Gereifter Jahrgang aus Bayern

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.02.2005

Quelle

Thüringer Allgemeine

Autor / Interwiever

Matthias Huth

Sie lieben ihn trotz oder wegen seiner gelebten Achterbahnfahrten. Wecker ist wie ein guter Jahrgangswein - je gereifter, umso vollmundiger und besser. Früher forderte er stündliche Sonnenuntergänge, jetzt sitzt er "am Flussufer" und sinniert. Dabei spiegelt er kreativ sein bisheriges Schaffen, und fördert voller Lebensweisheit neue Entdeckungen aus sich heraus.

Es gibt Wiederbegegnungen an diesem Dienstagabend in der ganz gut gefüllten Weimarhalle. Der pianistisch kraftvolle "Revoluzzer", die bittere Erzählung vom "Vaterland" und dem Erstarken der Rechten und die Satire "Stilles Glück, trautes Heim" sind zeitlose Wecker-Klassiker, die durch ein musikalisch versiertes Begleittrio aufgefrischt und aufgewertet werden. Keyboarder Jo Barnikel, Norbert Nagel an Saxophon und Flöten sowie der afghanische Perkussionist Hakim Ludin bringen stilistische Vielfalt, besonders bei latinoorientierten Liedern wie "Feine Gesellschaft". Manchmal fehlt den Begleitprofis allerdings des Frontmanns anarchisches Element, aber das ist vielleicht ein Tribut der Unterordnung.

Konstantin Wecker kokettiert anfangs mit Alter und Brille, watscht dann Börsianer und gierige Erben ("Präposthum") ab, bis er den ersten Teil mit der tiefgründigen und poetischen Kindheitserinnerung vom "ganzen schrecklich schönen Leben" beendet. Der Abend lebt auch von kraftvollen Appellen und punktgenauer Lichtregie, findet sein Zentrum aber in der Besinnlichkeit. "Lass mich einfach nicht mehr los" ist eines der besten und reifsten Liebeslieder aus Weckers Feder. Und wenn ihn der "Wedam", der bayerische Blues packt, dann spricht auch sein innerer Schelm, der dann im übermütigen Couplet "Vom Sinn" ausbricht und das Konzert beschließt, ehe ein ausführlicher Zugabenteil mit Scatgesang und dem "Sommer, der nicht mehr weit ist" folgt.

Schluss und Höhepunkt ist "Schlendern", eine Hymne an die Stille und gegen die Hektik der Zeit. Und damit begrenzt Wecker bewusst die stehenden Ovationen, denn ein solch guter Jahrgang muss auch in Ruhe ausklingen.