Er hat den Biss und den Blues

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

27.04.2005

Quelle

Oberösterreichische Nachrichten

Autor / Interwiever

Ulrike Steiner


"Er hat den Namen abgelegt wie einen Ranzen..." Pfeifend schlendert am Montag ein entspannter Konstantin Wecker im Linzer Brucknerhaus auf die Bühne, singt von der Leichtigkeit des Seins. Nach mehr als drei gemeinsam verbrachten Stunden ist klar: "Alles ist anders - und doch wie es war."

"Am Flussufer": der Titel des aktuellen Wecker-Albums und seiner Tour 2005 könnte den Eindruck von Beschaulichkeit erwecken. Damit aber hat der Wecker im 58. seiner bewegten Lebensjahre nichts im Sinn - auch wenn er auf den ersten Blick daherkommt wie ein Altersteilzeitler mit doppeltem statt halbiertem Salär.

Nach dem lockeren Opener "Dem Mond entgegen" umgehend Landung in der Realität. Wecker und das Gros seines Publikums können heute nur mit einem kräftigen Schuss Abgeklärtheit und Selbstironie den "Revoluzzer" (1982) anstimmen. Aber jede Alters-Koketterie hört sich auf bei "Vaterland" (1979), der ewig aktuellen Absage an Neo-Faschismus und Rassismus. Jetzt ist das Publikum ganz bei ihm und die weiße Rose, die nach der Zeile "Da machas dafür deine Kinder kaputt" hinaufgereicht wird, führt die Gedanken zurück bis zum Tod der Geschwister Scholl im Widerstand gegen Nazi-Deutschland.

Aber auch der andere Wecker ist höchst lebendig, schlägt bruchlos eine Brücke vom neuen Liebeslied "Was immer mir der Wind erzählt" zurück zu "Was ich an dir mag". Nichts ist ihm abhanden gekommen von der Intensität, die ohne "Schwülstigkeit und Flieder" auskommt, wenn er einem einzigen Menschen sagen will, dass ohne ihn die Welt auseinanderbräche.

"Das ganze schrecklich schöne Leben", vom "Wiegenlied" für ein traumatisiertes Kriegskind bis zum "präposthumen" Aufgegehren eines Rentners gegen die Erben-AG breitet sich aus, wird souverän mitgetragen von Konstantin Weckers musikalischen Bühnenpartnern.

Erweiterter Weckerklang

Norbert Nagel ist mit Klarinette, Saxophon und Flöte die kongeniale Begleitstimme, Jo Barnikel an Piano, Hammond und Trompete das perfekt grundierende Einmann-Orchester und Percussionist Hakim Ludin erweitert die vertrauten Weckerklänge um Herzschlag und Poesie der Weltmusik.

Der neue Wecker, sublimer, reifer, differenzierter, lässt natürlich auch den alten Kraftlackel einmal kurz den Bösendorfer bespringen, beschwört den bayerischen Blues, bis der Saal kocht, gibt seinen Senf zur Papstwahl, stellt die große Sinnfrage und verausgabt sich nach der offiziellen Spielzeit in einer grandiosen Vierer-Session, in der alte Hadern wie "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" (1976) und das "Frühlingslied" (1994) die erstaunlichsten Knospen treiben und in einem instrumentalen Blütenfeuerwerk explodieren. Jubel bis an die Erschöpfungsgrenze.

Termine: "Am Flussufer", 5. Juni in Passau (Residenzplatz) und 5. August, Burg Clam