Alle Kunst will Ewigkeit

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.03.2005

Quelle

Eßlinger Zeitung

Autor / Interwiever

Thomas Krazeisen

Der König ist tot - es lebe der König: Welturaufführung des neuen Kini-Musicals "Ludwig2" im Festspielhaus Neuschwanstein zu Füssen

Von Thomas Krazeisen

Füssen - Haben´s die Königstreuen nicht schon immer gewusst? Von wegen ertrunken - ermordet worden ist der Kini! Zwei Schüsse fliegen im Festspielhaus zu Füssen durch die Nacht, während der täuschend echt aussehende Schwanenroboter auf dem Bühnensee in aller Seelenruhe sein schneeweißes Federkleid zupft: symbolische Labsal nicht nur für stramme Royalisten. Warum sollte Ludwigs Lieblingstier auch Trauer tragen, wo doch der Schwanenritter noch lebt? "Sein Tod ist nie gescheh´n", singen denn auch seine Getreuen beim anschließenden Requiem eines Untoten im Brustton seliger Gewissheit vor einer akrobatischen Körper-Kathedrale, welche die Silhouette von Neuschwanstein zeigt.

"Der Mythos lebt" lautet der Untertitel der Neuauflage des Ludwig-Musicals, das jetzt im Festspielhaus Neuschwanstein - fünf Jahre nach der Singspiel-Premiere "Ludwig II. Sehnsucht nach dem Paradies" - seine Welturaufführung erlebte. Über fast vier Jahre hinweg lief diese Produktion in der dem Bayreuther Festspielhaus nachempfundenen Ludwig-Kathedrale vor der weiß-blauen Postkartenkulisse am Forggensee, ehe sie Ende 2003 den schnöden Insolvenzbach hinunterging. Doch das musicalische Interim währte nur kurz. Nun heißt es im Allgäuer Kiniherrgottswinkel an der Lech wieder: Der König ist tot - es lebe der König!

In Rekordzeit kreiert

Wofür andernorts zwei Jahre gebraucht wird, hat man hier in Rekordzeit auf die Beine gestellt: In nur sieben Monaten wurde das dennoch ausgereift wirkende neue Ludwig-Singspiel kreiert, welches nach dem Willen seiner Macher mehr nach großem Kino klingen sollte als das unkonventionelle Vorgängermodell aus der Feder des bayerischen Komponisten Franz Hummel. Und das tut es auch. Bei der Ludwig-Zweitverwertung haben Produzenten und Investoren, darunter zwei einheimische Gräfinnen, auf Profis aus Los Angeles und vom Broadway gesetzt, damit das böse Pleite-Gespenst, das einst des Märchenkönigs Dauerbegleiter war, aus der geschäftsträchtigen Zuckerbäckeridylle am Fuße seiner Traumschlösser verbannt werde. Und mit Konstantin Wecker haben die neuen Festspielhausbesitzer überdies ein Aushängeschild gewonnen.

Wecker zeichnet neben dem hollywooderprobten Filmmusiker Christopher Franke für die Komposition verantwortlich. Arrangeur Nic Raine ("Alexander") hat Ludwig2 ein massentaugliches Soundlifting verpasst, ordentlich Schmalz untergespritzt und subversive Operettenfältchen des alten Musical-Kini geglättet, um nicht zu sagen geplättet. Dafür glänzt die erstaunlich homogen wirkende Patchwork-Partitur mit kaum vermuteten Opernqualitäten, welche neben wohlkalkuliertem TV-Hohlklang immer wieder magische Momente zurückgekommener Belcanto-Seligkeit heraufzubeschwören vermag. Dass das Sentimentical an den Gestaden des um diese Jahreszeit abgelassenen Forggensees musikalischen Tiefgang zu bieten hat, liegt nicht zuletzt an den glänzend aufgelegten Sängern und dem Rumpf-Orchester des Festspielhauses, das unter Dirigent Bernhard Fabuljan zur fetten Konserven-Streichersoße eines Prager Orchesters im Graben kammermusikalische Häppchen serviert.

Ludwig, der Zweite, im Titel nicht unprätenziös ins Quadrat und ins Logo als janusköpfige Mischung aus juvenilem Schöngeist und nietzscheanischem Grübler gesetzt, hat aber auch optisch Potenz, hinter der sich klangvolle Namen der Unterhaltungsindustrie verbergen: Set-Designer Michael Curry, der bereits den Musical-Hit "König der Löwen" ausgestattet hat, wurde als Routinier ebenso ins Boot geholt wie die in Stuttgart geborene US-Starchoreographin Sylvia Hase. Was nach name-dropping klingt, kann sich im Festspielhaus Neuschwanstein allerdings mehr als sehen lassen. Der neue "Ludwig" geizt wahrlich nicht mit optischen Effekten. Dennoch ist ein ruhiger szenischer Bogen gespannt worden, der weniger durch High-Tech-Zauber als vielmehr durch klare Bilder und anrührende Theatralik zu bestechen vermag. Das Brüder-Duett "So kalt mein Herz, kalt die Hände", bei dem Ludwig seinen psychisch kranken Bruder Otto in der Nervenheilanstalt mit ergreifender Herzenswärme in die Arme schließt, ist solch ein Augenblick. Mit André Eisermann ("Kaspar Hauser", "Schlafes Bruder") ist die Rolle des armen Irren Otto nicht nur prominent, sondern schauspielerisch überzeugend besetzt. Gezeichnet ist der bayerische Prinz nicht nur vom Wahnsinn, sondern auch von seinem Kriegstrauma: Der Totentanz, bei dem mehrere Meter hohe Skelette zu dumpfen Schlachtenklängen das Kampf- in ein Leichenfeld verwandeln, ist einer der Höhepunkte des fast dreistündigen Abends.

