Stille und Engagement

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

30.03.2005

Quelle

What Is Enlightenment

Autor / Interwiever

Thomas Steininger

Interview

Konstantin Weckers "Genug ist nicht genug, genug kann nie genügen!" war ein Lied, dem es gelang, die Sehnsüchte einer Generation in Worte und Töne zu fassen. Doch in Weckers dunklen Jahren mit Kokain und Gefängnis bekamen diese Zeilen einen ganz anderen Klang. Und jetzt, Jahre später, lässt er mit einem Buch aufhorchen, dessen Titel "Der Klang der ungespielten Töne" von einem ganz anderen, vielleicht auch neuen Konstantin Wecker zeugt. "What Is Enlightenment" sprach mit Konstantin Wecker über Stille und Politik, über Spiritualität und Engagement.

What Is Enlightenment: Herr Wecker, als ich Ihr neues Buch las, war ich sehr überrascht, wie tief Sie dort in die Spiritualität hineingehen. Ich kenne Sie ja noch als Teenager, als ich stundenlang vor Ihren Platten lag, und Liedertexte wie "Nur die Götter gehn zugrunde, wenn wir endlich gottlos sind" mich damals als Jesuitenschüler sehr beeindruckt haben. Offensichtlich hat sich da was verändert ...

Konstantin Wecker: Nun, der Satz ist sehr interessant. Ich stehe nach wie vor zu ihm, weil ich glaube, dass die Zerschlagung der Götzen, die uns in den verschiedenen Religionen angeboten werden, nicht nur notwendig ist, sondern zugleich auch eine große Chance. Ich sehe das im Moment wirklich als eine ganz große Chance, wenn wir nicht den Fehler machen, uns an ihrer Stelle neue Götzen aufzubauen, wie zum Beispiel den Materialismus oder, im Moment, den Kapitalismus. Gott ist etwas, was ich im Laufe meines Lebens - als Wort und vor allem als Bild, das ich vielleicht auch schon als Jugendlicher von ihm hatte - mehrfach zertrümmern musste, um es jetzt wieder völlig ohne Probleme verwenden zu können.



WIE: Brauchen wir denn Spiritualität? Wenn Sie davon gesprochen haben, dass wir eine Spiritualität für das neue Jahrhundert brauchen, was meinen Sie damit?

Wecker: Ich meine damit, dass unsere einzige Chance, Feindbilder und ideologische Weltbilder abzubauen, darin besteht, dass wir auch in uns selbst blicken. Ich habe einmal in einem Text geschrieben: Wie oft tarnt man - tarnte auch ich - die eigene Ungereimtheit mit rebellischen Versen. Also, der erste Punkt muss immer ein In-Sich-Blicken sein und der Versuch, in der Stille etwas zu erkunden, was mit der Intellektualität nicht erfassbar ist.

WIE: Sie nennen das Spiritualität. Was Sie beschreiben, könnte man ja auch als Innerlichkeit oder als psychotherapeutische Innenschau sehen.

