Immer noch hängt das Hemd aus der Hose

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.03.2005

Quelle

Bremer Nachrichten

Autor / Interwiever

Kerstin Spanke

Der Liedermacher Konstantin Wecker begeistert sein Publikum in der Bremer Glocke


BREMEN. "Man muss den Flüssen trauen", hat Konstantin Wecker einen Band mit "unordentlichen Elegien" einst betitelt. Derzeit traut er selbst den Flüssen und tourt mit seiner neuen CD "Am Flussufer" durch Deutschland. Dem Publikum in der voll besetzten Bremer Glocke pfiff der Liedermacher bei seinem Konzert erst mal einen, bevor er es knapp drei Stunden später restlos begeistert zurückließ.

Die Bühne ist in blaues Licht getaucht, die Band hat schon längst angefangen zu spielen, doch Wecker kommt lässig-langsam pfeifend auf die Bühne geschlendert und legt dann mit einem sanft-melancholischen Chanson los. "Das hätte es vor 25 Jahren nicht gegeben, da war ich Revoluzzer und bin auf die Bühne gestürmt", sucht Wecker gleich zu Beginn den Kontakt zum Publikum und zeigt, wie das einst aussah: Ein schneller Sprint zum Piano, und schont haut er mit selbstironischem Unterton seinen alten Song "Revoluzzer" in Tasten: "Aba wer macht si scho die Plog und revoluzzt den ganzn Dog."

Wecker kokettiert mit dem Alter, singt schon mal in "vorauseilender Solidarität" "Präposthum", einen Song über eine Art Aufstand der Rentner, "der einzigen revolutionären Kraft in Deutschland". Und ja, er ist älter geworden, auch wenn das Hemd immer noch locker über der Jeans hängt, die Haare sind grau - aber eben nur die. Von Altersruhestand ist bei dem 57-Jährigen noch lange nichts zu merken: In seinen Augen blitzt weiter das einst von den Kritikern beschriebene "Weckerleuchten", auf der Bühne, die von der pointiert eingesetzten Lichtregie lebt, strotzt er nur so vor Energie. Es gelingt Wecker intelligent, Titel aus den 70er Jahren mit neuen Stücken zu mischen. Tatsächlich sind die Wecker-Klassiker erschreckend zeitlos: Unverdrossen singt er mit seinem Anti-Nazi-Lied "Vaterland" gegen das Erstarken der Neonazis, ermahnt in seinem Lied "Sage nein!" zum Aufstehen.

Bei aller kritischen Ermahnung fehlt Wecker nach wie vor der belehrende Zeigefinger. "Seit 30 Jahren singe ich nun gegen Rassismus, Neonazis, Ungerechtigkeit. Was macht das für einen Sinn?", überlegt er und gibt sich in einem spitzbübisch-ironischen Couplet auf die Suche nach "dem Sinn vom Sinn", ohne den heute ja gar nichts mehr geht. Doch neben dem Sozialrebellen kommt auch ein anderer Wecker auf die Bühne, der das Publikum zu nicht weniger ausgiebigem Applaus animierte: Der Liedermacher, der es auch schafft, in wunderschönen Melodien die Irrungen und Wirrungen der Liebe zu beschreiben.

Mit dem Pianisten Jo Barnikel, Hakim Ludin an den Percussions und dem Saxophonisten Norbert Nagel hat Wecker drei versierte Musiker an seiner Seite, die den ganzen Abend mit tempo- und rhythmusreichem Spiel, pointierten Soli und emotionsgeladenen Improvisationen Weckers Zug durch 30 Jahre Liedermacherdasein gekonnt begleiten. Nach rund fünf Zugaben, nicht enden wollendem Applaus und manchem Seitenhieb gegen das Politestablishment verließ Wecker den durch seine publikumsnahe Art fast familiär gestimmten Saal und hatte wieder einmal bewiesen, dass auch graue Revoluzzer den Saal zum Beben bringen können.