Gemütsmensch mit Wut

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

04.03.2005

Quelle

Leipziger Volkszeitung

Autor / Interwiever

Jürgen Kleindienst

"Man muss den Flüssen trauen" hat Konstantin Wecker mal einen Gedichtband mit "unordentlichen Elegien" überschrieben. Jetzt campiert er mit neuer CD "Am Flussufer" und traut sich selbst. Am Mittwochabend im nicht ausverkauften Gewandhaus pfeift er den Fans erstmal eins.

Aus dem Dunkel kommt er dazu geschlurft - die Band hat schon zu spielen begonnen -, und singt "Dem Mond entgegen".

"Was ist mit dem Wecker los?", fragt er nach diesem leichtfüßigen Chanson über einen, der seine Identität an den Nagel hängt. Ist Wecker, der Kampfbrocken, an dem früher nach dem dritten Titel der Schweiß runterrann, gemütlich geworden? Ach was! Ironisch haut der Mann in Sakko und Jeans seinen alten Song "Revoluzzer" in den Flügel. Quintessenz: "Aba wer macht si scho die Plog und revoluzzt den ganzn Dog".

So reimt ein Gemütsmensch, der nicht nur auf den Barrikaden, sondern auch im Biergarten zu Hause ist. Da fliegen die Gläser erst, wenn bei denen am Nachbartisch das Maß voll ist. Und darauf, dass Wecker-Songs nicht aus der Zeit fallen, ist leider Verlass. Breitseiten bekommen Börsianer oder Kampfspießer. An die Nieren geht "Vaterland", ein düsteres Lied, das schon früh den Einmarsch der Nazis in Parlamente und Hirne vorausahnte. Zum ersten Mal dauert der Applaus an. Der Funke springt, die Wärme bleibt. Wecker-Konzerte feiern das Wiedererkennen, der Künstler und sein Publikum vergewissern sich gegenseitig: Wir sind nicht allein, zeigen dem Wahnsinn den Stinkefinger.

Hauptsächlich aber findet das Konzert im Poetenhain statt. Hier, am Flussufer, diesem dem Lieblingsdichter Rilke geweihten Weckerland, in dem viel über "das Sein" und "das Wesentliche" meditiert wird, geht der Blick nach innen. "Flaschenpost" treibt vorbei, ein berührender Vater-Sohn-Dialog von der neuen CD. Der Blick geht über "Das ganze schrecklich schöne Leben", ebenfalls neu. Die Liebe ist ein Fest: "Lass mich einfach nicht mehr los... selbst wenn nicht mehr so viel für mich spricht."

Und es wird zünftig gescherzt. Über den Wahn, aus allem den Kern herauszupulen: "Und jetzt suchen wir mal alle nach dem Sinn. Denn der Sinn liegt immer irgendwo drin." Über den Tod, der sich nicht an die Berechnungen hält ("Statistisch erwiesen"). Über einen 70-Jährigen, der seinen Besitz verschenkt ("Präposthum"). Ein Rentneraufstand, "geschrieben in vorauseilender Solidarität", wie der Autor grinsend erläutert.

Bei diesen wunderbar überdrehten Nummern läuft die Band mit Jo Barnikel (keyb) Hakim Ludin (perc) und Norbert Nagel (sax, cl, fl) zu Hochform auf. Hakum Ludin ragt manchmal aber zu laut in die Ruhe. Wenn Wecker "tönende Stille" besingt, macht er zu viel Aufhebens an den Becken. Das ergreifende "Wiegenlied" überlädt er mit Glöckchengeläut. Gegen Ende summt noch die Verstärkeranlage bedenklich, während Wecker Zugabe auf Zugabe aus dem Fundus seiner unübertroffenen Sehnsuchts-Fetzen holt. Stehend feiert man "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", "Liebeslied" oder "Ich lebe immer am Strand". Nach über drei Stunden ist das Konzert zuende, der Sänger verausgabt. Man kann ihm schon trauen, dem Wecker.