Wecker: Sie haben völlig recht. Doch die Innerlichkeit und die therapeutische Innenschau enden bei der Beschäftigung mit sich selbst. Die Spiritualität geht tiefer und verbindet uns mit Allem und allem Sein. Dazu muss ich etwas von mir erklären. Ich habe vor jetzt fast zehn Jahren einen wirklich großen Zusammenbruch gehabt, der natürlich mein Leben sehr verändert hat. Vor diesem Zusammenbruch war ich nur noch eine Kopie meiner selbst. Also das, was man in mich hinein interpretiert hatte, habe ich versucht zu leben, obwohl ich es eigentlich schon gar nicht mehr war: Der ewig Starke, der ewig Powervolle, der ewig Leidenschaftliche, der Unzerstörbare, der Lebemann, der Mensch des "Genug ist nicht genug" - das war ich nicht mehr, aber ich wollte es noch anbieten. Und auf diese Weise habe ich begonnen, mich zu kopieren. Und dann kam dieser Zusammenbruch. Ich habe da ein ganz entscheidendes Erlebnis gehabt. Es war im Gefängnis, schon in den ersten Tagen. Dazu muss ich als Parenthese einschieben: Dieser Gefängnisaufenthalt war genau das, was ich eigentlich 20 Jahre lang gebraucht hätte - endlich wieder einmal mit mir allein zu sein, ohne mich dauernd abzulenken. Dort habe ich in ein paar Stunden mein Leben, Teile meines Lebens, aus der Sicht anderer gesehen und gespürt, aus dem Erleben der anderen. Ich habe gefühlt, wie mich Menschen empfunden haben, denen ich etwas angetan habe, im Streit, indem ich sie angeschrien habe, oder auch, indem ich selbstgerecht war. Ich habe mich wirklich von außen betrachten können, und das war nicht angenehm, das muss ich Ihnen sagen. Ich habe da einen Konstantin Wecker gesehen, von dem ich mir nicht eingestanden hatte, dass er so sein könnte. Und das war vielleicht wirklich ein Schlüsselerlebnis. Ich habe zu meditieren begonnen und habe dann die ersten Jahre sehr, sehr intensiv und sehr demütig - ich muss sagen, dieses Wort Demut ist da zum ersten Mal richtig zu einem lebendigen Wort für mich geworden - begonnen, mich wieder zu entdecken, oder das zu entdecken, was hinter diesem Ich, an das ich sowieso nicht mehr so recht glaubte, was hinter diesem Ich wohnen und lauern könne. Und das war ein Schritt in eine neue Welt, die nur deswegen nicht so ganz neu war, weil ich sie als Jugendlicher ein paar Mal erlebt hatte. Ich hatte einige Erlebnisse, wo ich mir sehr sicher war, dass es dieses Andere gibt - anders kann ich es im Moment nicht ausdrücken, diesen Bereich eben, der nicht mit der Ratio zu erfassen ist, diesen Bereich des Göttlichen. Sehr viel weiter bin ich nicht gekommen. Ich habe auch angefangen, das Gebet wieder zu entdecken. Ich weiß noch genau, wie ich mich geschämt habe, vor mir selbst zu beten. Doch ich habe mir dann gedacht: Was ist eigentlich los, wieso schäme ich mich, zu Gott zu beten? Was ist der Grund für diese Scham? Nun, der Grund ist gesellschaftliche Ächtung - die gesellschaftliche Ächtung der Spiritualität. Diese Scham muss man wohl überwinden können. Und dann habe ich mich sehr mit der christlichen Mystik beschäftigt; das ist nach wie vor die Form von Spiritualität, die mir von ihren Bildern her am nächsten ist.

WIE: Was mich sehr beeindruckt hat, ist, dass Sie sagten, dass das Wichtige an Ihrem Erlebnis im Gefängnis war zu sehen und zu erleben, wie andere Sie empfunden haben. Das finde ich bemerkenswert, weil in der Spiritualität, wie man sie heutzutage versteht, eigentlich von dieser Ebene, die ja eine moralische Ebene ist, oft nicht die Rede ist.

Wecker: Ja, eine Aussage von Ken Wilber hat mich hierzu ausgesprochen beeindruckt: Er sagt, dass die Religion zwar für die meisten Menschen die Funktion hat - was auch gar nicht so schlecht ist - eine gewisse Beruhigung, eine gewisse Sicherheit zu geben; dass aber eigentlich Religion in ihrem tiefsten Sinne etwas ist, das zuerst einmal verunsichert, etwas, das einen auch in tiefste Nöte und Stürme stürzt. Es hat mich sehr beeindruckt, dass Glaube nicht unbedingt, sagen wir einmal, dieses narzisstische Gefühl ist, sich ein noch angenehmeres Dasein zu verschaffen - was ich bei vielen so genannten Esoterikern spüre, und was auch zu einer unglaublichen Arroganz führen kann.

WIE: Ja.

Wecker: Ich habe immer das Gefühl, dass es ja schön und gut ist, wenn sich jemand erleuchtet nennt, doch mich interessiert zuerst einmal die Güte; wo entdeckt man eine wirkliche, wie Albert Schweitzer es so schön nennt: tätige Hingabe. Verstehen Sie, was ich damit meine?

WIE: Absolut. Es scheint, dass Ihnen auch die Verbindung von Politik und Spiritualität sehr am Herzen liegt.

Wecker: Ich habe ja immer einen leichten Kampf mit Freunden aus dem politischen Lager - denen, die ausschließlich politisch denken. Wenn ich ihnen mit dem Thema Spiritualität komme, dann stellen sich bei einigen die Zehennägel auf. Das ist sehr schade, denn ich sage immer, dass es keine neue Politik ohne eine neue Spiritualität geben kann, das ist nicht möglich. Wir werden keine menschenwürdige Politik machen können, wenn sie nicht auch von einer großen Spiritualität durchtränkt ist. Und es gab mal eine schöne Ausgabe bei "What Is Enlightenment", in der einige spirituelle Führer der Welt beschrieben haben, wie notwendig es ist, sich gerade in der heutigen Zeit zu engagieren, sich wirklich für Menschen zu engagieren, sich gerade als spirituelle Menschen, wie das am Dalai Lama sehr schön zu sehen ist, auch einzumischen ins Weltgeschehen.

