Rausch aus, seine Bonmots, die nie wie abgespult daherkommen, sondern stets spontan, auf jeden Fall ehrlich wirken, erzeugen Lachsalven, in deren Verklingen sich zustimmende Nachdenklichkeit mischt. Seitenhiebe aufs deutsche Fernsehen, zu dessen "Mutantenstadl" man wohl nur mit fleißig geübten Volksrhythmen Einlass erhält, bleiben ebenso wenig aus wie auf "seinen" Ministerpräsidenten, der nun selbst zum Frustrierten geworden ist.
Man ist sich einig, keine Frage. Und doch kein Deut Langeweile. Zumal es eine einfache Erklärung dafür gibt, dass einer wie Wecker beispielsweise nie vor Neonazis auftreten würde: Der Mann will schließlich verstanden werden!