Der Liedermacher Konstantin Wecker erntete im Kieler Schloss stehende Ovationen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.03.2005

Quelle

Kieler Nachrichten

Autor / Interwiever

Stefan Rathje

Älter ist er schon geworden - und ruhiger. Und eine Brille braucht er jetzt auch. Doch dieses fröhlich-anarchische Leuchten in den Augen blitzt wie eh und je ins Publikum, das zwar mit Konstantin Wecker gemeinsam älter geworden ist, aber ihm über all die Jahre die Treue hält.

So manche im Saal waren auf Nachfrage schon vor 25 Jahren im Konzert mit dabei. Wecker gefällt das sichtlich - und die gelungene Verknüpfung alter und neuer Lieder aus der aktuellen CD "Am Flussufer" spannen einen fast zeitlosen Bogen über "Eine ganze Menge Leben".

Ein Blick auf die Uhr - erst 22.35 Uhr - der Meister hängt noch eine Runde dran. Konstantin Wecker, verheiratet, Vater zweier kleiner Kinder, ist einerseits zwar noch immer der alte Sozialrebell, der mit Liedern wie Wenn die Börsianer tanzen gegen Stellenabbau nach Ackermann´schem Gusto ansingt und sich unverdrossen gegen die nie ganz verebbende Nazi-Welle stemmt: "Misch dich ein - sag´ nein." Vor 25 Jahren sei er wohl ein ziemlicher Revoluzzer gewesen - "aber wer macht si schon di Ploag und revoluzzt an ganzen Doag". Andererseits ist der Liedermacher aber auch ein einfühlsamer Poet, der es wie kaum ein Zweiter versteht, Gefühlsschattierungen des Lebens und der Liebe zu beschreiben und in Musik zu übersetzen. Das ist schon immer seine große Stärke gewesen: die eigenen Lieder, wie etwa Das ganze schrecklich schöne Leben, am Klavier zu begleiten - kraftvoll mitreißend, dann plötzlich wieder leise und nachdenklich. Da mag mitunter ein Vierteljahrhundert dazwischen liegen, aber auch hierin bleibt er sich treu - durch alle Veränderungen hindurch.

Auf der Bühne quellen der Sänger und seine hochvirtuosen Kollegen Norbert Nagel (Saxophon, Klarinette, Flöte), Jo Barnikel (Keyboards) und Hakim Ludin (Percussion) über vor Spielfreude - ein jeder von ihnen weiß nicht nur in seinen solistischen Freiräumen zu begeistern, auch und gerade in den offenen Passagen entwickeln sich im Laufe des Abends dialogischer Witz und improvisatorisches Augenzwinkern. Bitterbös indes noch immer des Liedermachers Sarkasmus auf spießbürgerlicher Idylle: "Samstags nach der Tagesschau, schlägt Vati Mutti grün und blau, denn eigentlich will er das ist klar, zu Frank in die Homobar." Zeitlos auch immer noch sein Lied Vaterland, in dem der Sohn sich für das rechte Gedankengut begeistert und der Vater, der Leid und Unterdrückung der Nationalsozialisten erlebt hat, hilflos zusehen muss, bis ein Unglück passiert. Mit Liedern wie Flaschenpost oder Lass mich einfach nicht mehr los spürt der besinnliche Romantiker stets und immer wieder neu dem Zauber des Lebens und der Liebe nach.

Hier leuchtet durch die Zeilen - wenngleich für Augenblicke nur - ein veränderter Konstantin Wecker auf, der eher heimlich, still und leise sozialkritische und politische Erfahrungen in poetisch anrührend miteinander zu verbinden versteht. Mit Standing Ovations endet nach fast drei Stunden für Künstler und Publikum ein Abend in Liedern, die bisweilen ein halbes Leben umspannen - Lieder, die gerade darin ein wenig Kraft vermitteln können, dem Anderen und nicht zuletzt sich selbst treu zu bleiben. Von Stefan Rathje