WIE: Kann man auch umgekehrt fragen: Warum braucht das Weltgeschehen Spiritualität?

Wecker: Weil es sonst gar keinen Grund für die Existenz des Menschen gäbe. Ich muss da wieder von mir persönlich ausgehen. Was mir den Halt gibt, weiter leben zu wollen, ist garantiert nicht der Erfolg - wobei ich nicht ausschließen möchte, dass das früher der Fall war. Sehr viel früher. Es ist auch nicht, so schön er auch ist, der Beifall der Leute im Konzert. Es ist nicht einmal dieses wunderbare Erlebnis, im Konzert für ein paar Minuten - es passiert nicht dauernd, aber ein paar Minuten - wirklich aus der Zeit gehen zu können, obwohl ich immer sagen muss, wie dankbar ich sein muss, das erleben zu dürfen. Nein, es ist diese Anbindung an etwas, das ich nicht beschreiben kann.

WIE: Hat das auch Bedeutung auf einer zwischenmenschlichen, auf einer gesellschaftlichen Ebene?

Wecker: Ja, wir haben vorhin vom Gewissen gesprochen. Das ist einer der faszinierendsten, fast schon kann man sagen: Gottesbeweise. Der Mensch hat ein Gewissen. Natürlich kann man immer wieder erklären, dass Gewissen auch abhängig ist von gesellschaftlichen Zuständen, keine Frage! Und trotzdem gibt es immer wieder, Gottfried Benn sagt es so schön, dann plötzlich Blüten - zum Beispiel Menschen, die aus einer Erziehung kommen, von der man sagen würde, dass aus diesem Elternhaus nur ein Nazi entstehen kann - Blüten, die allem widersprechen. Sie widerlegen, dass die Erziehung alles sein könne, dass die Genetik alles sein könne. Sie machen aus irgendeinem Grund spürbar, dass es ein Gewissen gibt und dass dieses Gewissen, so glaube ich, wirklich in jedem Menschen wohnt. Das ist der Antrieb, der eigentliche Antrieb und muss der Antrieb für die Menschheit sein, zu einer neuen Entwicklungsstufe zu kommen. Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich denke schon, dass ein Sinn in dieser ganzen Schöpfung liegt. Und dieser Sinn liegt ganz bestimmt nicht darin, sich zum Barbaren zurück zu entwickeln.

WIE: Aber dieser Sinn ist für viele nicht offensichtlich ...

Wecker: Ich habe festgestellt, dass man mit Menschen, die einmal einen Schmerz empfunden und, vor allem, angenommen haben - einen großen Schmerz - auf eine ganz andere Weise sprechen kann, als mit denen, die diesen Schmerz entweder noch nicht gespürt haben oder ihn immer weg drücken. Und im Buddhismus wird es ja auch beschrieben, in der Legende von Buddha, der in einem Palast aufwuchs, in dem es keine Sterblichkeit gab, kein Alter und keinen Hunger. Sein Leben und seine Erkenntnis begannen eigentlich erst in dem Moment, als er aus dem Palast herausging, als er merkte, dass es Alte gibt, Sterbende. Wir alle in unserer Gesellschaft leben indiesem Palast. Vielleicht ist ja so etwas wie dieser schreckliche Tsunami jetzt im Indischen Ozean auch eine große Chance, ja, bei aller Schrecklichkeit. Dieses grauenvolle Erlebnis sollte bei uns auch etwas Innerliches bewirken. Zum Beispiel beim Thema Fremdenfeindlichkeit, das bei uns in Deutschland jetzt wieder sehr aufkommt. Ich glaube, sehr viele Leute, die die Katastrophe überlebt haben, die zurückkamen, haben sich wirklich gewundert. Im Fernsehen sah man viele, die mit glühenden Augen von der aufopfernden Hilfsbereitschaft der Muslims, Buddhisten und Hindus erzählt haben, die manche hier so gerne aus dem Land jagen würden.

WIE: Wir leben in einer stark vom Narzissmus bestimmten Zeit. Die Generation nach dem zweiten Weltkrieg wird doch einmal als die Ich-Generationin die Geschichte eingehen. Vielleicht ist ja die Menschheitsgeschichte bis in die 60er Jahre hinein ein Individuationsprozess, in dem das Ich ausdifferenziert worden ist, bis es nicht mehr weiter ging. Und jetzt fangen die Menschen an zu entdecken, dass unsere Existenz etwas Tieferes ist als diese getrennte Wahrnehmung von Ich und Du.

