Neue und alte Lieder präsentiert

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

06.03.2005

Quelle

Marburger Neue Zeitung

Autor / Interwiever

Jan Opielka

Konstantin Wecker in Marburg


Marburg. Ein Lied pfeifend, ruhig und lächelnd betritt er die Bühne, um diese drei Stunden später unter stehendem Applaus wieder zu verlassen. Dazwischen erleben die 900 Zuhörer in der Marburger Stadthalle ein faszinierendes Repertoire zwischen rebellischen Protestliedern sowie poetischen Liebeserklärungen an das Leben und an die Liebe.

Der 57-jährige Konstantin Wecker hat nichts eingebüßt von der eindringlichen Kraft und der permanenten Störfreude, die in seinen selbstkomponierten und eigengetexteten Liedern zu vernehmen sind. Obgleich sein neues Album "Am Flussufer" wesentlich ruhiger und unpolitischer als noch das Vorgängeralbum daherkommt, klingen am Freitagabend in Marburg die älteren Songs, als seien sie gerade erst vorgestern geschrieben.

Der Künstler steht hinter seinen Aussagen, auch 30 Jahre später noch. Da wäre etwa der Weckersche Klassiker "Vaterland", ein Lied gegen den Faschismus und die Ewiggestrigen, die, so Wecker, heute wieder lauter zu vernehmen seien, etwa im sächsischen Landtag.

Oder das Protestlied "Sage nein!". Das bekommt den meisten Applaus, nachdem sich Wecker wütend durch die flammenden Liedzeilen hindurchsingt und seine Zuhörer vehement dazu auffordert, zu toben, zu zürnen und sich einzumischen, wenn das Herz, der Verstand und die Situation es gebieten. Und dennoch klingen die Lieder, trotz ihrer häufigen Tendenz zur Moral und sogar zur Anklage, eben nicht belehrend. Sie sind einfach Plädoyers eines überzeugten und überzeugenden Künstlers, der Zeit seines Lebens auf der Suche war - und sich immer noch auf der Suche befindet.

Die neuen Stücke spiegeln eine Art neuer Etappe innerhalb jener Suche wider, die auch am Flussufer und, so Wecker, eben auch in der Stille geschieht. "Die Stille trägt eine unglaubliche revolutionäre Kraft in sich", sagt der zweifache Vater Wecker. Wir hätten diesen Genuss der wirklichen Stille schon fast verlernt, vor lauter Konsum und rastlosem Zeithinterherjagen. Es gelte also, die stille neu zu entdecken.

Auch die weniger eindringlichen, eher sanft vorgetragenen Lieder, überzeugen auf ganzer Breite. Etwa "Vom Sinn", eine satirische Spitze auf die ständige Sinnsuche in Allem und Jedem. Pointiert stichelt Wecker sodann gegen unsere Risikovermeidungsgesellschaft, die sich aus Hoffnung auf ein längeres Leben in Enthaltsamkeit übe und auf fragwürdige Statistiken vertraue.

Wecker entgegnet singend "..die Methode ist hinterlistig. Glaubt ihr wirklich, der Tod ist so dumm, und hält sich an die Statistik?"

Die Weckersche Combo, bestehend aus Pianist Jo Barnikel, Percussionist Hakim Ludin und Saxophonist Norbert Nagel, beeindruckt den ganzen Abend über mit überraschenden Tempi- und Rhythmuswechseln, pointierten Einsätzen und einem emotionsgeladenen Improvisationsspiel. Bei den Zugaben kommt Wecker von der Bühne herunter und gönnt sich das Bad in der menge, sprich im Publikum, das mit ihm singt oder zumindest klatscht.