Ein Mann auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

05.05.2005

Quelle

Nürnberger Nachrichten

Autor / Interwiever

Steffen Radlmaier

In alter Frische: Das umjubelte Konzert von Konstantin Wecker in der Nürnberger Meistersingerhalle

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist, zieht der Wecker durch die Lande, um die Menschen schon mal innerlich aufzuwärmen. Der Münchner Mut- und Liedermacher hat nach einer persönlichen und künstlerischen Krise seine alte Form längst wieder erreicht. Konstantin Wecker ist ganz der Alte, aber auch ein bisschen weiser und selbstironischer geworden.

In der Nürnberger Meistersingerhalle endete eines der besten Wecker-Konzerte seit langem nach über drei Stunden mit Standing Ovations. Der Mann hat wieder Power, Witz und Biss, schlägt wie früher poetische und politische Töne an, doch die Wut von einst ist heiterer Melancholie gewichen. Lieder können die Welt nicht verändern, lautet seine (Selbst-)Erkenntnis, aber sie müssen trotzdem sein. Resignation ist jedenfalls Weckers Sache nicht. Angesichts der deutschen Zustände frotzelt er: "Ich kann das Wort ´Reformen´ nicht mehr hören. Was sollen Reformen? Da hilft doch nur eine ordentliche Revolution." Und revolutionäres Potential entdeckt er nicht bei der Jugend von heute, sondern bei den Rentnern. Ja, der Wecker (57) geht mit der Zeit.

Im Mittelpunkt des Abends stehen die Lieder des aktuellen Albums, das sich um "Das ganze schrecklich schöne Leben" dreht. Mit allen Höhen und Tiefen. Das Abenteuer der Liebe gehört ebenso dazu wie die Wunder der Kindheit und die Wunden des Alltags.

Konstantin Wecker beschönigt nichts und versöhnt seine Zuhörer doch mit der Wirklichkeit, die oft nicht so ist, wie sie sein sollte. Musikalisch klingt das frischer und abwechslungsreicher denn je: Kammermusik, Jazz, Blues und neuerdings sogar südamerikanische Rhythmen verbinden sich zu einem unerhörten Wecker-Sound. Großen Anteil daran haben seine drei wunderbaren Musiker: Der Pianist Jo Barnikel und der Saxofonist Norbert Nagel, die langjährigen Weggefährten aus Nürnberg, sowie seit kurzem der Percussionist Hakim Ludin aus Afghanistan. Sie helfen den mitunter schwerblütigen Versen elegant auf die Sprünge.

Weckers wilde Zeiten sind endgültig vorbei. Das ist nicht schlimm, denn Weckers Zeit ist noch lange nicht vorbei. Seine Lieder vom Leben, von der Liebe und vom Tod sind unverändert aktuell.