Wer revoluzzt schon den ganzen Tag

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

09.03.2005

Quelle

General-Anzeiger Bonn

Autor / Interwiever

Marc Heinz

Konstantin Wecker im Beueler Brückenforum auf seiner Tour "Am Flussufer"

Von Marc Heinz

Beuel. Geheimnisvolle Percussionklänge und ein entspanntes Pfeifen erfüllen den Raum. "Was ist mit dem Wecker los?", räumt der Sänger schnell mit dem Verdacht auf, saft- und kraftlos geworden zu sein. "Vor 25 Jahren war ich ein Revoluzer, da preschte ich auf die Bühne und füllte den Saal mit Energie."

Heute pfeift er, aber nicht aus dem letzten Loch und singt: "Wer revoluzzt schon den ganzen Tag?" In den Jahren der rot-grünen Regierung scheint er tatsächlich zum "Reformerich" geworden zu sein, doch ganz sicher pfeift er nicht auf´s Leben. Nach Ausflügen in die Glamourwelt der Musicals kehrt er nun auf die schwankenden Planken des Konzertkahns zurück und strandet schließlich am Flußufer.

Wie der Junge im Song "Flaschenpost" hat auch Wecker den Traum vom unabhängigen, erfüllten Leben nie aufgegeben. "Ich habe in Ländern der sogenannten Dritten Welt arme Menschen getroffen, die reich waren an Freundlichkeit und Klängen." Einige dieser Rhythmen lässt er in seine Musik einfließen.

Zum ersten Mal arbeitet er mit dem facettenreichen Percussionisten Hakim Ludin zusammen. Das Experiment gelingt. Ein Hauch von Leichtigkeit ist zu spüren, unterstützt durch das zarte Klarinetten- und Flötenspiel von Norbert Nagel.

"Ich muss immer in mich hineinhorchen und warten, bis ein Lied aus mir rauskommt", verrät der Liedermacher seinem Publikum, "und dann denke ich: Donnerwetter, das geht also in dir vor." Dieser Mann, der "Stürme und Flauten" kennt wie kaum ein anderer, hält nicht viel von Kopf-hoch-Mentalitäten und Scheinheiligkeiten.

Wecker will gefallen, aber nicht um jeden Preis. Mit seinen Texten fängt er die Fallenden auf. Jenen, die glauben, rein statistisch noch nicht sterben zu dürfen, ruft er zu "Ja glaubt ihr denn wirklich, der Tod ist so dumm und hält sich an die Statistik?" Und dann geht der Gotthilf Fischer in ihm durch, der die Männer und Frauen im Brückenforum einen Kanon anstimmen lässt.

Bei den Zugaben nach drei Stunden dann doch noch die bekannten Schweißausbrüche des Münchner Kraftpakets. Der neue Wecker ist ganz der alte geblieben.