Wecker: Das wiederum ist aber nur durch Spiritualität zu erfahren. Dieses Zusammensein ist nur, und das ist auch ein Hauptthema meines Buches, über die Stille zu erfahren. Und da muss natürlich viel getan werden. Denn gleichzeitig mit dem Narzissmus, und das ist ja auch logisch, hat nämlich der Lärm zugenommen - der Lärm und die Ablenkung. Der Lärm ist, wenn man so will, ein Hilfsmittel des Narzissmus, weil er davon ablenkt, dass man in die Stille geht. Er gibt einem immer die Chance, aus der Stille, die sich ab und zu vielleicht auch einmal zufällig ergibt, sofort wieder herauszutreten. Die Stille ist vielleicht das Wichtigste, was wir im Westen hier wieder erlernen müssen. Daher halte ich mein Buch Der Klang der ungespielten Töne auch fast für ein politisches Buch. Ich glaube, es hat sich seitdem zweiten Weltkrieg etwas entwickelt, was früher nicht annähernd so der Fall war: dass nämlich die Musik streckenweise ausschließlich dazu verwendet wird, um damit Geld zuverdienen. Ich glaube, ein sehr wichtiger Punkt in diesem Buch ist der Moment, in dem Anselm Hüttenbrenner in der Schallplattenfirma den Tönen anmerkt, dass sie nur aufs Geldverdienen aus sind. Ja, man kann es dem einzelnen Ton anhören. Es muss gar nicht das Drumherum sein, nicht die Show selbst, sondern ein solcher Ton ist eben ein anderer als einer, der aus der Wahrhaftigkeit des Musikmachen-Wollens, aus der Notwendigkeit des Musikmachen-Wollens entsteht.

WIE: Wenn man von der heutigen Zeit spricht und sich dann anschaut, was jetzt im New Age geschieht und was heute unter Spiritualität verstanden wird, glauben Sie, dass hier ein Aufbruch zu etwas Anderem sichtbar ist, und wenn ja, wie, meinen Sie, wird sich das darstellen?

Wecker: Wir müssen die Lager vereinen, so banal das auch klingen mag. Wir müssen die Leute aus dem ernsthaften spirituellen Lager mit denen vereinen, die auch ganz ernsthaft politisch und gesellschaftlich engagiert sind. Uns eint beide eigentlich dasselbe. Ich habe so viel in der Friedensbewegung hier zu tun, da sind so wunderbare Menschen dabei, denen man in einer gewissen Weise die Angst vor dem Wort Spiritualität nehmen müsste. Und umgekehrt müsste man vielen aus dem spirituellen Lager die Angst vor der Politik nehmen.

WIE: Hat diese Angst vielleicht mit dem Phänomen zu tun, das Sie im Vorausgegangenen als spirituellen Narzissmus bezeichnet haben? Dass nämlich viele spirituelle Menschen hauptsächlich an ihrem persönlichem Wohlgefühl interessiert sind, dass sie einen bestimmten emotionalen Zustand erreichen wollen, und dass es ihnen damit genug ist?

Wecker: Ja, genau, genau.

WIE: Hier trifft sich der Narzissmus mit der Spiritualität.

Wecker: Das ist auch der Punkt, an dem die Leute, die sich gesellschaftlich engagieren, eben zu Recht sofort Abstand nehmen wollen. Und auf der anderen Seite finde ich finde den Ansatz, sich an die Leute der Wirtschaft, an ihr Gewissen zu wenden, sehr wichtig. Vielleicht ist das sogar der entscheidende Ansatz, denn die Politiker haben nicht sehr viel zusagen. Diejenigen, die die Welt derzeit führen, sind Wirtschaftsleute, und es sind die Superreichen. Und ich würde mir wünschen, dass es Möglichkeiten gäbe, jenseits der Öffentlichkeit, also nicht nur in Talkshows oder Ähnlichem, wo jeder seine Rolle spielen muss, Gespräche zu führen mit Leuten, die in der Wirtschaft zu tun haben und die bereit sind, umzudenken und von dieser unendlichen Gier loszulassen, die so sehr viele erfasst hat. Neulich habe ich im Fernsehen 96 ich mochte meinen Ohren nicht trauen 96 einen Reeder gehört. Reeder, das sind ja nun nicht die Ärmsten der Welt. Dieser Mann hat wirklich sehr unspektakulär gespendet und sich in einer Art und Weise gegen Neoliberalismus und Krieg ausgesprochen, dass ich richtig von den Socken war. Da war auch mein altes Feindbild wieder - Gott sei Dank - sehr erschüttert!