Solch düsterer Prosa werden immer wieder Momente voller Poesie gegenübergestellt. So sieht man zum Kinderlied "Maikäfer flieg" den kleinen Ludwig zusammen mit Bruder Otto, den Cousinen Sisi und Sophie im Schattenspiel. Und in einer anderen Szene treffen sich der erwachsene Ludwig und seine "Rose von Possenhofen" zum unbeschwerten Pas de deux zweier freiheitsliebender Drachenkinder in einem Meer von 14 000 Rosen.

Kini clean

Ja, Ludwig "vom andern Ufer" hat in Conall Morrisons Inszenierung tatsächlich nur Augen für seine kunstsinnige Cousine Sisi - der üppig bebilderten Schwanenmetaphorik zum Trotz, die nicht nur für den strahlenden Gralsritter steht, sondern eben auch auf den zweigeschlechtlichen Apollo verweist. Die Regie macht überhaupt auf Kini clean. Ein altersloser Beau steht vor uns, der doch im wirklichen Leben am Ende weit über 100 Kilo auf die Wage brachte. Ludwig, die Zweite, hält mit intellektuellen Lust-Killern dagegen: "Alle Kunst will Ewigkeit", trällert der leidenschaftliche Gralssucher. Kein Wunder. Die Bausucht ist das einzige Laster, das die Regie dem Monarchen gestattet.

Halbwegs orgastisch reagiert Morrisons Wagner-Freak, Vorzeigepazifist und Proto-Investor Bavariae allenfalls noch, als man ihm die geile neue Telefontechnik vorführt: "Hallo, hier Wittelsbach . . ." Ansonsten: kein Frauenfrust, keine Fressattacken, keine sexuellen Aberrationen, keine Solotheaternummern. Von der Dämonie des Gebrochenen, dem das Leben unentwegt abverlangt, den Spuk dunkler Gewalten in sich zu bekämpfen, wie es bei Ibsen heißt, ist wenig zu spüren. Ludwig erscheint noch beim letzten Spaziergang, der Rahmenszene des Musicals, erstaunlich aufgeräumt. Er bleibt Herr seiner Sinne und Herr seines Absetzungsverfahrens. Ein Inbild des souveränen Staatslenkers, der sogar über den eigenen Ausnahmezustand entscheidet und sich schließlich dem Gemeinwohl seines Landes opfert: Was bleibt, sind seine in Stein gehauenen Träume, seine humanistischen Ideale, seine technischen Visionen. Und das ist dann die Moral von der Geschicht´: Was der Kini getan hat, das hat er für den Wirtschaftsstandort Bayern, das hat er für uns alle getan. Seinem karrieresüchtigen Psychiater Gudden, der mit dem Kabinett drüben in München gemeinsame Sache macht, kann dieser weise Herrscher am Ende auch nicht wirklich böse sein: "Wir alle können schließlich nicht aus unserer Haut." Das sagt der entmündigte König allen Ernstes. Aber es gibt im Festspielhaus auch Witziges anzuschauen: Wie der Krach im Hause Wittelsbach in einer comedyreifen Tafelszene von Max dem Rüpel (Norbert Lamla) vom Zaun gebrochen wird, hat schon Klasse.

Weicher Standortfaktor

Eine Klasse für sich im sehr geschlossenen Ensemble ist Jan Amman. Der Titelheld überzeugt nicht nur darstellerisch als "weicher" Faktor weiß-blauer Modernität. Er stemmt, teilweise gegen schier erdrückende Playback-Lasten, seine mörderische Titelpartie mit überaus geschmeidigem, auch in der Höhe kernigem Bariton. Schlicht betörend das vokale Changieren zwischen tiefer Depression und manischer Mission nach einer Engelserscheinung (Christine Kaufmann) in "Kalte Sterne". Die poliert Suzan Zeichners Kindermädchen Sibylle dem "Lohengrin" Wiggerl mit ihrem Gutenacht-Lied "Mein Ritter" auf fühlbare Seligkeitsgrade.

Janet Chvatals Sisi versteht mit lyrischem Sopran die vereisten Rosen ihrer vor verschlossenen Toren ausharrenden "Kavaliere" aufzutauen. Eine späte Entdeckung des Abends ist Bruno Grassinis Schattenmann. Ehe er Ludwig und Gudden schweigend von der Bühne geleitet, leuchtet der Bote der Nacht mit baritonalem Glanz jener nicht mehr verstummenden Wahrheit des weiß-blauen Mythos´ den Weg, die im Abschiedslied so solenn beschworen wird: "Unser König lebt!"

Vorstellungen: dienstags bis freitags 19.30 Uhr, samstags 14.30 Uhr und 19.30 Uhr, sonntags 14.30 Uhr. Die Karten kosten zwischen 15 und 110 Euro. Infos und Reservierung: Tel. 08362/50 77 333.