Der Kraftprotz träumt zuweilen vom Liegenbleiben

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.03.2005

Quelle

Stuttgarter Zeitung

Autor / Interwiever

Michael Werner

Das Konzert von Konstantin Wecker im Hegelsaal der Liederhalle lässt erleben, wie ein Liedermacher die Kunst des Verweilens entdeckt

Von Michael Werner

Wenn Konstantin Wecker früher Klavier spielte, dann war das meistens so, als seien Stahlträger von Baukränen geplumpst, mitten in die Tasten hinein, und dort hüpften sie dann keck herum. Dann rollte er sein "R" so, dass es Lawinen hätte auslösen können, droben in den Bergen, die von München aus nicht unerreichbar sind. Er war der Kraftprotz der Dichtkunst, der Aufspießer mit der Mistgabel, der lyrische Explodierer.

Jetzt singt Konstantin Wecker im Hegelsaal der Liederhalle von seinen Träumen, und einer von ihnen besteht darin, "auch einmal liegen zu bleiben, statt ,bleib nicht liegen" zu schreiben". "Vom Sinn" heißt das entsprechende Lied bezeichnenderweise, das vereint, was in Weckers Leben nicht immer eng umschlungen ging: zarte Selbstironie, verschmitzte Aufrichtigkeit, ja, und die Jahre auch. Er ist jetzt 57, längst verheiratet, glücklich, wie man glauben möchte, wenn man die innigen, wunderschönen Liebeslieder auf seinem neuen Album "Am Flussufer" hört. Man denkt, er kann es jetzt erst richtig genießen, das Verweilen am Ufer. Und man ahnt, dass er früher wohl öfter hineinsprang in den Fluss, sich forttreiben ließ oder wenigstens darüber nachdachte, ob nicht gerade der richtige Zeitpunkt wäre, um mit einem Floß zum Meer zu fahren.

Der neue Wecker, dem Rastlosigkeit ganz fremd zu sein scheint, kommt pfeifend auf die Bühne geschlichen und spielt dann spaßeshalber nach, wie energisch das früher vonstatten ging: "Vor 25 Jahren wusste ich, wer ich war. Da war ich Revoluzzer." Und gierig war er - nach Leben. Seine neuen Lieder künden davon, dass er das immer noch ist. Bloß hat er wohl für sich entschieden, dass die Fische am Flussufer ohnehin vorbeischwimmen, dass man ihnen nicht unbedingt hinterherhechten muss. Er singt den "Revoluzzer" dann, durchaus kraftvoll, keineswegs ermattet, aber eben nicht mehr so, als würde er gerade über brennende Barrikaden springen. "Genug ist nicht genug" singt er aber nicht. Nicht für die Menschen, denen von anderen dauernd nahe gelegt wird, sie sollten den Gürtel so lange enger schnallen, bis er die einzige Verbindung zwischen Hirn und Unterleib und Haxen bleibt. Und auch nicht mehr für sich selbst.

Konstantin Wecker lässt sich umwehen von einer sanften, zuweilen wirklich unerwartet auffrischenden Brise exzellent gemachter Musik. Es wird Kammerpop gespielt, wie in den ganz frühen Jahren mit dem Team Musikon. Jo Barnikel glänzt an einem versiert liebkosten Keyboard, Norbert Nagel malt mit allerlei Saxofonen, Querflöten und Klarinetten die Regenbögen übers Liedgut, vor denen sich Wecker immer noch staunend verneigt, und Hakim Ludin streichelt überaus präzise seine Percussionisten-Sammlung. Wecker selbst streut Perlenklänge aus seinem Flügel, so verliebt in die Musik, als sei dies seine erste Tournee, so routiniert, als spiele er auch nachts im Schlaf. Dazu der warme Erzählgesang, der immer wieder zur Oper gerinnt. Stimmlich brodelt es im Wecker immer noch vulkanisch; lyrisch hat er zu einer inneren Ruhe gefunden, die ihn so stark macht wie lange nicht mehr. "Kein Sommersonntag würde je verblassen", singt er im verwegen sentimentalen Lied "Das ganze schrecklich schöne Leben". Früher, da hätte er grelle Scheinwerfer auf die Sommersonntage gerichtet. Heut freut er sich an satter Natur und weiß, dass der Sommer nicht mehr weit ist.

Das Lied, das davon handelt, ummantelt Wecker diesmal mit feinem Jazz, lässt dort für Improvisationen Raum, wo er früher frühjahrstrunken dem saisonalen Wechsel entgegeneilte. Er ist "Wieder im Leben", singt er und vermittelt drei Stunden lang den Eindruck, als fühle er sich ebendort so wohl wie nie zuvor. Der Angekommene zelebriert die Schönheit seiner Kunst, die Macht seiner Worte in einem triumphalen Verweilkonzert.